Wenn Farbe auf Form trifft

Wenn Farbe auf Form trifft

Herbert Boeckl und Hans Josephsohn im Dialog

Seit der Renaissance wurde darüber diskutiert, ob Malerei oder Bildhauerei die höhere Kunst sei. Die Moderne hat diese Hierarchie beendet. In der Ausstellung mit Werken von Herbert Boeckl und Hans Josephsohn geht es deshalb nicht um einen neuen Wettstreit, sondern um den aufschlussreichen Dialog zwischen zwei Künstlern, die sich nie begegnet sind und dennoch überraschende Gemeinsamkeiten zeigen.

Von Karl Traintinger

Boeckl, der Maler, und Josephsohn, der Bildhauer, hielten trotz des Siegeszugs der Abstraktion an der menschlichen Figur fest. Beide verzichteten jedoch auf eine naturalistische Wiedergabe. Durch radikale Vereinfachung und Verdichtung lösen sie den Körper aus seiner individuellen Erscheinung und verleihen ihm eine allgemeine, beinahe zeitlose Wirkung.

Bei Hans Josephsohn stehen stelenartige Figuren, Köpfe und Halbfiguren wie archaische Monolithe im Raum. Ihre unregelmäßigen, von Spuren geprägten Oberflächen machen den Entstehungsprozess sichtbar. Josephsohn modellierte seine Werke in Gips; die Abdrücke des Auf- und Abtragens blieben in den späteren Bronzegüssen erhalten.

Auch Herbert Boeckl machte den Arbeitsprozess zum Bestandteil seiner Malerei. Seine kräftigen Pinselstriche und dick aufgetragenen Farbschichten verleihen den Bildern eine fast skulpturale Wirkung. Neben monumentalen Figuren zählen Landschaften zu seinen zentralen Bildthemen. Beiden Künstlern gemeinsam ist das Interesse an Materialität, Körperlichkeit und einer rauen, zerklüfteten Oberfläche.

Gerade im direkten Vergleich wird der Reiz der Ausstellung deutlich: Die plastische Präsenz der Skulpturen trifft auf die expressive Farbigkeit und den kraftvollen Duktus der Gemälde. Aus dem Gegensatz von Malerei und Bildhauerei entsteht ein spannungsreicher Dialog.

Boeckl und Josephsohn entzogen sich modischen Strömungen und entwickelten eigenständige, zeitlose Bildsprachen. Ihre Werke kreisen um Körper, Vergänglichkeit und die grundlegende Frage nach dem Menschsein. Die Zusammenschau eröffnet dabei neue Sichtweisen auf zwei Künstler, deren Arbeiten trotz aller Unterschiede eng miteinander korrespondieren.

Herbert Boeckl (1894–1966) wurde in Klagenfurt geboren und zählt zu den bedeutenden österreichischen Malern der Moderne. Seine expressiven Gemälde zeichnen sich durch kräftige Farben, einen energischen Pinselstrich und plastisch aufgebaute Farbschichten aus. Neben menschlichen Figuren widmete er sich auch Landschaften und religiösen Themen. Boeckl lehrte später an der Akademie der bildenden Künste in Wien.

Hans Josephsohn (1920–2012) geboren in Königsberg, lebte und arbeitete ab 1938 in Zürich. Er gilt als einer der wichtigen Schweizer Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Sein Werk konzentriert sich vor allem auf menschliche Figuren, Köpfe und Halbfiguren. Josephsohn arbeitete mit Gips und ließ seine Modelle anschließend in Bronze gießen. Die sichtbaren Spuren des Modellierens sind ein wesentlicher Bestandteil seiner ausdrucksstarken Plastiken.

HERBERT BOECKL – HANS JOSEPHSOHN
Archetypen des Figuralen
Bis 10.01.2027

Dorfzeitung.com

Freunde helfen der Dorfzeitung

Freunde helfen der Dorfzeitung durch ein Abo (=Mitgliedschaft)! Wir sind sehr stolz auf die Community, die uns unterstützt! Auf diese Weise ist es uns möglich, unabhängig zu bleiben. Ihre laufende Unterstützung macht den Unterschied.

Es gibt zwei einfache Wege, zum Freund der Dorfzeitung zu werden.

Überweisung der Abogebühr (ohne Kreditkartenabo)
Sie werden für ein Jahr ein außerordentliches Vereinsmitglied (ohne Rechte und Pflichten) des Herausgebervereins (Kulturverein Dorfzeitung KULTUR online) zum Jahrespreis von 54 €. Es ist dazu ihre Post- und E-Mailadresse notwendig, damit wir die Rechnung für den Mitgliedsbeitrag schicken können. Nach Eingang der Zahlung bekommen Sie einen Steady-Gastzugang für 1 Jahr. Verlängerungen sind möglich. Kontaktformular >

Direktabo mit Kreditkartenzahlung
Ein weiterer Weg ist ein Direktabo via Steady, wie es im Folgenden beschrieben und angeboten wird.

INSERT_STEADY_CHECKOUT_HERE

Kommentar hinterlassen zu "Wenn Farbe auf Form trifft"

Hinterlasse einen Kommentar