Alle Menschen sind Ausländer – fast überall

Biennale Venedig

Die 60. Kunstbiennale in Venedig ist in vollem Gange. 88 Nationen präsentieren sich auf der Ausstellung, die als eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt gilt.

Leo Fellinger

Von Leo Fellinger

Sie trägt den Titel „Ausländer überall“ und ist „eine Feier“ des „Außenseiters“, dessen, was von außen kommt, durch Künstler, „die selbst Ausländer, Einwanderer, Expatriates, Exilanten, Flüchtlinge sind“. Das meint auf alle Fälle Adriano Pedrosa, der Kurator der diesjährigen Biennale. Er trifft dabei einen wunden Punkt unserer derzeitigen Gesellschafts-Verfassung und hat eine wunderbare Ausstellung dazu zusammengetragen, die man sich unbedingt ansehen sollte. Auch ein Grund, darüber nachzudenken, wer und was und wie Ausländer überhaupt sind.

Es soll sie noch immer geben, die Leute, die seit ihrer Geburt immer in derselben Stadt leben – nie herausgekommen, nie etwas anderes gesehen und doch glücklich und zufrieden. Und dann gibt es die anderen: Sie leben weit von zu Hause entfernt. Sie leben in einer für sie unbekannten Umgebung. Für sie ist das Wort Heimat zum Fremdwort geworden, weil sie Fremde, weil sie Ausländer sind.

Es gibt so viele Gründe, warum ein Mensch nicht dort leben kann, wo er geboren ist, wo seine Familie lebt, wo seine Wurzeln sind. Der Ortswechsel mag politische motiviert sein, manchmal steckt die wirtschaftliche Not dahinter. Sie bleiben Fremde in einer fremden Umgebung, ausgegrenzt, nicht nur der Sprache wegen. Da mag der Spruch „Alle Menschen sind Ausländer“ nur allzu zutreffend sein, gäbe es nicht den unbequemen Zusatz „fast überall“, denn dadurch kommen wir von der Gastgeberperspektive zum Gästestatus.

Jeder ist ein Fremder, ist ein Gast. Wir sind von acht Staaten umgeben und schaffen es, per Auto, Zug oder Flugzeug in kurzer Zeit ins Ausland, in die Fremde zu kommen. Wir sind eben nur in einem Land keine Ausländer – in etwa 200 Ländern sind wir es. Das ist eine Quote von 1 zu 200, kein schlechter Schnitt. Studien zeigen, dass sich Österreicher mit gesellschaftlicher Vielfalt tatsächlich messbar schwerer tun als die meisten westlichen Länder. Österreicher sind im Kopf der meisten Österreicher eben weiße Menschen, deren Vorfahren von hier oder zumindest aus dem umliegenden Europa stammen. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass Leute, die nicht so aussehen, nicht die selbe Kleidung tragen, die selben Bräuche feiern, jemals wirklich Österreicher sein könnten.

Das dies bei weitem nicht überwunden ist, sehen wir am Erstarken einer rechten Politik, die genau auf dieses Thema setzt. Und auch an der aktuellen Literaturliste, den Büchern, die von diesem Thema handeln. Hier zwei Beispiele: HERKUNFT von Saša Stanišić, ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt. Ein hochaktuelles Buch aus Österreich: In Ihrem ersten Roman EIN SCHÖNES AUSLÄNDERKIND erzählt Toxische Pommes vom Suchen und (Nicht)finden eines neuen Lebens einer Flüchtlingsfamilie in Wiener Neustadt, von zerplatzten Träumen und dem Streben nach Glück. Und dann gibt es ja auch noch die Bibel: „So seid ihr nicht länger Fremde und Heimatlose; ihr gehört jetzt als Bürger zum Volk Gottes, ja sogar zu seiner Familie“ (Epheser 2,19). Klingt seltsam angesichts der vorherrschenden Verhältnisse.

P.S.: Wenn man an Kunst überhaupt nicht interessiert ist, dann kann man all das, all den Trubel und die Diskurse, die sich da aufspannen, einfach ignorieren und sich durch die Stadt treiben lassen. Man verläuft man sich in den vielen, engen Gassen, denn egal wo man ankommt, hinter jeder Ecke lauert eine der schönsten und verwunderlichsten Städte der Welt, für deren Existenz, obwohl sie ständig bedroht ist, man dankbar sein und sich von ihrer Schönheit gefangen nehmen lassen muss. Und die wahrscheinlich die höchste Dichte an Ausländern aufweist – man ist also unter sich…

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