Zugfahrt – die Xte

ZugfahrtFoto: Karl Traintinger

Mir gegenüber sitzt sie. Eine Kärntnerin, das höre ich sofort, klein, und ziemlich aufgebrezelt, wie man so sagt. Die Haare sorgfältig toupiert, Schminke in Schichten, kleine Tattoos an der Unterarminnenseite und eines am Knöchel. Keine Socken in ihren 36er Sneakern. Ich bin Schuhhändler, ich sehe so etwas. Manchmal habe ich das Gefühl, ich sehe es sogar zu genau.

Alois Schöninger

Von Alois Schöninger
Hallein, Salzburg

Sie telefoniert. Thema: Weihnachtsfeier.
Ich bekomme alles mit, obwohl ich gar nicht will. Wer eingeladen werden sollte, wer auf keinen Fall, und warum. Schlagende Argumente, die seltsam leichtfüßig vorgetragen werden: Der eine redet zu viel, die andere zu wenig. Ein Kind müsste man zu einem anderen dazugeben, sonst sei es nicht auszuhalten – für das Kind und die Erwachsenen. Und einer stinke immer, aber das liege an seinem Beruf. So geht es durch das ganze Telefonat: kleine Urteile, hingeworfen wie Brotkrumen, damit sie jemand aufpickt.

Ich schaue verstohlen zu ihr hinüber, immer bereit, meinen Blick hastig woanders hinzulenken, falls sie hersieht. Ihr Gesicht hat etwas Eulenhaftes. Merkwürdig und erstaunlich zugleich. Und während ich ihr zuhöre, frage ich mich plötzlich, ob Eulen nicht für ihre Falschheit bekannt sind. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Vielleicht ist es einfach eine Kinderweisheit, die sich festgesetzt hat.

Sie spricht über eine Frau, die „ziemlich dumm“ sei, aber „ganz nett“. Nur eben dumm. Über den Sohn vom X, der jetzt in Tirol zur Schule geht und seine neuen Freunde wohl beim Fußball finden wird. Über jemanden, der eine offensichtlich niedrige Arbeit macht – was sie nicht verstehen kann, denn „sie muss das ja nicht tun“. Und dann kommt eine „Frau Magister“ vor, betont ausgesprochen, hämisch und abwertend, als würde allein der Titel die Luft im Abteil verdichten. Außerdem ist diese Frau Magister ausgerechnet jene, die den Urlaub einteilt. Das Leben ist wirklich schwer.

„Hast du mitbekommen, dass die Irene über meinen Streuselkuchen gesagt hat, er wäre so gut?“ fragt sie plötzlich ins Telefon. Und ich muss unwillkürlich lächeln. Streuselkuchen als moralische Legitimationsstütze am Rande des Tages.

Die Lippen der Frau sind auffällig geschminkt. Ein dezentes Braun in der Theorie, aber ein fett wirkendes, unpassendes Braun in der Realität. Andererseits passt es irgendwie zu allem anderen. Zu diesem Anstrich, den sie trägt. Ich mag Anstrich nicht. Aber das ist mein Problem.

Sie ist ein wenig dicklich und ganz in Schwarz gekleidet. Ich sehe oft etwas fülligere Menschen, die sich Schwarz anziehen, vielleicht in der Hoffnung, sich schlanker zu fühlen. Fühlen, sage ich bewusst. Denn aussehen tut es nicht schlanker. Ein paar glitzernde Steinchen am Pulli sollen das Ensemble wohl auflockern. Es gelingt mäßig.

Ich denke wieder an Eulen. Es gibt schöne, stolze. Und es gibt die unauffälligen. Manche plustern sich auf, und wenn das Aufgeplusterte vorbei ist, sieht man sie gar nicht mehr.

Und während der Zug weiterfährt, denke ich, dass man manchmal mehr über Menschen erfährt, die man nie wieder sehen wird, als über jene, mit denen man täglich spricht.

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