Kleid – Tuch, Decke und Gewand

Kleider machen Leute

Kleider machen Leute | Foto: Karl Traintinger

Das Wort Kleid bezeichnete ursprünglich Tuch, Stoff und Decke. Die Bedeutung „Kleidungsstück, Kleid“ entwickelte sich erst später.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das Wort Kleid findet sich im Deutschen erst seit dem 12. Jahrhundert. Die Herkunft des Wortes ist unklar. Es begegnet zuerst im Altnordischen und wanderte von dort ins Altenglische, Schottische, Niederländische und Deutsche. Das altnordische Wort klæði bedeutete zunächst „Tuch, Stoff, Decke“, ebenso wie das angelsächsische clâð. Die Bedeutung „Kleidungsstück, Gewand, Kleid“ kam erst später hinzu.

Im Mittelhochdeutschen war Kleid ein Sammelbegriff für Kleidungsstücke von Männern und Frauen. Die verschiedenen Kleider wurden sprachlich bereits zu dieser Zeit durch Zusammensetzungen unterschieden, wie etwa umbekleit „Mantel“, strîtkleit „Streitkleid, Kampfrüstung“ oder überkleit „Überkleid“, das über andere Kleidungsstücke getragen wurde. Aber auch die ältere Bedeutung „Tuch, Decke“ ist noch zu finden, wie rossekleit „Rossdecke“, satelkleit „Satteldecke“, deckekleit „Decke zum Zudecken“ oder banckleit „Bankdecke“ belegen.

Heute bezeichnet Kleid überwiegend ein Kleidungsstück für Frauen. Um die Fülle der verschiedenen Kleider näher zu bezeichnen, wurden mit Kleid zahlreiche Zusammensetzungen gebildet, die sich auf den Anlass, für den das Kleid gemacht wurde, das Material oder die Jahreszeit beziehen, in der das Kleid getragen wird. Hier sei genannt Abendkleid, Ballkleid, Brautkleid, Cocktailkleid, Dirndlkleid, Hochzeitskleid, Satinkleid, Sommerkleid, Spitzenkleid, Umstandskleid. ___STEADY_PAYWALL___

Vereinzelt finden sich jedoch bis heute Wörter, in denen die alten Bedeutungen noch durchschimmern. Das Taufkleid ist ein Kleidungsstück, das männliche und weibliche Säuglinge bei der Taufe tragen oder Beinkleid für Hose, in dem die alte Bedeutung des Bedeckens erhalten ist. Übertragene Bedeutungen finden sich vor allem in der Dichtersprache, wie etwa Federkleid „Gefieder von Vögeln“, Haarkleid „Haare“, Schneekleid „Schneedecke“ oder Blätterkleid „Laub“.

Eine andere Bedeutungsentwicklung nahm die Mehrzahl von Kleid, das Wort Kleider. Hier hat sich überwiegend die Bedeutung „Kleidungsstücke von Männern und Frauen“ erhalten. Dies zeigt sich vor allem in den Zusammensetzungen Kleiderbürste, Kleidergröße, Kleiderhaken, Kleiderschrank, Kleiderspende oder Kleiderständer. All diese Bezeichnungen beziehen sich nicht nur auf Kleid als Kleidungsstück von Frauen, sondern auf die Gesamtheit aller Kleidungsstücke von Männern und Frauen. Und auch die Redewendung Kleider machen Leute drückt diese Gesamtheit aus.

Über Jahrhunderte war es den Menschen an ihrer Kleidung anzusehen, welchem Stand, Handwerk und Gesellschaftsschicht sie angehörten. Als sich in den Städten das Bürgertum entwickelte und die Bürger zu Wohlstand kamen, wuchs auch ihr Selbstbewusstsein gegenüber dem Adel. Dies fand seinen Ausdruck in immer wertvolleren und aufwendigeren Gewändern. Die meisten der kostbaren Materialien wurden aus dem Ausland angekauft, wodurch der heimischen Wirtschaft viel Geld verloren ging. Auch verschuldeten sich zahlreiche Menschen beim Kauf der kostbaren Gewänder und verarmten in der Folge.

Fürsten, Könige und Kaiser sahen sich daher veranlasst, dem überbordenden Luxus Grenzen zu setzen und Kleiderordnungen zu erlassen. Schon im Jahr 1530 erließ Kaiser Karl V. eine Kleiderordnung, in der er dem Adel verbot Kleider aus Samt und Atlas zu tragen. Den Stadtbürgern verbot er Gewänder mit Gold, Silber, Perlen, Samt oder Seide. Und den Bauern und Tagelöhnern befahl er, nur inländische Stoffe für ihre Kleider zu verwenden.

Nicht nur in Österreich, sondern auch in anderen Ländern wurden immer wieder Kleiderordnungen erlassen, jedoch hielten sich Adel und Bürgertum nicht daran. So sah sich Kaiser Leopold I. im Jahr 1671 veranlasst, neuerlich eine Kleiderordnung zur Abstellung der höchstschädlichen Verschwendung zu erlassen. Er teilte seinen Untertanen mit, er habe mit Missfallen vernehmen müssen, wie die Verschwendung bei Kleidern, Festen und Mahlzeiten gestiegen sei. Und weil dadurch jährlich eine überaus große Summe Gelts außer Landts gebracht und viele in Schulden geraten, also haben wir für gut befunden, die Beambten, Hoffbedienten, Universitetische, Kauffleith, Burger und Pauern in gewisse Classes einzuteilen und anzuordnen, was einer jeden zu tragen verboten und erlaubt sein solle. Anschließend folgt eine genaue Auflistung für wen welche Stoffe und Materialien erlaubt oder verboten sind, und wieviel Geld für Hochzeiten und Feiern ausgegeben werden darf.

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Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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