„Du bist meine Mutter“
– Kennen wir uns denn?

Walter Anichhofer inszeniert Joop Admiraals vielfach ausgezeichnetes Solostück aus dem Jahre 1981 über Vergessen und Abschiednehmen und übernimmt die Doppelrolle eines Sohnes und seiner an Demenz erkrankten Mutter. Im Emailwerk Seekirchen war der Künstler mit diesem bewegenden und einfühlsamen Stück am 17. November 2012 zu Gast. Weitere Aufführungen finden ab Mitte Jänner im Kleinen Theater in Schallmoos statt.

Von Elisabeth Pichler.

„Es ist Sonntagnachmittag und ich bin auf dem Weg zu meiner Mutter.“ Bevor sich der Schauspieler Joop auf den Weg macht, erzählt er Episoden aus seiner Kindheit. Seine Mutter war eine richtige Grande Dame, die es verstand, die Leute einzuteilen und herumzukommandieren. Nun wird sie bereits seit drei Jahren in einem Pflegeheim betreut, ihr Erinnerungsvermögen hat stark nachgelassen, nach einer Hüftoperation ist sie auch körperlich eingeschränkt. Der sonntägliche Spaziergang im Park beginnt daher mit dem mühsamen Umziehen der Mutter, denn die alte Dame liegt bei Joops Ankunft noch im Bett. Während dieser umständlichen Prozedur schlüpft der geduldige Sohn immer mehr in die Rolle seiner Mutter und steht schließlich – nach langen Debatten für und wider Kostüm- oder Strickjacke – fein herausgeputzt zum Spaziergang bereit. Der Sohn hat fürsorglich Pudding und Kakao mitgebracht. Die Rollen sind vertauscht, der Sohn füttert die Mutter und wischt ihr liebevoll den Mund ab. Ihre Erinnerungen drehen sich im Kreise, immer wieder erkundigt sie sich nach ihren Geschwistern. Sie hat vergessen, dass die meisten von ihnen schon tot sind, doch manchmal hat sie klare Momente und verlangt nach Tabletten. Sie will auch so sterben wie Sina, die wegen ihrer unerträglichen Schmerzen zu viele davon genommen hat. Obwohl sie den Park mit seinen Blumen und Sträuchern schön findet, klingt doch stets eine gewisse Resignation durch. Sie verabschiedet sich von ihrem Sohn mit den Worten: „Ich bin so froh, dass du mir das endlich einmal gezeigt hast.“ Ernüchternd die Antwort: „Aber Mutter, wir kommen doch jeden Sonntag hierher.“

Walter Anichhofer spielt die Doppelrolle überaus eindringlich. Es gelingt ihm, durch Körperhaltung, Stimme und Mimik, das Gefühl zu vermitteln, wirklich Mutter und Sohn auf der Bühne zu sehen. Das behutsame, bewegende Stück stimmt das Publikum zwar nachdenklich, wirkt aber niemals deprimierend, denn immer wieder blitzt feiner Humor auf. Ein überaus wertvoller Abend für Menschen jeden Alters, der Demenz auf sensible Weise ohne Rührseligkeit thematisiert.

„Du bist meine Mutter“ – Theaterstück von Joop Admiraal. Spiel & Gesamtleitung: Walter Anichhofer, Theatralisches Coaching & Kostüme: Marion Hackl. Ausstattung: Alois Ellmauer. Technik: Helfried Hassfurther. Foto: Emailwerk

Mutter – Tochter – Gespräche zum Nachhören>

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