Vor dreißig Jahren, am 19. Jänner 1996, starb Sigrun Benesch in Salzburg. Sie wurde Opfer eines tragischen Verkehrsunfalls, der das ganze Land bewegte.

Von Claudia Karner
Es muss im September 1995 gewesen sein, als ich Sigrun zum letzten Mal sah. Ich stand mit meinem Auto vor der Ampel an der Staatsbrücke und wartete auf die Grünphase, sie überquerte beim Rathausbogen die Straße. Wie schön, dachte ich, Sigrun ist wieder heil aus Amerika zurück! Ich hatte sie seit der Rückkehr noch nicht gesehen. Ihre Mutter Sigrid, mit der ich befreundet bin, hatte mir von den Ängsten erzählt, die sie plagten. Sigrun hingegen hatte versucht, diese zu entkräften. “You really don’t need to worry about me anymore, because I’ve learned to take care of myself…” schrieb sie ihr von ihrem USA-Trip. Ein Zeichen, dass sie, die 20-jährige Pädagogikstudentin, auf dem besten Weg war, erwachsen zu werden. Vergeblich versuchte ich, Sigrun durch heftiges Winken auf mich aufmerksam zu machen. Ihr blonder wippender Pferdeschwanz und ihr Rucksack waren das Letzte, das ich von ihr sah. Dann ging sie die Stufen der Fußgängerunterführung hinunter und verschwand aus meinen Augen. Es sollte für immer sein.

Am 10. Jänner 1996 wurde Sigrun Opfer eines Verkehrsunfalls, der das ganze Land bewegte. „Wir sehen uns erst morgen wieder, Mama. Ich übernachte bei Andrea. Mach dir keine Sorgen!“, so hatte sie sich in der Früh verabschiedet. Am Abend schaute sie sich mit ihrer Freundin die Spätvorstellung im “KINO” an, “Gilbert Grape“. Zum zweiten Mal, weil ihr der Film so gut gefiel. Um das Geld für das Taxi zu sparen, machten sie sich die beiden zu Fuß auf den Heimweg. Kurz nach Mitternacht passierte das Unfassbare. Ein schwer betrunkener Autofahrer geriet auf den Gehsteig der Schallmooser Hauptstraße und stieß die ahnungslosen jungen Frauen von hinten nieder. Ohne sich um die Verletzten zu kümmern, fuhr er weiter. Vier Stunden zuvor waren ihm bei einer Polizeikontrolle Führerschein und Autoschlüssel abgenommen worden, was den Mann aber nicht gehindert hatte, mit einem Ersatzschlüssel wieder ins Auto zu steigen.
Andrea wurde relativ leicht verletzt, Sigrun jedoch erlitt schwerste Kopfverletzungen. Zehn Tage lang kämpften die Ärzte um ihr Leben. Vergeblich. Am 19. Jänner ging Sigrun von dieser Welt. “Sanft und still, wie es ihre Art war”, steht in den Tagebuchnotizen der Mutter. Sie sind ein berührendes Dokument voll verzweifelter Hoffnung und Liebe. Der letzte Eintrag: Heimkehr aus dem Krankenhaus. Arthur, der kleine Bruder, der seine Schwester immer verehrte, fragt: ”Wann kommt Sigrun wieder heim?“ Pause. Niemand spricht. Entsetzt sieht er mich an. Er schmiegt sich an mich, kriecht schluchzend unter meinen Anorak. „Nie mehr, sie kommt nie mehr heim.”

Das Tagebuch war Grundlage für eine österreichweite Kampagne gegen Alkohol am Steuer, die Sigrid Benesch mit ihren Eltern initiierte. Dass Sigruns Tod nicht umsonst gewesen sein sollte, war der Wunsch der trauernden Hinterbliebenen. Es ist nicht in Zahlen zu fassen, wie viele “b’soffene” Unfälle durch die langjährige engagierte Aufklärungsarbeit verhindert wurden. Doch jedes vermiedene Leid, jede unvergossene Träne zählt. Darin fand nicht nur Manulla, wie Sigrun ihre Großmutter nannte, ein kleinen bisschen Trost.
Sigrun fand auf dem Gnigler Friedhof ihre letzte Ruhe. Ein Mensch ist erst tot, wenn sein Name vergessen ist, steht es im Talmud. Und deshalb schreibe ich immer und immer wieder Sigruns Namen.

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