Lessing: Nathan der Weise

 

Seit dem frühen 19. Jahrhundert war „Nathan der Weise“ fester Bestandteil des klassischen bürgerlichen Bildungskanons, des Theaterspielplans und des gymnasialen Lehrplans.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Bis zum Nationalsozialismus kannten daher viele Menschen in Deutschland das Stück. In der Nazi-Zeit war es verboten und verpönt, weil darin ein menschlich vorbildlicher Jude der Nazi-Ideologie widersprach. Heute hat es wieder in viele Lehrpläne für den Deutschunterricht Eingang gefunden.

Jerusalem zur Zeit des Waffenstillstands nach dem 3. Kreuzzug. Auf die heiligen Stätten erheben dreierlei Bewerber Anspruch: Moslems, Christen und Juden. Alle drei fühlen sich im Recht, leiten den Ursprung ihres Glaubens von hier aus ab. Die Juden sind am längsten vor Ort, die Moslems haben derzeit militärisch die Oberhand, die christlichen Kreuzfahrer unterhalten eine internationale Eingreiftruppe. Nathan, ein reicher jüdischer Kaufmann, kehrt von einer langen Reise zurück und erfährt, dass in seinem Haus ein Brand gewütet hat. Seine Pflegetochter Recha verdankt ausgerechnet einem christlichen Tempelherrn ihr Leben. Nathan fühlt sich ihm zu Dank verpflichtet und sucht dessen Bekanntschaft, die der stolze Christ zunächst ablehnt. Saladin, Sultan und Herr über das Heilige Land, hatte diesen Tempelherrn im Krieg gegen die Kreuzritter gefangen genommen, das Todesurteil gegen ihn aber aufgehoben, weil dieser ihn an seinen verschollenen Bruder erinnerte. Der Tempelherr verliebt sich in Recha – und der in Geldnöten steckende Sultan bittet Nathan um finanzielle Hilfe. Fast beiläufig stellt Saladin ihm die Frage der Fragen: „Was für ein Glaube, was für ein Gesetz hat dir am meisten eingeleuchtet?“ Nathan bittet um die Erlaubnis, „ein Geschichtchen zu erzählen“, die berühmte Ringparabel.

Auf der Bühne des Salzburger Landestheaters herrscht Chaos. Im Vordergrund die Reste zerbombter Häuser und aufgerissener Straßen. Wir befinden uns im Nahen Osten, die Luft ist erfüllt von Kriegsgeräuschen und Sirenengeheul. Hinter einer grauen Betonmauer mit der verblassten Aufschrift „Tretet ein, denn auch hier sind Götter!“ befindet sich eine laute, viel befahrene Straße. Im Hause des reichen Juden Nathan sieht es nicht gut aus, denn außer kaputten Plastikstühlen, alten Autoreifen und einigen Holzpaletten ist nichts mehr ganz geblieben. Um dem Publikum die Orientierung zu erleichtern, hat er nicht nur feine Stoffe im Gepäck, er bringt auch das Textbuch mit und klärt uns auf: „Erster Aufzug, erster Auftritt, Szene: Flur in Nathans Hause, Nathan von der Reise kommend, Daja ihm entgegen.“ Lessings Regieanweisungen bekommen wir im Laufe des Abends immer wieder zu hören, denn Sultan, Tempelherr und Patriarch, sie alle leben hier auf dieser Müllhalde, nur zwei Palmwedel sorgen für etwas Wohnkomfort.

„Nathan der Weise“ enthält sowohl tragische als auch komische Elemente, ist aber trotz des versöhnlichen Ausgangs weder eine Komödie noch eine Tragödie. Regisseur Tim Kramer versucht in seiner Inszenierung alles Pathetische zu umgehen und setzt eindeutig auf Komik. Gero Nievelstein, als Handelsvertreter im Anzug mit Aktenkoffer, kommt da noch ganz gut weg. Sascha Oskar Weis als Sultan Saladin und Ulrike Walther als dessen Schwester Sittah dürfen sich mit Fransentüchern und Ketten schmücken. Sebastian Fischer gibt einen jungen, frischen und temperamentvollen Tempelherrn, der zum Glück relativ schnell sein Markenzeichen – einen Duschvorhang mit großem rotem Kreuz – ablegen darf. Wirklich hart trifft es Werner Friedl, den Patriarchen von Jerusalem, dem das Nudelsieb auf dem Kopf ständig verrutscht und dessen rote Regenpelerine seinen Ornat ersetzt. Die im Mittelpunkt der Handlung stehende Ringparabel, diese pointierte Formulierung der Toleranzidee, kommt trotz des manchmal überbordenden Klamauks sehr gut zur Geltung. Der versöhnliche Schluss, in dem die verzwickten Verwandtschaftsverhältnisse restlos aufgeklärt werden, wird von Nathan direkt aus dem Textbuch abgelesen, doch gehen seine Worte im aufkommenden Kriegslärm unter.

Das Publikum spendete sowohl dem Ensemble als auch dem Leading Team freundlichen Applaus. Obwohl einige Besucher nicht ganz zufrieden waren, ein „ordentliches“ Bühnenbild und „richtige“ Kostüme vermissten, sogar von einer „konzertanten Oper“ sprachen, nahmen  doch die meisten diese moderne Inszenierung durchaus freundlich auf,  vor allem weil am Text nicht gerüttelt wurde. Besonders junges Publikum tut sich so mit Lessings „Nathan der Weise“ sicherlich leichter.

„Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing im Salzburger Landestheater / Inszenierung: Tim Kramer / Bühne: Gernot Sommerfeld / Kostüme Natasche Maraval / Bühnenmusik: Heinz Fallmann / Dramaturgie: Heiko Voss / Mit: Sascha Oskar Weis, Ulrike Walther, Gero Nievelstein, Cathrin Zellmer (18.9.-5.10.2010), Anna Unterberger (ab 8.10.2010), Gudrun Gabriel, Sebastian Fischer, Gerhard Peilstein, Werner Friedl, Christoph Wieschke / Fotos: Christian Schneider


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