Jüdische Geschichte und Erinnerungskultur in Bad Tölz
In der Marktstraße erinnern die Ge(h)denksteine an jüdische Menschen, die in Bad Tölz lebten, arbeiteten oder als Kurgäste zu Besuch waren. Viele von ihnen wurden während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt und ermordet.

Von Karl Traintinger
Die Ge(h)denksteine sind ein eigenständiges Tölzer Erinnerungsprojekt. Geschaffen wurden sie von Birgit Niedernhube aus Reichsbeuern. Der Bad Tölzer Stadtrat beschloss ihre Einrichtung am 26. Juli 2005. Unterstützt wurde das Vorhaben unter anderem von Marie-Luise Schultze-Jahn (1918-2010), einer Zeitzeugin und ehemaligen Angehörigen der Münchner Widerstandsgruppe „Weiße Rose“.
Jüdisches Leben im Kurort
Ab etwa 1861 ließen sich jüdische Familien dauerhaft in Bad Tölz nieder. Zugleich entwickelte sich der Kurort zu einem beliebten Ziel jüdischer Sommerfrischler aus verschiedenen Teilen Deutschlands. Eine wichtige Adresse war das Parkhotel Hellmann in der Buchener Straße. Die jüdische Familie Hellmann führte dort von 1913 bis 1936 ein koscheres Restaurant. Das Haus genoss einen ausgezeichneten Ruf. 1914 sollen dort auch Mitglieder des bayerischen Königshauses zu Gast gewesen sein.
Zum jüdischen Leben der Stadt gehörten außerdem Geschäftsleute wie Samuel Abraham Sandbank. Sein Trachtengeschäft in der Marktstraße war für die „Freundlich-Joppen“ bekannt. Die Kaufleute Alexander Kohn und Josef Freundlich sowie die Journalistin und Schriftstellerin Dorothea Schneidhuber waren Teil der Tölzer Stadtgesellschaft.
Verfolgung und Mord
Nach 1933 wurde das jüdische Leben systematisch zerstört. Jüdische Menschen wurden ausgegrenzt, enteignet und zur Auswanderung gezwungen. 1935 durften jüdische Händler nicht mehr am Tölzer Jahrmarkt teilnehmen. Josef Freundlich emigrierte 1936 mit seiner Frau nach Palästina. Zuvor hatte der Imker Florian Egger seine Bienenvölker zu einem fairen Preis übernommen und ihn damit unterstützt – ein Zeichen persönlichen Anstands in einer Zeit, in der viele schwiegen oder von der Entrechtung ihrer jüdischen Mitbürger profitierten.
Die Familie Sandbank wurde nahezu vollständig Opfer des Holocaust. Samuel Abraham Sandbank starb 1942 in Theresienstadt, seine Frau Sarah wurde dort 1944 ermordet. Auch die Söhne Oskar und Moritz, Moritz’ Ehefrau Luise sowie die Kinder Berta und Martin wurden getötet. Salomon Sandbank nahm sich 1940 das Leben.
Die Schriftstellerin Dorothea Schneidhuber wurde 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet. Als einzige jüdische Frauen überlebten Maria Much und Klara Streber die NS-Zeit in Bad Tölz. Klara Streber hatte das Konzentrationslager Theresienstadt überstanden.







Ein kurzer Neuanfang
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstand in Bad Tölz eine jüdische Gemeinde für sogenannte Displaced Persons – Menschen, die durch Krieg und Verfolgung ihre Heimat verloren hatten. Im August 1947 gehörten ihr 61 Menschen an. Gemeindezentrum, Kulturraum und Betsaal befanden sich am Max-Höfler-Platz. Viele Gemeindemitglieder bereiteten bereits ihre Auswanderung nach Israel oder Nordamerika vor. 1951 wurde die Gemeinde aufgelöst.
Heute erinnern die Ge(h)denksteine und weitere Bildungsprojekte an diese Geschichte. Die Ausstellung „Namen statt Nummern“ stellte im Frühjahr 2024 die Lebensgeschichten von Häftlingen des Konzentrationslagers Dachau vor. Beteiligt waren das Katholische Bildungswerk und Schülerinnen und Schüler des Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums.
Die Ge(h)denksteine erinnern damit nicht nur an Verfolgung und Mord. Sie machen auch sichtbar, dass jüdisches Leben über Jahrzehnte ein selbstverständlicher Teil der Geschichte Bad Tölzs war. Adressiert an die Gegenwart, stehen sie für die Verantwortung, diese Biografien im Gedächtnis zu bewahren und Ausgrenzung entschieden entgegenzutreten.

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