Die Jugendstil-Fliesenbilder im Salzburger Hauptbahnhof erzählen Stadt- und Kunstgeschichte – und begrüßen seit über hundert Jahren die Ankommenden mit Bildern aus dem Salzburger Land.

Von Karl Traintinger
Wer die Vorhalle des Salzburger Hauptbahnhofs betritt und den Blick hebt, entdeckt über den Türen und Durchgängen farbige Landschaftsbilder aus Keramik. Sie zeigen unter anderem den Bad Gasteiner Wasserfall, den Zeller See mit dem Kitzsteinhorn, die Festung Hohensalzburg, den Großglockner – Motive, die Reisende schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf die Schönheit Salzburgs einstimmen sollten.
Jugendstil im Bahnhof
Der Salzburger Hauptbahnhof ist ein herausragendes Beispiel für Wiener Jugendstilarchitektur. Zwischen 1905 und 1909 entstand unter der Leitung von Hans Granichstaedten ein Empfangsgebäude, das funktionale Modernität mit künstlerischer Eleganz verbindet. Der Architekt schuf ein Bauwerk, das Technik und Ästhetik harmonisch vereint.
Besonderes Augenmerk gilt den Fliesenbildern in der Vorhalle, die den Geist dieser Epoche lebendig zeigen. Für ihre Gestaltung beauftragte Granichstaedten vier Künstler: Hans Prutscher, Otto Barth, Hans Wilt und Hubert von Zwickle. Sie schufen großformatige, glasierte Keramiken mit Ansichten aus Stadt und Land Salzburg – vom Zeller See über den Großglockner bis zur Festung Hohensalzburg.
So entstand ein farbenprächtiges Panorama, das Besucher:innen noch heute empfängt – ein frühes, bis heute lebendiges Beispiel für Kunst am Bau im Jugendstil.
Von der Moderne verdeckt
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich das Erscheinungsbild des Bahnhofs mehrfach. Neue Verkleidungen und technische Anlagen ließen die Jugendstilbilder jahrzehntelang verschwinden. Nur wenige wussten, dass sich hinter den Wänden bedeutende Kunstwerke verbargen.
Erst im Zuge der umfassenden Bahnhofsmodernisierung zwischen 2009 und 2011 kamen die Fliesenbilder zufällig wieder ans Licht. Die Restaurator:innen Heike und Christoph Tinzl legten sie frei, reinigten und sicherten sie sorgfältig. Fehlende Stücke wurden ergänzt, beschädigte Partien behutsam restauriert. Heute sind die Werke wieder öffentlich sichtbar – und erinnern an eine Zeit, als selbst Bahnhöfe mit künstlerischem Anspruch gebaut wurden.
Otto Barth – der Maler der Berge
Eine besondere Rolle spielt der Künstler Otto Barth (1876–1916). Der Wiener Maler, Grafiker und begeisterte Alpinist verband seine Liebe zu den Bergen mit seiner Kunst. Gemeinsam mit seinem Freund Gustav Jahn bestieg er zahlreiche Gipfel – darunter auch den Großglockner und den Großvenediger. Diese Berge hielt er später auf den Fliesenbildern der Salzburger Bahnhofsvorhalle fest.
Barths Werk steht für eine neue Sicht auf die Natur: Die Berge erscheinen nicht als bedrohlich, sondern als Orte der Ruhe und Spiritualität. Dieses Verständnis prägt auch sein bekanntestes Gemälde „Morgengebet auf dem Großglockner“ (1911), das 2023 in der Ausstellung „Alpine Seilschaften – Bergsport um 1900“ in Krems gezeigt wurde.
Ein stiller Schatz im Alltag
Die wiederentdeckten Fliesenbilder im Salzburger Hauptbahnhof sind heute ein stilles, aber eindrucksvolles Zeugnis der Jugendstilkunst. Sie beweisen, dass selbst Orte der Bewegung und des Transits Platz für Kultur und Geschichte bieten.
Wer in Salzburg ankommt, sollte also kurz innehalten, bevor er weitergeht. Ein Blick nach oben genügt – und die Stadt begrüßt ihre Gäste nicht mit Zügen, sondern mit Farbe, Glanz und Geschichte.

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