Neun Jahre nach seiner Premiere zieht Call Me by Your Name* noch immer Menschen aus aller Welt in die norditalienische Provinz. Nicht wegen spektakulärer Kulissen oder eines Freizeitparks, sondern wegen einer Atmosphäre. Wegen eines Sommers, der nie ganz vergangen scheint. Genau darin liegt die besondere Kraft des Kinos: Es erzählt nicht nur Geschichten – es verankert sie an Orten, die dadurch Teil unserer eigenen Erinnerung werden.

Von Leo Fellinger
Als wir unserer Enkeltochter zu ihrem 16. Geburtstag eine Reise nach Crema schenkten, schenkten wir ihr deshalb weit mehr als ein verlängertes Wochenende. Sie ist ein großer Fan des Films und kannte jede Szene, jede Gasse, jede Kameraeinstellung beinahe auswendig. Trotzdem war die Begegnung mit den Originalschauplätzen etwas völlig anderes. Erst vor Ort wurde sichtbar, wie sehr Film und Wirklichkeit miteinander verschmelzen können.
Crema selbst wirkt dabei fast überraschend unaufgeregt. Die Stadt hat sich ihre Gelassenheit bewahrt. Unter den Arkaden trinken Einheimische ihren Espresso, Fahrräder lehnen an alten Mauern, auf den Plätzen wird geredet und gelacht. Der Film hat diesen Ort berühmt gemacht, aber er hat ihn nicht verändert. Gerade das macht seinen Zauber aus.
Natürlich suchten auch wir die ikonischen Schauplätze auf: die berühmte Holztür in der Via Dante Alighieri, an der Elio und Oliver ihre zärtlichsten Momente teilen, die Plätze rund um den Dom oder die versteckt liegenden Drehorte außerhalb der Stadt. Vor der Tür bildete sich eine kleine Schlange. Fans aus unterschiedlichen Ländern warteten geduldig auf ihr Foto. Manche hinterließen kleine Botschaften oder ihre Namen – fast wie ein stilles Ritual für eine Geschichte, die sie tief berührt hat.
Besonders eindrucksvoll war jedoch nicht das Fotografieren, sondern die Begegnung mit anderen Menschen. In einer Trattoria trafen wir Besucher aus Deutschland, die aus demselben Grund nach Crema gereist waren. Später lernten wir Alberto kennen, der mittlerweile spezielle „Elio & Oliver“-Touren zu den Drehorten anbietet. Eine ganze kleine Tourismuswelt ist rund um einen Film entstanden, dessen größte Stärke gerade seine leisen Töne sind.
Vielleicht ist genau das das Geheimnis großer Filme. Sie schaffen Erinnerungsorte, selbst für Menschen, die nie Teil der erzählten Geschichte waren. Gute Filme enden nicht mit dem Abspann. Sie wirken weiter, verändern den Blick auf Landschaften und Städte und wecken den Wunsch, diese Orte selbst zu erleben.
Auch außerhalb der Stadt setzt sich diese Faszination fort. Die Villa Albergoni, im Film das Zuhause der Familie Perlman, bleibt bis heute ein privates Anwesen und entzieht sich bewusst dem Massentourismus. Der Fontanile Quarantina, Elios geheimer Rückzugsort, liegt noch immer still zwischen Feldern und Bäumen. In Bergamo erinnern Gassen und Plätze an die letzten gemeinsamen Tage der beiden Hauptfiguren, am Gardasee werden Landschaft und Geschichte beinahe eins. Überall begegnet man Menschen, die nicht einfach Sehenswürdigkeiten abhaken, sondern den Spuren einer Geschichte folgen.
Unsere Reise machte noch etwas anderes deutlich: Kino verbindet Generationen. Während unsere Enkeltochter die Welt ihres Lieblingsfilms entdeckte, erlebten wir dieselben Orte mit einem anderen Blick. Daraus entstanden Gespräche über Liebe, Erinnerungen, das Erwachsenwerden und darüber, warum manche Geschichten zeitlos bleiben. Am Ende waren es nicht die Fotos oder die Drehorte, die uns am stärksten in Erinnerung blieben, sondern diese gemeinsamen Momente.
Vielleicht ist das die größte Leistung des Films überhaupt: Er hat nicht nur Norditalien zu einem Sehnsuchtsort gemacht. Er hat Menschen aus verschiedenen Ländern und Generationen zusammengeführt – lange nachdem die Kameras ausgeschaltet wurden. Dass Fans auch Jahre später noch an die Originalschauplätze reisen, zeigt eindrucksvoll, welche kulturelle Kraft das Medium Film bis heute besitzt. Es schafft Orte, die mehr sind als Kulissen. Es schafft Erinnerungen, die Menschen selbst erleben möchten.
*Eine Erklärung für alle, die nicht wissen, um welchen Film es sich dabei handelt: „Call Me by Your Name“ ist ein sensibles, von Luca Guadagnino im Jahr 2017 inszeniertes Liebesdrama. Im Sommer 1983 verbringt der 17-jährige Elio (gespielt von Timothée Chalamet) die Ferien in der norditalienischen Villa seiner Eltern in Crema. Als der 24-jährige US-amerikanische Doktorand Oliver (Armie Hammer) als Gast seines Vaters anreist, entwickelt sich zwischen Elio und Oliver eine intensive, leidenschaftliche und schmerzhafte Liebe. Die Handlung ist geprägt von Müßiggang, Hitze, Musik, Schwimmen und Fahrradausflügen in der malerischen Provinz. Es ist nicht nur ein Entdecken der Liebe und der damit verbundenen Suche nach der eigenen Identität, sondern eine feinsinnige Coming-of-Age-Geschichte über Begehren, Unsicherheit und sexuelle Selbstfindung. Vergänglichkeit und Schmerz geben einander die Hand – der Abschied am Ende des Sommers markiert das Ende der Romanze und hinterlässt eine tiefe emotionale Spur. Ein Film über einen Sommer, der nie ganz vergeht, und darüber, wie Orte Gefühle speichern können. Ein unglaublich dichter Film, der an die besten Zeiten des französischen Films erinnert – mit Alain Delon und Romy Schneider zum Beispiel.
Ein LOVELECTRIC-Roadtrip auf den Spuren von Elio und Oliver
Link zum Reisebericht auf lovelectric.at >

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