“Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über das eigene Leben verloren.” (Karl Lagerfeld)

Oder: Von der Unkultur des Alltags

Rochus Gratzfeld

Von Rochus Gratzfeld, Salzburg und Sarród

Nein, nein. Früher war nicht alles besser.

Das sagen nur alte Menschen.

Und du bist noch nicht alt – bemerken meine Gedanken.

Früher gab es noch Kultur.

Welche, fragen meine Gedanken.

Ich stehe an einer Bushaltestelle. Kiesel. Salzburg Stadt.

Ein junger Mann ohne Migrationshintergrund stopft einen Döner in sich hinein.

Die weiße Sauce läuft ihm aus dem Mund und erinnert an schlechte Pornos.

(Wenigstens etwas.)

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Ein anderer speichelt bei diesem Anblick auf den Gehsteig.

Nein, nein. Früher war nicht alles besser.

Das sagen nur alte Menschen.

Und du bist noch nicht alt – bemerken meine Gedanken.

Ich gehe durch die Stadt. Durch Salzburg.

Eine junge Frau schiebt mit einer Hand einen Kinderwagen, mit der anderen handymasturbiert sie. Das Kleinkind schreit. Nicht lustvoll, by the way.

Eine andere, ebenfalls junge Frau, lässt im O-Bus Einblicke in ihre Feuchtzonen zu. „Heute will er mich in den Arsch ficken.“ (Handy.) Hoffentlich verwendet er ein Gummi.

Nein, nein. Früher war nicht alles besser.

Das sagen nur alte Menschen.

Und du bist noch nicht alt – bemerken meine Gedanken.

Ich stehe an einer Fußgängerampel. Grün. Ein Türken-BMW schafft es gerade noch, das Geschoß zu stoppen. Der Sound aus den offenen Fenstern ist wohl in ganz Elisabeth-Vorstadt zu hören.

Nein, nein. Früher war nicht alles besser.

Das sagen nur alte Menschen.

Und du bist noch nicht alt – bemerken meine Gedanken.

Derweil landen Kippen auf der Straße, wird gerotzt, fliegen Pizzaverpackungen aus Autos.

Nein, nein. Früher war nicht alles besser.

Das sagen nur alte Menschen.

Und du bist noch nicht alt – bemerken meine Gedanken.

Auf einem Parkplatz streckt ein Mann der Öffentlichkeit seinen Arsch entgegen.

“Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über das eigene Leben verloren.” (Karl Lagerfeld)

Karl Lagerfeld war nicht der Meine. Dennoch konnte und wollte ich mich der Faszination seines Genies nie ganz entziehen. Auch Mode war nie die Meine. Ich habe meinen eigenen Stil gefunden. Der ist preisgünstig. Überwiegend. Und durchgängig. Meist schwarz. Ohne Löcher in den Hosen. Gerne auch Leder. Aber kein Heimatleder. Mag ja auch nicht dieses Tittenpräsentationsgewand, obwohl ich Brüste liebe.

Was ich – wie zu Lebzeiten Karl Lagerfeld – verachte, ist Unkultur. Ist Nachlässigkeit. In vielen Facetten. Ist Belästigung. Einen Menschen, dem ohne Not der Arsch aus der Hose rutscht, kann ich jedenfalls nicht ernstnehmen. Genau so wenig übrigens, wie einen Menschen, der – ohne Not – im Gehen isst, sollte ich besser sagen frisst? Der auf den Gehsteig rotzt, der mitmenschliche Kommunikation durch ein Handy ersetzt.

Nein, nein. Früher war nicht alles besser.

Das sagen nur alte Menschen.

Und du bist noch nicht alt – bemerken meine Gedanken.

Früher gab es noch Kultur.

Welche, fragen meine Gedanken.

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Dorfladen

1 Kommentar zu "“Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über das eigene Leben verloren.” (Karl Lagerfeld)"

  1. Das ist eine optische Umweltverschutzung der grauslichsten Art!

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