Gestern war so ein Tag, an dem man kurz an der Realität zweifelt. Der Winter hat mit voller Wucht den Frühling überfallen – ungefähr so subtil wie Donald Trump Minnesota. Sonntag noch mit dem Motorrad unterwegs, Sonne im Gesicht, das Leben halbwegs im Griff. Heute: Schnee. Viel Schnee. Kalt. Unfreundlich. Fast schon persönlich.

Von Alois Schöninger
Hallein, Salzburg
Also steh ich an der Bushaltestelle. Ich, freiwillig. Das allein ist schon bemerkenswert.
Neben mir: Schulkinder. Eingepackt wie kleine Michelin-Männchen, alle wieder zurück in den Wintermodus gezwungen. Dicke Flocken fallen, und wir schauen alle ein bisschen so, als hätten wir das nicht bestellt.
Der Bus kommt. „Schülerbus“ steht oben. Ich denke mir noch: Na gut, wird schon passen.
Ich steig ein.
Der Fahrer schaut mich an. Ich ihn auch. Ich: „Darf ich mitfahren?“ Er: „Ha?“ Ich, etwas präziser: „Fahren Sie zum Bahnhof oder kommt noch ein zweiter Bus?“ Er: „Jo.“ Ich: „Was heißt jo?“ Er (jetzt minimal konkreter): „Mitfahren.“
Gut. Klarheit ist überbewertet.
Dann plötzlich – aus dem Nichts – will er einen Ausweis sehen. Relativ harsch. So in einem Ton, der keinen Raum für Diskussion lässt. Ich bin kurz irritiert. Ich fahr die Strecke ja nicht zum ersten Mal. Normalerweise kennt man sich. Da wird genickt, vielleicht gemurmelt, das war’s.
Heute nicht.
Ich greif also zu meinem Handy, zieh es raus und halte es ihm hin wie einen mittelmäßig überzeugenden Zaubertrick. Auf der Rückseite, unter der Hülle, mein Klimaticket. Sichtbar, aber halt… improvisiert präsentiert.
Er schaut drauf. Nickt. Reicht.
Ich darf bleiben.
Ich geh nach hinten, will mich gerade setzen, da fährt der Bus los – und bremst im selben Moment wieder so abrupt, dass mein Rucksack einen spontanen Abflug Richtung Boden macht. Ich greife nach der Haltestange, erwische sie irgendwie, hau mir dabei das Bein an und sehe vermutlich aus wie jemand, der gerade zum ersten Mal versucht, aufrecht zu bleiben.
Mein Rucksack und ich – wir haben einfach denselben Bewegungsstil. Ungeplant, aber konsequent.
Während ich mich noch sortiere, fährt draußen gemütlich ein zweiter Bus an uns vorbei. Der Fahrer, leicht grantig: „Ah, do foart no a zweiter Bus.“
Ja, danke. Diese Information hätte vor ungefähr 30 Sekunden eine gewisse Relevanz gehabt.
Die Fahrt entwickelt sich… dynamisch. Viel Bremsen, viel Lenken, wenig Eleganz. Mir wird leicht übel. Hinter mir unterhalten sich Kinder darüber, wo ihre Eltern die Osternester verstecken werden und dass es „gschissn“ wäre, wenn es zu Ostern schneit.
Ich denke mir: Diese Kinder haben ein erstaunlich klares Weltbild.
Zwischendurch frage ich mich ernsthaft, warum ich nicht einfach zu Fuß gegangen bin. Das hätte zwar länger gedauert, aber vermutlich weniger Körpereinsatz verlangt.
Dann, plötzlich, setzt der Fahrer zum Abbiegen an. Oder auch nicht. Kurz nach links, dann wieder zurück. Ein kleines Lenkmanöver ins Nichts. Ich bin mir ziemlich sicher: Das war nicht geplant.
Wir kommen zur nächsten Haltestelle. Die Kinder steigen aus. Alle.
Und auf einmal ist es still.
Unnatürlich still.
Ich drehe leicht den Kopf. Nur um sicherzugehen. Ja. Nur noch wir zwei.
Ich gebe zu: In dem Moment ist mir nicht ganz wohl. Ich überlege kurz, ob ich nicht einfach auch aussteigen soll. Sicherheit geht vor. Und die Schritte hätte ich auch noch gesammelt.
Aber nein.
Jetzt wird das durchgezogen.
Der Bus fährt weiter. Nur wir. Die Stimmung irgendwo zwischen Fahrprüfung und leichtem Abenteuerfilm.
An der Endstation angekommen wirkt es kurz so, als müsste der Fahrer selbst überlegen, wo genau Schluss ist. Ich beobachte das Ganze mit einer Mischung aus Skepsis und Resignation.
Ich steige aus, drehe mich nochmal um und sage: „Vielen Dank und einen schönen Tag.“
Er schaut mich an.
Und plötzlich, völlig unerwartet, kommt ein freundliches: „Pfiat di.“
Und ich denk mir: Vielleicht hat einfach jeder mal einen schlechten Tag.
Sogar Busfahrer.

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