Wer ist denn nicht für Frieden?

Moosdorfer Friedensdenkmal

Moosdorfer Friedensdenkmal | Foto: Karl Traintinger, Dorfbild

Pax vobiscum! Auch in lebenden Sprachen wünschen sich Menschen weiterhin Frieden. Aber was will damit eigentlich gesagt sein? Was verstehen wir unter dem Begriff „Frieden“? Bedeutet er für alle Erdbewohner dasselbe?

Reinhard Lackinger

Von Reinhard Lackinger,
Pensionierter Beislwirt in Salvador, Bahia, Basilien

Als wir in den 1990er-Jahren öfter mit dem Auto durch Mitteleuropa fuhren, gaben uns unterwegs Spaziergänger mit osteuropäischem Akzent Auskunft. Ich schloss daraus, dass jene Flüchtlinge vom Balkan die Möglichkeit nutzten, in Frieden durch die Natur zu wandeln – ohne Gefahr zu laufen, erschossen zu werden oder auf eine Tretmine zu treten. Währenddessen saßen die Einheimischen bequem daheim vor dem Fernsehapparat oder in der Shopping-Mall.

Für uns Bewohner Amerikas und Europas – der sogenannten Zuckerseite der Welt – dürfte Frieden heute etwas anderes bedeuten als für unsere Brüder und Schwestern, die das Pech haben, in Regionen zu leben, die immer wieder von Unruhen und Kriegen heimgesucht werden. Iraker betrachten sich wahrscheinlich schon als glücklich, wenn ihr Heim in der vergangenen Nacht nicht von einer „intelligenten“ Bombe zertrümmert wurde … ebenso Palästinenser.

Wie haben wir damals gefühlt, als in den 1940er-Jahren die Feinde ihre Panzer durch unsere Straßen lenkten, den Asphalt und unser Selbstwertgefühl zertrümmerten? Begegneten wir den Besatzungssoldaten mit Frieden im Herzen, nur weil mit der Kapitulation der Krieg ohnehin schon beendet war?

Genügt die Abwesenheit von Kriegsmaschinen und Soldaten, um von Frieden zu sprechen? Reicht es, „neutral“ zu sein, um mit allen Mitmenschen in Frieden zu leben?

Um uns dem Thema „Frieden“ zu nähern, fragen wir uns doch zunächst: Wie sieht Friedlosigkeit aus? Früher war es notwendig, zur Waffe zu greifen, um Hab und Gut des anderen an sich zu reißen. Heute kennt der Kapitalismus modernere Methoden, um uns das Geld aus der Tasche – oder gleich direkt vom Bankkonto – zu ziehen. Mit anderen Worten: Heutzutage schwingt Bruder Kain keine Keule mehr …

Dürfen wir uns tatsächlich als friedlich und friedfertig bezeichnen, nur weil wir keine Waffen tragen, keine Arsenale besitzen, sondern höchstens Briefmarkensammlungen und wunderbar bebilderte Sachbücher im Haus aufbewahren?

Müssten wir nicht leichten Verdacht hegen, denken und annehmen, dass die für Krieg und Unfrieden Verantwortlichen nicht nur unter den Oberbefehlshabern zu suchen sind, unter den Kapitänen der Flugzeugträger und den Manipulierern „intelligenter“ Bomben – sondern auch unter den direkten und indirekten Nutznießern jener vielbesungenen „Freiheit“ und mit Waffengewalt geschützten „Demokratie“, die es uns weiterhin gestattet, gedankenlos zu konsumieren, Container um Container mit Wegwerfmüll vollzustopfen und den Planeten zu verdrecken …

Aber was soll’s? Wir haben doch mit dem Krieg nichts zu tun! Wir wollen nur den Frieden – und gehen sogar pünktlich zu jeder Friedensdemo … donnerstags. Sollte jemand kommen und uns einer Friedensstörung bezichtigen, würde er aber unsere empörte Entrüstung zu hören bekommen. Und das Lied: „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind …“

Ein impertinenter Querulant insistiert und behauptet: – Jeder, der auch nur eine Marihuana-Zigarette raucht oder ein Gramm Kokain schnupft, kämpft den Krieg gegen die Drogen auf der Seite des Feindes – der Drogenmafia.

– Jeder, der sich während seines Urlaubs in Thailand oder Brasilien von einer minderjährigen Schönen „verwöhnen“ lässt …

– Jeder, der widerstandslos die Vorteile eines Staates nutzt, die dieser durch Umweltverschmutzung, ungerechte Wirtschaftsverhältnisse, Militärmacht oder andere Gaunereien erworben hat – der verteidigt einen fragwürdigen Status quo.

Wir alle sind für den Frieden! Wir alle wollen in Frieden leben, unsere Kinder in Frieden erziehen, brasilianischen Orangensaft trinken, Billigprodukte aus weiß-der-Teufel-wo kaufen, im Club Med der Dominikanischen Republik Urlaub machen – wohlernährt, braungebrannt und mit einem strahlenden Lächeln ins Kameraobjektiv blicken. Und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen – seit der „Neuen Botschaft“ sogar einen friedvollen alten Herrn …

Die Armen irgendwo in Afrika, im Nahen Osten oder in Lateinamerika sollen schauen, wie sie zurechtkommen …

Reinhard Lackinger wünscht den Leserinnen und Lesern von Onkel Reinhards Kulturtagebuch frohe Ostern – mit hart gekochten und schön bemalten Eiern, Würsten, rohem Schinken aus San Daniele, Rollschinken, Meerrettich (den die Deutschen bekanntlich „Kren“ nennen) und einem guten Brot für das Essen nach der Auferstehung. Alles geweiht am Gründonnerstag … versteht sich!

Brasilien, 17. 4. 2003

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