Verloren gegangen im Wiener Wald

Gerrit Jansen (Erich), Falk Rockstroh (Eine Tante), Johann Adam Oest (Zauberkönig), Nicholas Ofczarek (Alfred), Regina Fritsch (Valerie), Birgit Minichmayr (Marianne) Copyright: Reinhard Werner Burgtheater

Nina Groß. Die „Geschichten aus dem Wiener Wald“, die kennt man. Man hat sie gelesen, studiert, die Verfilmungen und berühmten Inszenierungen gesehen. Man weiß, es geht um Marianne, die Tochter des Zauberkönigs, die mit dem Metzger Oskar verheiratet werden soll, sich aber gerade am Tage ihrer Verlobung in den Taugenichts Alfred verliebt und mit ihm gemeinsam durchbrennt. Man weiß, dass sie ein uneheliches Kind bekommt und todunglücklich mit ihrem Alfred wird, dass das Kind zur Großmutter kommt (raus in die schöne Wachau) und der Mann sie verlässt. Man weiß vom sozialen Abstieg der jungen Marianne, und dass der Vater sie halbnackt als erotische Tänzerin wiedertrifft. Man weiß, dass Marianna dann doch noch in die Straße im achten Bezirk zurückkehrt und den Metzger heiraten wird. Man weiß, dass das uneheliche Kind nicht überlebt, die Großmutter stellt es in die kalte Zugluft. Man weiß, dass es kein Happy End gibt, sondern eine Fortsetzung der Unterdrückung und Brutalität. Man weiß um den benutzten Bildungsjargon (die Regieanweisung Horvaths: „jedes Wort muss hochdeutsch gesprochen werden, allerdings so wie jemand, der sonst nur Dialekt spricht“) man weiß, dass es um das Monster Mensch geht, die Abgründe hinter der Fassade, um Boshaftigkeit und das Kleinbürgertum als trügerische Idylle.

Nicholas Ofczarek (Alfred), Birgit Minichmayr (Marianne), Copyright: Reinhard Werner Burgtheater

Man kennt die „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Mit großen Erwartungen setzt man sich also im Akademietheater nieder und starrt, lüftet sich der Vorhang, auf das Bühnenbild. Holzschränke und lackierte Kommoden, Sekretäre und Tischchen drängen sich aneinander, der Mief von kleinbürgerlichem Nussholz legt sich über die Bühne. Man fasst die Möbellandschaft anfangs als gute Idee auf, die Oberflächlichkeiten und Kleinkariertheiten zu verbildlichen, im Laufe des Stückes erscheint einem das Bühnenbild dann doch zu starr und auch zu durchsichtig an mancher Stelle, zu offensichtlich, zu wenig abgründig.

An Abgründen fehlt es der Inszenierung von Stefan Bachmann im Allgemeinen. Die doppelbödige „Wiener Gemütlichkeit“ bleibt eindimensional, es fehlt der Inszenierung an Höhen, Spitzen, Ecken und Kanten. Die durchwegs hochkarätige Besetzung spielt ambitioniert, doch steht sie ein wenig alleingelassen zwischen den Holzmöbeln. Die Stille wirkt nicht pointiert (wie von Horvath vorgesehen und in seinen Regieanweisungen notiert) sondern als unangenehme Starre, die sich auf das Spiel und in die Fugen des Bühnenbildes legt.

Barbara Petritsch (Baronin), Birgit Minichmayr (Marianne) Copyright: Reinhard Werner Burgtheater

Birgit Minichmayr gelingt es nicht ganz, ihrer Figur (Marianne) das von ihr sonst gewohnte Leben einzuhauchen, die Figur, die nicht Opfer sein will und doch kein Täter ist, stößt sich zwar an der Gesellschaft, die sie umgibt, bleibt aber doch seltsam unbeteiligt, etwas verloren im Dickicht der Flohmarktmöbel. Ihr Charisma jedoch überwindet die steife Bühne, wenn sie singt, von der Wachau, und wenn sie tanzt und versucht es zu begreifen, ihr Schicksal, dann hat sie die Symapthie aller Zuschauer, das Mitleid und die Sorge. Am liebsten würde man sie an der Hand nehmen, und herausfürhen aus dieser Ratlosigkeit der Figur, und ein bisschen auch aus der Ratlosigkeit der Inszenierung.

Hanno Pöschl (Der Mister), Robert Reinagl (Beichtvater), Falk Rockstroh (Rittmeister), Johann Adam Oest (Zauberkönig), Regina Fritsch (Valerie) Copyright: Reinhard Werner Burgtheater

Der Zauberkönig Johann Adam Oest zeigt Schwierigkeiten mit dem Wienerischen, Johannes Krisch als Oskar reicht ein Blick, um die Figur des niederträchtigen Metzgers zu zeichnen, doch wünscht man sich gegen Ende des Stückes ein wenig mehr Bewegung, Nicholas Ofczarek gibt der Rolle des schmierigen Alfreds Gesicht und Körper, hat die Lacher des Publikums auf seiner Seite und deutet neue Facetten der Figur an, das Schwache, das Getriebene.

Falk Rockstroh (Rittmeister), Hanno Pöschl (Der Mister), Johann Adam Oest (Zauberkönig), Regina Fritsch (Valerie) Copyright: Reinhard Werner Burgtheater

Regina Fritsch belebt als Trafikantin Valerie das tote Holz und ihre Kollegen. Sie kostet die Rolle ganz aus, fürchtet sich nicht vor lauten und schrillen Tönen, spielt lüstern und hysterisch, aufgedreht und erschrocken, bebt und tobt, eigenständig und im Diaolog mit den Anderen. Auch Bibiane Zeller spielt mit vollem Einsatz, die Rolle der bitterbösen Großmutter gelingt ihr aber nicht ganz, zu lieb wirkt sie dafür und entwirft so eine neue Figur der Großmutter, eine verschlagene zwar, aber auch eine vielschichtige, eine Figur, die in ihren Facetten geliebt wird. Ein Punkt, den man in der Inszenierung oft vermisst, die Liebe zu den Figuren, seien sie noch so niederträchtig, die Begeisterung für ihre Vielschichtigkeit, fehlt.

Man kennt die „Geschichten aus dem Wiener Wald“, man schätzt sie auch. Man schätzt auch das Niveau der Darsteller, doch scheint es als hätte sich der verbindende Ton in den Möbelschluchten verirrt, als wäre der Zusammenhang, der Zug durch das Stück, die Melodie des Dramas verloren gegangen, im dichten Wiener Wald.

Birgit Minichmayr (Marianne), Johann Adam Oest (Zauberkönig) Copyright: Reinhard Werner Burgtheater

Ödön von Horváth – Geschichten aus dem Wiener Wald / Akademietheater Wien / Regie: Stefan Bachmann / Bühnenbild: Hugo Gretler / Kostüme: Annabelle Witt / Musik: Felix Huber / Licht: Friedrich Rom / Dramaturgie: Plinio Bachmann / Mit: Nicholas Ofczarek, Barbara Petritsch, Bibiana Zeller, Thomas Reisinger, Regina Fritsch, Johannes Krisch, Hermann Scheidleder, Falk Rockstroh, Birgit Minichmayr, Johann Adam Oest, Gerrit Jansen, Robert Reinagl, Hanno Pöschl, Thomas Reisinger

Regina Fritsch (Valerie), Falk Rockstroh (Rittmeister) Copyright: Reinhard Werner Burgtheater

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