… wir und die Erbsünden der Nazizeit

Reinhard Lackinger

Reinhard Lacklinger

Vielleicht übertreibe ich, wenn ich behaupte, einen Schwarzen Peter – den ich nicht loswerde – mit mir herumzutragen, seit ich in Brasilien lebe. Ein Schwarzer Peter, der judensternhaft an mir klebt.

Fragt mich einer, meinem ausländischen Akzents wegen, woher ich komme, antworte ich nicht ohne Stolz: „sou austríaco“! Unweigerlich und wie nach Skript tönt es aus dem Mund des neuen Gesprächspartners:  “Hitler war auch Österreicher, nicht wahr“? „Ja, leider“, antworte ich mit einem Seufzer. Manchmal nennt mein Gegenüber auch noch Namen wie Haider oder Schwarzenegger. Kein Grund jedenfalls, um mich dadurch glücklicher zu fühlen… Oft bin ich versucht, einen Gast im Glauben zu belassen, ich sei Magyar, weil wir in unserem Bistro österreichisch-ungarische Speisen auftischen. Mein Patriotismus erlaubt es aber nicht, wie ich auch das Rauchen im Innern des Beisels nicht dulde.

Ein beachtlicher Teil unserer Gäste besteht aus Brasilianern, die irgendwann im Leben in Europa studiert haben. Sie kommen zu uns auf ein Gulasch, ein Tirolerg´röstl, eine Bratwurst und wegen dem in meiner Giftküche hergestellten scharfen Senf, erzählen in unserem Beisl von ihrer schönen Zeit im Ausland.

Immer wieder holt einer weit, sehr weit aus, spricht von der Nazizeit, um die europäische Gegenwart zu deuten. Ich muss zuhören, ob ich will oder nicht. Das Bistro ist klein. Außerdem reden sie ja laut genug.

Immer wieder sprießt ein Anlass, die Gespenster der 30er und 40er Jahre zu invozieren. Den Schwarzen Peter fest in der Hand, spüre ich alle Blicke auf mich gerichtet.

Mittlerweile weiß jedes Kind, daß mit dem Naziregime nicht alles in Ordnung war. ( Allein diese meine Formulierung stempelt mich zur persona non grata. Nicht nur in Brasilien, sondern auch in Österreich. Vielleicht sogar in Kärnten. )

Warum gelingt es uns nicht, den Teller mit der braunen Suppe endlich abzuservieren, anstatt diese immer wieder aufzuwärmen? In den Zeitungen sprach man unlängst und zur Feier des Tages „D“ von Versöhnung. Was verstehen wir, das einfache Volk, davon? Währenddessen geschehen weltweit und seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und am Rande unserer Wahrnehmungen, die uns das Fernsehen beschert, die verschiedensten Formen von Untaten an Umwelt und Menschen, Genozid und Weltverdreckung.

Ich fühle mich nicht in der Lage zu behaupten, was schlimmer war: Mauthausen oder Hiroshima, Nagasaki oder Auschwitz…  Was ist heute lebensgefährlicher? Aids, Krebs oder Ignoranz, Flüchtlingslager in Palästina…  oder brasilianische Gefängnisse…  Wer kennt die Todesopfer, verursacht durch das Unterschlagen von Milliardenbeträgen, die in Drittweltländern geraubt und in Banken von Hehlerparadiesen deponiert werden…  Was bitte ist „vorsätzliches Töten“?

Wenn es dem nordamerikanischen Volk gelang, die Schuld an der Ausrottung der Indianer abzustreifen und wenn die Nachfahren der Kolonialmächte sich keinen Augenblick mit dem Schlamassel identifizieren, das sie in Afrika und Asien vor nicht allzu langer Zeit zurückgelassen haben, so wird es auch uns gelingen, die Erbsünde der Nazizeit loszuwerden. Ich hoffe es!

Ideal wäre es, könnten wir von der Geschichte lernen, den oder die Hitler von heute identifizieren und entlarven, anstatt ausschließlich im braunen Unrat unserer Vergangenheit zu stieren.

Vor unseren Augen haben mehr oder weniger unredliche Milliardengeschäfte Vorrang, weil wir uns insgeheim billigeren Sprit erwarten, defilieren die Untäter von heute, werden die lachenden Vierten Nordamerikas ihren Präsidenten wieder wählen, die Israeli ihren Hintern nicht aus den besetzten Territorien Palästinas heben, wird in Venezuela und sonst wo Unfrieden gestiftet…  und wir sehen nach wie vor tatenlos zu.  Wir, die lachenden Fünften…

Natürlich übertreibe ich mit diesem Text gewaltig.  Erstens tanken wir ausschließlich bleifreies und umweltfreundliches Benzin, lassen, wenn möglich, das Auto zu Hause und strampeln entlang unserer schönen Radwege durch die gepflegte Natur und geben das Rauchen auf. Wir sind uns mittlerweile einig im Kampf gegen das Nikotin. Die Zeit, in der wir unsere Tischnachbarn im Kaffeehaus zu passiven Rauchern machten, ist endgültig vorbei. Auch trennen wir gewissenhaft unseren Abfall und bemühen uns auch sonst, politisch korrekt zu leben, respektieren das Radargerät in der Hand des Wachorgans, fahren bedeutend langsamer als angegeben. ( Einer hinter uns, der es eiliger hat, weil er gerade vom Mostheurigen kommt, hat eben Pech gehabt…)

Ich wollte, ich könnte meinen Schwarzen Peter loswerden und mit meinen europäischen Zeitgenossen mitsingen: „Wir kommen alle alle alle in den Himmel, weil wir so brav sind, weil wir so brav sind…“

Salvador, 8. Juni 2004
Reinhard Lackinger, Dorfzeitung

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