Wer heute durch die Einfahrt von Schloss Kleßheim geht, passiert zwei monumentale Steinadler aus der NS-Zeit. Die rund drei Meter hohen Skulpturen auf den Torhäusern stammen aus der Werkstatt des Halleiner Bildhauers Jakob Adlhart d. J. und wurden ab 1940 geschaffen, als das barocke Schloss zum repräsentativen Gästehaus für Adolf Hitler umgebaut wurde.

Von Karl Traintinger
Die Adler sind Teil jener Machtsymbolik, mit der das NS-Regime seine Architektur auflud. Kraftvoll stilisiert, blockhaft und monumental sollten sie schon an der Zufahrt den Herrschaftsanspruch des Regimes sichtbar machen. Staatsgäste wie Benito Mussolini oder Miklós Horthy passierten dieses Tor.
Kulturhistorisch sind die Figuren doppelt aufgeladen. Zum einen gelten sie als qualitätsvolle Arbeiten eines regional bedeutenden Bildhauers. Adlhart war in Salzburg etabliert. Er schuf unter anderem der Vier-Masken-Block am Festspielhaus und die sechs Genien im Toscaninihof sowie zahlreiche sakrale und öffentliche Werke. Zum anderen sind die Kleßheimer Adler untrennbar mit der Bildsprache und Repräsentationspolitik des Nationalsozialismus verbunden. Auch die steinernen Löwen für die damalige Dr.-Todt-Brücke in Salzburg zählen zu seinen bekannten NS-Auftragswerken. Die Löwen stehen heute vor dem Linzer Hauptbahnhof.
Gerade deshalb werfen die Adler bis heute Fragen auf. Sie stehen noch immer an prominenter Stelle, sind aber vielen Besucherinnen und Besuchern in ihrer historischen Bedeutung kaum bewusst. Erklärende Infotafeln habe ich nicht gefunden. Schloss Kleßheim ist somit nicht nur ein architektonisch bedeutender, sondern auch ein erinnerungspolitisch sensibler Ort. Der Umgang mit NS-belasteten Kunstwerken im öffentlichen Raum bleibt eine Herausforderung: Sie können nicht unkommentiert Teil des Alltags bleiben, ohne dass ihre Entstehung und Funktion mitgedacht werden.
Die Steinadler von Kleßheim sind damit mehr als historische Dekoration. Sie sind sichtbare Zeugnisse einer Zeit, in der Kunst und Architektur gezielt in den Dienst politischer Macht gestellt wurden.






Siehe auch:
Der rostige Thorak Pavillon – heute Stadtgalerie >

Buchtipp: „Der Bildhauer Jakob Adlhart“ von Adolf Hahnl
Aktualisierter Nachdruck der 1. Auflage von 1980
Erschienen 2026 im Verlag St. Peter Salzburg

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«Wer heute durch die Einfahrt von Schloss Kleßheim geht, passiert zwei monumentale Steinadler aus der NS-Zeit. Die rund drei Meter hohen Skulpturen auf den Torhäusern stammen aus der Werkstatt des Halleiner Bildhauers Jakob Adlhart d. J. und wurden ab 1940 geschaffen, als das barocke Schloss zum repräsentativen Gästehaus für Adolf Hitler umgebaut wurde.» schreibt Karl Traintinger. Erklärende Infotafeln fand Karl Traintinger nicht.
Ich würde es auch wichtig finden, wenn man dort erklärende Infotafeln anbringen würde an die furchtbare Zeit des Nationalsozialismus in Österreich. Viele Österreicher waren an den Verbrechen der Nazis beteiligt. Einige Österreicher, die ich kannte, konnten sich 1938 in die Schweiz retten, sonst hätte man sie umgebracht, Friederich Liebling mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern, die Familie Rattner und Horowitz.
Vermutlich sehen auch viele Schweizer und Schweizerinnen Österreich heute noch eher als ein Opfer Hitlers, nicht so sehr als Mittäter an den Verbrechen der Nazis. Fakt ist aber: 690’000 Österreicher gehörten der Nationalsozialistischen Arbeiter Partei Deutschlands Hitlers an und 1,2 Millionen Österreicher dienten im Zweiten Weltkrieg in der deutschen Wehrmacht. Aus Wien wurden allein zwischen 1941 und 1942 100’000 Juden vertrieben und umgebracht. Auschwitz, Theresienstadt, Minsk, Izbica usw. war für sie die tödliche Destination.
Unter dem Regime der Nationalsozialisten wurden die geistig und körperlich behinderten Menschen, die als „minderwertig“, „unwertes Leben“, als Ballastexistenzen“ und „unnütze Esser“ ihrer Menschenwürde und Lebensrechtes beraubt wurden, zum Opfer der ersten grossen staatlichen organisierten Massenmordaktion, der Euthanasie. Die Zahl der Tötungen soll in Österreich zwischen 5’000 – 8’000 betragen haben. 1943 wurden in Österreich 700’000 Menschen in der Kartei der Erbbiologischen Bestandesaufnahme vermerkt. Neben Geisteskranken, Behinderten, alle Arten von „Asozialen“, verwahrlosten Kindern und Jugendlichen, Alkoholikern und dergleichen, einschliesslich aller lebenden Vorfahren und Nachkommen („Sippschaft“) wurden aufgenommen.
Eine Endlösung der sozialen Frage, also eine Ausrottung der gesamten „minderwertigen“ angesehenen Unterschicht der Gesellschaft war geplant. Da „Asozialität“ als erblich und „rassisch“ bedingt angesehen wurde, galt Wien (mit seinen geringen „nordischen“ und hohen „slawischen und jüdischen Anteil) als besonders verseucht. Schon Adolf Hitler hatte in seinem Buch „Mein Kampf“ Wien als Verkörperung der Rassenschande geschildert.
Österreichische Ärzte, unter anderen Dr. Heinrich Gross waren in der städtischen Wiener NS-Erziehungsanstalt „Spiegelgrund“ auch an Euthanasie Programmen beteiligt, und an den grausamen Behandlungen und an Experimenten an Kindern und Jugendlichen, die dort interniert waren. Ein Jugendlicher, auch mit dem Familiennamen Gross, Johann Gross war eines der Opfer des Mediziners Heinrich Gross. Dieser Johann Gross wurde 1930 in Wien geboren. Nach diversen Pflegplätzen kam er in ein Waisenhaus in Mödling. Nach drei Fluchtversuchen wurde er in die Wiener städtische Erziehungsanstalt „Am Spiegelgrund“ eingeliefert. Als Überlebender der NS-Anstalt Spiegelgrund hat er einen eindruckvollen, erschütternden Bericht über sein Leben als Kind und Jugendlicher an diesen Orten des Schreckens geschrieben. (Johann Gross, Spiegelgrund Leben in NS-Erziehungsanstalten, Überreuter, Wien 2000)
Dr. Wolfgang Neugebauer, Leiter des Dokumentationsarchives des österreichischen Widerstandes, schilderte im Nachwort des Buches von Johann Gross, wie die Opfer der NS-Erziehungsanstalt Spiegelgrund Jahrzehnte geschwiegen haben. Sie hatten es nicht gewagt, mit ihren Berichten an die Öffentlichkeit zu treten, weil sie vom NS-Regime als „asozial“ oder „kriminell veranlagt“ abgestempelt wurden. Auch nach 1945 wurden sie diskriminiert und mussten zusehen wie ehemalige Nationalsozialisten und NS-Täter Karriere im Nachkriegsösterreich machten, unter vielen anderen der Spiegelgrund Arzt Dr. Heinrich Gross. Er machte in Österreich als bestverdienender Gerichtsgutachter ein Vermögen. Erst im Zuge der Kontroversen um die Euthanasietätigkeit dieses Spiegelgrundes Arztes Dr. Heinrich Gross hat sich das öffentliche Klima zugunsten der Opfer geändert.
Im Internet, unter http://www.gedenkstaettesteinhof.at, kann eine Ausstellung des Dokumentationsarchives des österreichischen Widerstandes im Otto Wagner-Spital der Stadt Wien besichtigt werden.