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Löwenzahn - Corona

Coronale Disruptionen

Ab 16. März war klar: Aufgrund der Corona-Pandemie kommt es zu einem lockdown mit einem Verbot öffentlicher Veranstaltungen. Von nun an hatten die Virologen, Mathematiker und Gesundheitspolitiker das Sagen. Vieles andere war von da an – wenn nicht kritische Infrastruktur oder systemrelevantes Schlüsselpersonal – sekundär.

Karl Bauer

Von Karl Bauer

Wirtschaft, Schulen, Sport, Konsum und Kultur standen von einem Tag auf den anderen still, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit stiegen vorübergehend an. Alles richtete sich auf die Bekämpfung der Virusausbreitung aus, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und alte bzw. vorbelastete Menschen nicht zu gefährden. Das Ausgehen ohne einem der vier genannten Gründe wurde deshalb verboten und bestraft, einige fürchteten sogar einen Verlust unserer demokratischen Grundrechte. Der Lebensalltag verlegte sich nach Hause, wo neue Probleme warteten: Ständiges Zusammenleben in der Familie in einer engen Wohnung bzw. Einsamkeit, tägliches Kochen statt konsumieren, eingeschränkter Lebensraum und home-office. Eine Folge ist der sprunghafte Anstieg von Telefonaten, Internet, social media und von Videokonferenzen.

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Nach dem relativ schnell gelungenen Abflachen der Infektionskurve und hunderter Todesfälle beginnt man nun mit stufenweisen Lockerungen des lockdowns, wissend, dass es jederzeit und überall zu einem Wiederausbruch durch Bildung von Hot-spots kommen könnte. Veranstaltungen sind bis auf weiteres verboten und treffen gerade Sport und Kultur hart. Aufführungen, Ausstellungen und Konzerte bleiben im Kulturland Österreich geschlossen und haben schwerwiegende Folgen auf die dort Beschäftigten oder Freiberufler, die gesamte Branche stöhnt unter dem Stillstand und auch das (v.a. internationale) Publikum bleibt aus. Andererseits gelten die allgemein zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Kurzarbeit auch hier. Damit hat die Kultur nicht gerechnet, war nicht vorbereitet und ist erst nach einer einmonatigen Schrecksekunde wach geworden. Kulturmedizinisch werden uns längerfristig chronische Auswirkungen in Form von andauernden Gleichgewichtsstörungen verfolgen, bis sich eine belastbare Resistenz gegenüber der Krise entwickelt. Der Angst vor dem Virustod folgt nun die Angst vor einem Kulturtod, dem ein (äußerst seltener) shockdown-Infarkt vorausging.

Wie kann sich unter diesen Umständen die Kunst neu definieren, neu erfinden, welche Antworten gibt es aus der Szene und der Politik? Die Kulturpolitik war bisher schon sehr ausdifferenziert und hat die Hochkultur im Kulturland Österreich dominiert. Kleine, regionale Initiativen oder EPUs haben es da schwerer, die Voraussetzungen zu erfüllen und werden meist nur projektbezogen gefördert, was ihnen in krisenhaften Zeiten auf den Kopf fällt. Reflexartig wurde mit traditionellen Politikerbeschimpfungen und mit Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen begonnen, frei nach der ewig erhobenen, gebetsmühlenartigen Litanei, die schon aufgrund jahrzehntelanger Wiederholungen nicht mehr wahrgenommen wird. Ohne zuvor konkrete Vorschläge kooperativ zu erarbeiten, haben sich einzelne Kulturgrößen für sich wortgewaltig, aber ergebnisoffen zur weiteren Vorgehensweise exponiert.  Es verwundert auch, dass die Bundespolitik die Kulturszene von sich aus bislang wenig beachtet hat und deren Vertreter noch eher “grün” sind. Regelungen für Kurzarbeit und Härtefälle werden vom Bund zwar angeboten, dringliche Lösungen für EPU blieben bislang offen. Auf steirischer Landesebene sichert man  zwar die laufenden Projekte ab, steht aber prekären Lebenssituationen bzw. den dahinterstehenden Menschen passiv gegenüber. Eine Corona-Stiftung und Soforthilfen werden nun angeboten, die Ausschreibung zur Errichtung von “Coronadenkmälern” fällt da ob ihrer Originalität auf. Vergleichend sei auch ein Lichtblick nach Wien erlaubt, wo zumindest die Fiakerpferde einen 250.- Futtergutschein bekommen, in Salzburg sind es noch 140.-! – Was für ein Hohn den Künstler_innen gegenüber! Und auf Gemeindeebene – ausserhalb der großen Kulturhauptstädte – kann man ja den üblichen Heizkostenzuschuss, den Sozialladen oder die Gratis-Lebensmittelzustellung in Anspruch nehmen.

Kunst und Krise passen nicht zusammen; noch dazu, wenn sie plötzlich kommt und sie unvorbereitet trifft. Was aber tun, wenn sich die Prioritäten ändern und das Einkommen bzw. die Wohlfühlfunktionen eingeschränkt werden? Die Kunst lotet meist bewusst die Grenzen aus, Künstler_innen sind oft Grenzgänger und einer Krise existentiell ausgeliefert.  Als kulturelle Präventionsmöglichkeit kann man sich als Kunstschaffende/r als auch -konsument/-in in Heimarbeit (auch mit online-Aktivitäten) flüchten, reflektieren, auftanken, spezialisieren, probieren….! Das schärft zwar den Blick und die Technik, schafft aber noch keine Wertschöpfung. Mögen dabei die Reproduktionsraten (welche auch immer) steigen, als Künstler/-in braucht man auch Einnahmen, die vom Verkauf der Werke kommen sollten. Dies setzt ein platziertes Anbieten und eine Nachfrage voraus, die mit (Eigen-) Werbung ergänzt werden soll. Gratis-Balkonkonzerte, virtuelle Galerieführungen oder online-Lesungen bringen nichts, solange die Besucher keinen Eintritt bezahlen oder kaufen können. Beim Kunstkonsum daheim fehlt es auch an Kommunikation und am Buffeterlebnis.  Kunst allein zu produzieren macht evtl. Spass, Kunst allein zu konsumieren eher nicht. Gerade in dieser Krise hat die Kunst aber eine neue Bedeutung und Aufmerksamkeit gewonnen: Wer von uns hat nicht im lockdown mehrere Bücher gelesen, Musik gehört oder virtuelle Ausstellungen besucht? Diese neue Bedeutung der Netzkunst müsste jedenfalls neu definiert und kommerziell zugänglich und genützt werden, um in Zukunft krisenfester zu werden. Dafür müsste das Publikum bereit sein, kleine Beträge zu bezahlen. Der ORF überträgt zwar exklusive Opern und Kabarettprogramme, regionale Festivals gehen dabei leer aus. Genauso wichtig wird es sein, online-Diskussionen, Videokonferenzen, usw., anzubieten, um sich fachlich auszutauschen oder zu planen.

Die Tatsache, keine Rücklagen für schlechte Zeiten angespart zu haben und dadurch in Krisenzeiten wenig resistent zu sein, ist in der Wirtschaft längst bekannt. Deswegen versucht man dort auch, die Liquidität zu erhalten, was in der Kultur bislang auf allen Ebenen unbekannt scheint. Die persönliche Durchhaltefähigkeit ist dann begrenzt, wenn man nur in der Gegenwart und ohne persönliche Sicherheiten lebt, um plötzlich festzustellen zu müssen, dass die elementaren Bedürfnisse nicht länger erfüllt werden können. Hier liegt es an uns allen, unsere Umgebung dahingehend zu beobachten, eine menschliche Notlage zu erkennen und direkt zu helfen. Die Gemeinden sollten dabei einem sozialem Abtriften rechtzeitig entgegenwirken, eine Notversorgung anbieten und damit die biologische Überlebensfähigkeit prekärer Lebensmodelle auf Zeit absichern – sie tun dies schon in der Jugendarbeit, bei Drogenabhängigen oder Obdachlosen. Dann wird uns auch klar: Die saturierte, grenzenlose Spaßgesellschaft wie vorher wird es so nicht mehr geben können, es braucht mehr Achtsamkeit, Perspektive, Kooperationswillen und Wertschätzung!

Ob Kunst und Kultur ein Lebens- oder Genussmittel sind, darüber kann man nicht nur in Salzburg herzhaft streiten, aber:

„Der tiefere Skandal liegt darin, dass die Kunst Verschwendung ist. Zum physischen Überleben brauchen sie wir nicht. Was der Mensch zum Überleben braucht, sind Brot und Früchte und sauberes Wasser, und tatsächlich leben auf diesem Planeten Abertausende, denen Brot und Früchte, denen insbesondere das saubere Wasser fehlt. Das einzige, was nirgendwo zu fehlen scheint, sind die Kalaschnikows.” (Peter von Matt, Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen, 2012, in: Kleine Ztg. vom 28.7.2012).


Sislej Xhafa „Love you without knowing“ (2018)

Sislej Xhafa wurde 1970 in Peja/Kosovo geboren und führt ein nomadisches Leben, seit er 1990 sein Land verlassen hat in London, Italien und New York, wo er nunmehr lebt und arbeitet.

Karl Bauer

Von Karl Bauer

Die Bedingungen eines ständig Reisenden setzen ihn einem ständigen Kontakt mit sozialen, ökonomischen und ästhetischen Transformationen in unserer globalen Welt aus. Seine politische und soziale Praxis drückt er vielfach in Zeichnungen, Bildern, Skulpturen und Installationen aus. Dabei benützt er zwar billige Materialien, die aber sehr ausdrucksvoll sind. Im Jahre 2017 repräsentierte er den Kosovo auf der Biennale in Venedig mit der Installation „Lost and found“, womit er die Würde, Gerechtigkeit und Transparenz den Prozessen der Ungerechtigkeit gegenüberstellte. Dabei geht es um die immer noch offenen Wunden der bis heute vermissten Menschen des Kosovokrieges.

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In „Woven soil“ (2018) für seine erste Ausstellung in der alten Heimat Kosovo erweiterte er den Ausstellungsraum der Nationalgalerie in Prishtina um einen Blick durch ein Fenster wie in einer ländlichen Idylle in einen realen Kuhstall mit acht Kühen. Die Schweiz unternahm nach dem Krieg große Anstrengungen um zu helfen und lieferte auch über 500 Kühe in den Kosovo. Der Projektplan war ursprünglich, einige dieser Kühe aus Dank in die Schweiz zurückzubringen, um ihre tierischen Verwandten besuchen zu können.

Dieses Vorhaben war aber voller Überraschungen: Die Kühe mussten viele Prozeduren durchlaufen und wurden tagelang außerhalb ihrer natürlichen Umgebung unter Quarantäne gestellt. Aufgrund der Kosten und der Transportschwierigkeiten wurde das Projekt letztlich eingestellt und in der Nationalgalerie 2018 umgesetzt. Dazu wurde anschließend an die Galerie ein zeitlich befristeter, realer Kuhstall gebaut und betrieben, der über ein Fenster besichtigt werden konnte. Eine Art von lebendiger Krippe in unserer Zeit. Diese konzeptuelle Arbeit zur agrarischen Welt in einem städtischen Museum sollte die Besucher zum Widerspruch zu dieser Dislokation herausfordern.

Alle Tiere brauchen ein Gesundheitszeugnis, um weltweit transportiert werden zu können, Menschen brauchen einen Reisepass. Einzig für die Menschen des Kosovos gilt in Europa eine Visumpflicht, die mit zusätzlichen Hürden einhergeht und die Entwicklung hemmt!


Zhanna Kadyrova, Market, 2017,Ukraine

Zhanna Kadyrova, Market, 2017

Die ukrainische Künstlerin Zhanna Kadyrova zeigte auf der Kunstbiennale in Venedig 2019 das Skulpturen- und Installationsexperiment „Market“ mit vorgefertigten Formen und Materialien mit Bezug auf eine spezifische Geschichte.

Karl Bauer

Von Karl Bauer

Sie benützt oft Steine, Ziegel und Fliesen für ihre Mosaike, die sie in renovierten und abgerissenen Gebäuden findet und kombiniert sie mit schweren Konstruktionsmaterialien wie Beton und Zement. Market ist ein Lebensmittelstand, der mit allen Produkten ausgestattet ist, die ein Händler braucht.

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Es werden dabei Würste und Salami aus Beton und Natursteinen gezeigt, wie auch Früchte und Gemüse in groben Mosaiken. Hier trifft der russische Konstruktivismus mit Pop-Art zusammen und geht in einem realistischen Setting auf. Der Stand mit seinen Produkten ermuntert zur Interaktion und erweckt in uns ein Wohlgefühl wie auf einem heimischen Bauernmarkt. Auf einer anderen Ebene spielt Market mit der Rolle des Kunstobjekts als Rohstoff und suggeriert die Möglichkeit einer alltäglichen Kunstökonomie.

Bauernmärkte sind heute Kommunikationsorte, wo sich die Bauern mit den Konsumenten direkt austauschen können. Dieses narrativ geprägte Ambiente vermittelt uns wieder das Gefühl des echten, bodenständigen Lebens und gesunder Lebensmittel, wie es vorindustriell einmal war. Die Marktplätze waren damals Zentren des gesellschaftlichen Lebens in jedem Ort und oft mehrtägig angelegt.

Zhanna Kadyrova, Market, 2017,Ukraine

Die klassischen Kirtage im jahreszeitlichen Ablauf oder nach Schutzpatronen verkommen heute zu inhaltslosen Events und regionale Messen kämpfen um Themen und Besucherzahlen. Einzig die Supermarktketten sind die Gewinner der modernen Entwicklung zur Selbstbedienung und dominieren mit ihren Werbe-, Preis- und Markenstrategien sowohl die Produzenten als auch die Konsumenten. Österreich ist dabei Spitzenreiter dieser Sub-/Un-Kultur, die den örtlichen Kaufmann und den privaten Einzelhandel bereits wegrationalisiert hat und sich gegenseitige Wettbewerbe um Standorte und Flächen am Ortsrand liefert. Damit einhergehende Angebote, zu jeder Zeit alles billig aus vollen Regalen kaufen zu können, belasten das Klima und schaden den lokalen Produzenten.

Zhanna Kadyrova bringt
durch ihre Materialauswahl deutlich zum Ausdruck, dass man ihre
dekorativen Market-Angebote
aus Stein – wie auch Geld – nicht essen kann!


Biennale

Artifizielle Kopie der Landwirtschaft in Venedig!

Nabuqi´s Ausstellungsprojekt auf der Kunstbiennale in Venedig 2019 mit dem Titel „Geschehen reale Dinge in Momenten der Rationalität?“ zeigte uns ein Setting einer Kunstwelt mit elektronischer Steuerung einer gesprayten Kuh aus Fieberglas auf Schienen, dazu bedruckte Plastikvorhänge aus Vinyl, Säulen, Spiegel-, Licht- und Pflanzenimitationen samt Formschaumsteinen.

Karl Bauer

Von Karl Bauer

Die Kuh bewegte sich ständig im Kreis. Alle verwendeten Materialien sind dekorative Elemente der Natur und bilden die Realität durch eine sie nachahmende Darstellung ab. Die Künstlerin Nabuqi kommt aus China und versucht die ästhetischen und materiellen Aspekte von Skulpturen (readymades) zu untersuchen, ohne sie näher zu interpretieren.

Im Bild erklärt
gerade eine Lehrerin das gestellte Szenario ihren Schulkindern, die vielleicht
noch nie eine echte Kuh gesehen haben und denen die Welt der Landwirtschaft
fremd ist. Damit provoziert die Künstlerin mit ihrer Installation (!)
eine differenzierte externe und interne Umwelt, wie sie uns auch in der Werbung
täglich gezeigt wird. Auch die Werbewelt provoziert uns täglich mit virtuellen
Botschaften und verklärten Formen der Landwirtschaft. Sie versucht damit eine narrative
und glückliche Welt aus der Seinerzeit der modernen entgegenzusetzen, die als
technokratisch, ressourcen- und umweltschädlich vermittelt wird und uns krank
macht. Lebendige Nutztiere werden von unseren (Grossstadt-)Kindern bald nur
noch als Plüschtiere bzw. im Museum und im Tiergarten beobachtet und
gestreichelt, die Haltung zu wirtschaftlichen Zwecken wird abgelehnt. Deren
Produkte sind dadurch ent-emotionalisiert, folglich wertgemindert und sind leichter
austauschbar.

Umso stärker muss es das Ziel sein, der Entfremdung von Gesellschaft und Landwirtschaft entgegenzuwirken, damit sich die nächste Generation nicht noch weiter von der realen Welt und Natur entfernt. Sind also rationale Betrachtungen noch möglich und nimmt man noch reale Dinge wahr? – Die Künstlerin zeigt einen Spiegel der auf uns zukommenden sinkenden Realitätswahrnehmung, die uns zum Handeln aufruft!


Dorfzeitung.com


Almtiere | Foto: KTraintinger Dorfbild.com

Nutztierhaltung im kulturellen Wandel zwischen Tradition und Moderne

Die Haltung von Nutztieren und die Erzeugung von Lebensmitteln tierischer Herkunft unterliegt permanenten Veränderungen.

Von Dr. Karl Bauer

War bis vor einigen Jahrzehnten die Steigerung der Produktion von Milch und Fleisch zur Versorgung der Bevölkerung ein notwendiges Ziel der Ernährungssicherheit, änderte sich mit dem Erreichen des Versorgungsgrades auch der Blick auf die zugrundeliegenden Standards: Tierhaltung, Tiergesundheit und Tierwohl, Nachhaltigkeits- und Umweltkriterien sowie die Intensität der Betreuung spielen dabei eine steigende Rolle. Dazu kommen emotionale, ethische und kulturelle Faktoren sowie die Beschäftigung mit der tierischen Intelligenz bis hin zur Forderung einer Gleichstellung vor dem Recht.

Die hohe lokale Standortkonkurrenz im Lebensmitteleinzelhandel über billige, leicht verderbliche Lebensmittel führt dazu, das zwar mehr eingekauft, aber auch mehr weggeworfen wird. Die Konsumenten übernehmen Verantwortung und werden bei ihrer Kaufentscheidung von professionellen Produzenten, Verarbeitern und Vermarktern, gezielt beeinflusst. Durch verfeinerte gesundheitliche, technische und hygienische Verfahren und Kontrollen sind die Qualität, Haltbarkeit und Sicherheit unserer Lebensmittel bis zu den Konsumenten heute so hoch wie nie zuvor.

Strukturwandel_ZAR
Tab.: Strukturwandel in der österreichischen Rinderhaltung (ZAR, 2017)

Die obige Tabelle zeigt eine strukturelle Entwicklung seit über 50 Jahren, die von allen bisherigen Trends unbeeinflusst scheint und technisch bedingt zu größeren Einheiten führt (gilt sinngemäß auch für Schweine).

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Produktionsart und -intensität, Spezialisierung und Vermarktung sind in Gunstlagen wesentlich leichter zu gestalten als in entlegenen Berggebieten. In intensiv produzierenden Regionen gelten bereits Einschränkungen in Bezug auf Umwelt- und Baustandards, um die Sicherung von natürlichen Ressourcen, Strukturen und der Lebensqualität weiterhin zu gewährleisten.

Ein gesunder Boden und das Grundwasser sind wichtige Produktionsmittel, deren Erhalt es (zB. vor Verbauung) zu sichern gilt. Zunehmend werden auch Nischen wie Bioproduktion, Gentechnikfreiheit, Freilandhaltung, erhöhtes Tierwohl, usw. über diverse Gütesiegel marktrelevant und die Direktvermarktung aus-gebaut. Tradition und Regionalität gewinnen an Bedeutung und werden zu einer neuen Identität aufgewertet.

Wiederkäuer (ds. Rinder, Schafe, Ziegen, Büffel, Hirsche, …) sind die einzige Tiergruppe, die „Gras in Milch und Fleisch“ umwandeln können. Grundlage dazu sind drei Vormägen mit spezifischer Einzeller- und Bakterienflora, die Rohfasern aufschliessen und nach deren Verdauung in Eiweiß umgewandeln. Die öffentliche Beweidung dient der Offenhaltung von Flächen vor Verbuschung bzw. Verwaldung, erhält die Struktur der Kulturlandschaft und dient dem Klimaschutz.

Zur Erzeugung von Grundnahrungsmitteln ist dies gleichzeitig die wichtigste Produktionsgrundlage und umfasst ca. ein Drittel der agrarischen Wertschöpfung. Zusatznutzen sind Sport und Tourismus, Bioenergie, Bodenschutz, Subsistenz- und Kreislaufwirtschaft sowie der Erhalt der Biodiversität und der Artenschutz. Ein Spezifikum ist die Methanproduktion im Pansen, das als Treibhausgas die Ozonschicht schädigt (dies ist bei den ähnlich gebauten Kängurus nicht der Fall!).

Verbuschung

Nichtbewirtschaftung führt zur fortschreitenden Verbuschung einer Landschaft (Fotos: Bauer)
Nichtbewirtschaftung führt zur fortschreitenden Verbuschung einer Landschaft (Fotos: Bauer)

Die neuen Techniken 4.0 verlangen eine hohe, ständige Ausbildungs- und Weiterbildungsbereitschaft und umso mehr eine ausreichende Betreuungszeit für die Tiere, damit die Beobachtungs- und Pflegearbeiten ausreichend wahrgenommen werden können. Der Einsatz von Robotern kann die physische Nähe zu lebenden Tieren nicht ersetzen und muss auch in Zukunft unmittelbar im Sinne einer allgemeinen Verantwortung (CAR – corporate animal responsibility) vom Menschen ausreichend wahrgenommen werden.

Die Schweine- und Geflügelhaltung hat sich vor Jahrzehnten dort etabliert, wo der Maisanbau als Energiefuttergrundlage möglich ist und mit seinen höchstmöglichen Erträgen geradezu eine „Wunderpflanze“ ist, da er nicht unmittelbar in Nahrungskonkurrenz zum Menschen steht. Die Intensität der Haltung ist hier am weitesten fortgeschritten und hat große Strukturen mit Integration der gesamten Branche geschaffen, die erst billige Nahrungsmittelpreise bei Einhaltung der rechtlichen Mindeststandards ermöglichen.

Die Tiere wurden der Technik angepasst, wogegen heute die Technik wieder zur Verbesserung der Haltungsformen eingesetzt wird. Darin relativiert sich auch die Größe eines Betriebes, wenn es um die Ansprüche und Qualität der Haltung und Betreuung geht. Der dabei anfallende Hofdünger ist bei richtigem, flächenbezogenen Einsatz eine billige, umwelt- und bodenschonende Ressource, die auch zur Biogaserzeugung Verwendung findet und dadurch für die Düngung und Umwelt attraktiver wird.

Der Schutz bedrohter Tierarten schließt heute auch den Nutztierbereich ein. Alte Kulturrassen gewinnen dort zunehmend an Bedeutung, wo ein Markt oder eine Marke darauf aufbaut und erhöhte Umwelt- und Tierhaltungsstandards eingefordert werden.

Andererseits geht der Individualtierschutz vielen Akteuren zu wenig weit und führte zur Bildung von NGOs, die emotionale Herangehensweisen wählen um die Weiterentwicklung in ihrem Sinne zu forcieren. Dort, wo es zu Tierschutzvergehen und Tierquälereien kommt, ist es Sache der zuständigen Behörde, diese zu verfolgen. Die religiös motivierten Arten des „Schächtens“ werden von der Kritik oft ausgenommen, obwohl aus der Sicht des betroffenen Tieres die vorausgehende Betäubung wesentlich ist.

Beispiel Haus-, Notschlachtung, Nottötung: Früher gab es in jedem Dorf noch Personen (Bauern, Fleischhauer, Jäger, …), die in der Lage waren, Notschlachtungen durchzuführen bzw. todkranke oder schwer verletzte Tiere unmittelbar zu betäuben bzw. zu töten, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gab. Damals wurden auf den Bauernhöfen auch noch Hausschlachtungen durchgeführt und deren Durchführung war traditionelles Wissen.

Durch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte sind Hauschlachtungen und Fleischhauer fast verschwunden und damit ist auch dieses Wissen verlorengegangen. Trotzdem muss jeder Tierhalter heute umso mehr fachlich und technisch in der Lage sein, ein Tier – wenn auch schweren Herzens – zu töten. Fotos leidender, todkranker Tiere in den Stallungen, die in den Medien landen, sollten damit wieder der Vergangenheit angehören.

Die Ambivalenz von ländlichem Nutz- und städtischem Heimtier ist besonders stark ausgeprägt und wird heute aus moralischen Gesichtspunkten betrachtet und beurteilt. Dabei darf die Rolle der Landtierärzte als Tiergesundheits- und Tierschutzexperten nicht vernachlässigt werden. Sie sind selbst gefährdete Zeugen und Strukturfolger des kulturellen Erbes und praktizieren auch moderne Gesundheitsvorsorge und Bestandsbetreuung – gerade in intensiven Haltungssystemen.

„Vermenschlichung im Alltag“ (Fotos: Bauer)
„Vermenschlichung im Alltag“ (Fotos: Bauer)

Wenn wir bewusst Fleischprodukte essen, sollten es im Vergleich zu heute sicherlich weniger, aber von guter Qualität sein – auch der Verantwortung den Tieren gegenüber. Die vegane Ernährung ist bei uns derzeit eine kleine Nische, die aber weltweit eine große Tradition hat. Evtl. zukünftige Alternativen wie Insekteneiweiß (wäre mE. als Tierfutter interessant) oder Labor-Gewebekultur-Fleisch („Kulturfleisch“) sind heute noch nicht absehbar und werden gerade intensiv erforscht.

Ohne zu wissen, welche bzw. wieviel Arbeit, Aufwand und Empathie hinter einem Liter Milch oder einem Kilo Fleisch und dem damit in Verbindung stehenden Tier steht, sind Teile der Öffentlichkeit zunehmend kritisch gegenüber züchterischen Errungenschaften, dem Transport von Tieren, dem Einsatz von Impfungen und Arzneimitteln (zB. Antibiotika) sowie Schlachtungen und Umweltbelastungen eingestellt.

Auf die herrschenden Bedingungen können wir als Konsumenten direkten Einfluss nehmen, wir müssten nur unser Werteschema und Kaufverhalten ändern. Deshalb ist es – trotz evtl. sporadischer Rückschläge – immer noch besser, der heimischen Landwirtschaft zu vertrauen, da sie authentisch, transparent und qualitätsbezogen ist und die vielfachen Wertschöpfungen daraus dem Lande und seinen Menschen (dh. also wieder uns selbst im „Kreislaufkonsum“) ressourcenschonend zugutekommen sollten.

Bei verschiedenen Anlässen oder bei Anmeldung kann man direkt die tierhaltenden Betriebe kennenlernen und mit den Bauern reden!

Dr. Karl Bauer,
Kulturmanager n. ISO 17024, Obmann VETART-Kunstforum

Siehe auch:
Karl Traintinger: Lebensmittel und Tierschutz
Dorfradio: Lebensmittel und Tierschutz


Löwenzahn, blühend

Über den Sinn der Kunst für und in der heutigen Zeit

Was ist Kunst?

Künstlerisches Denken und Handeln ist eine subjektive Eigenschaft des Menschen, die auf schöpferischen Grundlagen und Techniken basiert sowie die Fähigkeit des Verstandes zur Reflexion einschließt. Durch seine kulturellen Aktivitäten unterscheidet er sich vom Tier, die nicht nur dem eigenen Überleben dienen, sondern zusätzliche emotionale Bedürfnisse abdecken.

KarlBauer

Von Karl Bauer

Die Kunst ist zwar kein Grundnahrungsmittel zur Erhalt der biologischen Existenz aber ein emotionales Ergänzungs- oder Genussmittel, das das Leben und die Gesellschaft lebenswerter macht. Europa ist

auch ein Sinnbild dafür, dass die Kultur nach fast 70 Jahren Frieden die Weiterentwicklung tragen wird, nicht der Krieg (Umberto Eco, New York Times).

„Der tiefere Skandal liegt darin, dass die Kunst Verschwendung ist. Zum physischen Überleben brauchen sie wir nicht. Was der Mensch zum Überleben braucht, sind Brot und Früchte und sauberes Wasser, und tatsächlich leben auf diesem Planeten Abertausende, denen Brot und Früchte, denen insbesondere das saubere Wasser fehlt. Das einzige, was nirgendwo zu fehlen scheint, sind die Kalaschnikows.“ Peter von Matt, Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen, 2012, in: Kl. Ztg. vom 28.7.2012

Was früher nur einer ausgewählten Gruppe der Aristokratie und Klerikern zugängig war, ist heute ein breiter Anspruch an alle Gesellschaftsschichten, einen Zugang zu finden, der auch von den Künstlern aktiv gefördert werden muss: der elitäre Anspruch kann heute nur für die künstlerische Arbeit, nicht jedoch für die Auseinandersetzung mit den Kunden gelten! In der Praxis entstand durch Strukturierung bzw. Schubladisierung eine traditionelle Zuständigkeit für die Künste: Die Hochkunst-Museen und Kunsthäuser in den Zentren, Kulturabteilungen der öffentlichen Einrichtungen und die Marketingabteilungen der Firmen. Gemeinden nehmen erst seit den 80er-Jahren Verantwortung für Gegenwartskunst wahr, um den Regionen neue Identität zu geben und sie weiter zu beleben. Die Frage nach dem Nutzen der Kultur steht außer Streit, sie kann heute bis zur EU-Ebene belegt werden und sollte auch Künstler anregen, im Dialog mit der Gesellschaft ihren Stellenwert neu zu definieren.

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Wer braucht Kunst(-werke)?

Die Werke der zeitgenössischen Kunst sind im Kontext mit Gesellschaft und Wirtschaft ein Motor und eine Ausdrucksform, wie der Kunstproduzent seine Identität darstellen und die Weiterentwicklungen in seinem Lebensumfeld gestalten und beeinflussen kann. Damit ist es auch Aufgabe der Künstler, sich im Alltag einzubringen und ideellen Nutzen zu stiften. Das persönliche Empfinden des Beobachters anzusprechen, ist ein wichtiger Bezug, den es herzustellen gilt, er entscheidet dann auch, ob das Produkt „gefällt“ oder „nicht gefällt“.

Aufgaben der Öffentlichkeit sind hier, einen ständigen Dialog mit Kunstproduzenten in Wertschätzung zu führen, ihre Wahrnehmungen ernst zu nehmen und die Aktivitäten der freien Szene adäquat zu unterstützen. Als äußere Zeichen mögen Kunstwerke im öffentlichen Raum und die Schaffung von Orten bzw. Möglichkeiten der Kunstvermittlung oder der dafür erstellte Budgetansatz dienen. Auch die Förderlandschaft steht trotz Umbrüchen positiv zur Gegenwartskunst und verlagert ihre Aktivitäten zunehmend in die Provinz. Was wäre die Alternative ohne den vielen Künstlern, Ausstellungen, Aufführungen, Kunsthäusern und Büchern, wenn dafür kein Interesse bestünde?

Neue Realität für freie Künstler?

Der Künstler drückt über verschiedene Kommunikations- und Darstellungsformen seine Gedanken aus und erklärt seine Welt dem interessierten Publikum. Die freie Kunstszene hat das Ziel, „autonom“ zu sein und zu bleiben, hinterfragt dadurch selbst immer wieder seine Existenz und Legitimität, was viel Energie und Kritikfähigkeit den Kunstschaffenden abverlangt. Die Kunst braucht aber auch einen irdischen Markt, der die reale, tägliche Existenz der Künstler absichert und damit erst die Freiheit aus materieller Sicht schafft, da Förderquellen zunehmend versiegen. Künstler waren meist Freiberufler bzw. Einzelhändler, dh. sie handelten einzeln oder autonom und machen zeitweilig die Gesellschaft für ihre Befindlichkeiten verantwortlich.  Durch kritische Ausein­ander­­­setzung mit Themen der Zeit und ihren Ausdrucksformen ernten sie nicht nur Lob und Anerkennung sondern oft auch Unverständnis und Misstrauen.

Neue Wege sind auf beiden Seiten verstärkt anzustreben wie zB. ein offener, kritischer Dialog, eine aktive Kommunikation über die Rolle der Kunst in der Welt zwischen Politik, Verwaltung, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft, weit weg von Selbstzweck und Mitleid. Indem sich der Künstler über sein Denken und sein Werk erklärt, trägt er zum Verständnis und zur Akzeptanz in der Gesellschaft bei. Gerade die einzigartigen Ausdrucksmöglichkeiten der Kunstschaffenden können die öffentliche Meinung prägen, Brücken bauen, Denkprozesse auslösen und neue Zugänge zu Themen schaffen. So gesehen hat der Künstlerberuf eine gesellschaftspolitische Verantwortung wie jeder andere Beruf auch, die er aktiv und engagiert zur Vermittlung der Kunstinhalte wahrnehmen muss, um vom konsumierenden Publikum verstanden zu werden. Das Werk ist das beständige Mittel zu diesem Zweck, das durch den einzigartigen Stil geprägt ist.

Es gibt heute nur wenige Künstler, die als freie Profis allein von ihrer Arbeit leben können und es gibt eine zunehmende Mehrheit von kreativen „Nebenerwerbskünstler“, die einem normalen Brotberuf nachgehen müssen oder die künstlerische Tätigkeit als immaterielles Hobby betreiben. Allein in Graz besteht die freie Kunstszene aus über 1000 Kunstschaffenden, die im Kollektiv einer großen Firma entsprechen würden und teilweise die Öffentlichkeit für ihre (va. missliche) Lage verantwortlich machen. Heute ist es umso wichtiger, sich zu vernetzen, nach Aussen gemeinsam aufzutreten und so mit der Politik, Verwaltung und Wirtschaft in Kontakt zu treten und in Verbindung zu bleiben. Durch die Wirtschaftskrise ist es in den letzten Jahren zu einer Reduktion der öffentlichen Förderungen auch für Kunst, Sport und Soziales gekommen, die man nur durch neue Ansätze ausgleichen kann.

Die Wirtschaft hat die Bedeutung der Vernetzung mit der Kunst schon erkannt und geht im Rahmen von „Corporate Cultural Responsibility“ aktiv auf sie zu. Aufgabe der Kunstvereine und ihrer Manager ist es nun, direkt im eigenen Umfeld mit interessierten neuen Gruppen, Firmen und Organisationen die Möglichkeiten einer inhaltlichen Zusammenarbeit zu evaluieren. Die erkannten Motive und Themen können identitätsstiftend sein und als positiver Beitrag zu politischen, historischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen einer Region empfunden werden. In der Politik und Wirtschaft gibt es derzeit (trotz Krise!) Prozesse mit einer positiven Erwartungshaltung und die Künstler sollten die Chancen nutzen, sich in dieser Dialogphase mit den Menschen und ihren Problemen zu befassen!

Kunst und Politik/ Verwaltung

Alle Kulturmetiers werden heute als positiver Beitrag zum Leben in Stadt und Land empfunden und entsprechend gefördert, um den Bürgern einen Bezug zur Kunst bzw. zu den zeitgenössischen Künstlern herzustellen. Dies ist organisatorisch am Besten in strukturierter Form möglich und umsetzbar und verlangt nach eingespielten Organisationsmodellen.  Es ist nicht das Problem, Orte für Auftritte oder Ausstellungen zu finden, vielmehr liegt es an der Kommunikation und den Vorstellungen, wie Projekte und Inhalte umgesetzt werden sollten. Für die öffentliche Wahrnehmung ist natürlich auch das Interesse des Publikums wichtig, das sich auch in der Anzahl der Teilnehmer ausdrückt. Die Qualität der Werke und die Quantität der Besucher oder Kunden sind sehr wohl wichtig für die Kunstvermittlung als Aufgabe der Politik, ihre Rolle zu rechtfertigen. Neue Ausdrucksformen der Gegenwartskunst sind auch Parameter der zukünftigen Ausrichtung der Förderrichtlinien einer Gemeinde, wo ein Kulturausschuss über die beantragten Projekte und Förderungen berät und ein Budget erstellt.

Obwohl die Fördersituation der Gemeinden schon einmal besser war, gelingt es trotzdem, mit den vorhandenen Mittel auszukommen und sie gezielt zu vergeben. Damit wird beidseitig Nutzen gestiftet und die Rolle der Kunst im öffentlichen Leben und im öffentlichen Raum als Beitrag zur Lebensqualität einer Region betont. Kunst und Kultur zu fördern ist eine wichtige Aufgabe der Politik und bedarf eines Masterplanes. Die Funktion ergibt die Struktur, sie folgt dann dem Prozess („structure follows process and function“), der jetzt in Gang kommt, nicht umgekehrt. Gleisdorf hat eine gute und vielfältige Struktur im Kulturbereich entwickelt, und einen eigenen Budgetansatz für Aktivitäten im Bereich der Gegenwartskunst bereitgestellt, der sich als Eigenmittelansatz vielfach multiplizieren kann.

Neue Wege zur Wahrnehmung

Der hohe Stellenwert der Hochkunst als Aushängeschild des Landes (in Graz) steht in krassem Gegensatz zur Wahrnehmung der zeitgenössischen Kunstschaffenden bzw. regionalen Gegenwarts­kunst, dementsprechend verteilen sich die Rollen und die Mittel. Eine Änderung kann sich nur durch das Engagement von Kulturinteressierten, Organisatoren sowie der Künstler selbst ergeben, indem sie aus ihren Nischen heraustreten und der direkte Kontakt zu einem breiten Publikum gesucht wird. Die freie Szene muss sich auf die Suche nach mehr Kunden begeben, dh. interessierten Menschen ansprechen, und zu ihnen einen Bezug herstellen. Die Kunstwerke müssen für den Laien verständlich erklärt und seine Kreativität, wie auch das innovative Denken geweckt werden. Es gibt heute eine Vielzahl von Räumlich­keiten, Ausstellungen, Auftritten, usw. was fehlt ist die Intensivierung der Kommunikation und der kritische Dialog in verständlicher Aufbereitung.

In Zeiten, wo es den Menschen – trotz Wirtschafts­­krise – doch relativ gut geht, ist die Zeit gekommen, über zusätzliche Genüsse der Kunst zu inform­ieren, die Neugierde zu wecken und Plattformen dafür zu bieten. Dort wo die Gesell­schaft gesättigt ist, auf hohem Niveau jammert und einem oberflächlichen Ziel nachläuft, kann heute ein Kunstwerk eine sinnstiftende Lösung sein. Neue Erkenntnisse nehmen die Kunst als messbaren Beitrag zur Identität, wirtschaftlichen Entwicklung, Tourismus und Lebensqualität als Standort­faktoren für eine Region wahr. Dieser Ansatz ermöglicht eine ernsthafte Diskussion und Einbindung von örtlichen Künstlern in die Leitbilder, Visionen und Werte von Gemeinden, Schulen und Firmen, ohne sie in ihrer Freiheit vereinnahmen zu wollen.

Neue Entwicklungen und Zielsetzungen

Am Beispiel „kunstost“ finden laufend neue Vernetzungen und thematische Aufarbeitungen statt, die eine breitere Auseinandersetzung mit der Kunst in einem regionalen, soziokulturellen Zusammenhang in und um Gleisdorf ermöglichen. Kontakte müssen geknüpft werden, Grenzen und Hürden müssen auf beiden Seiten ausgeräumt werden und ermöglichen dann einen neuen Blick auf Wesentliches: Dass es sehr viele, bisher versteckte Themen und Ansätze gibt, die es verdient hätten, kulturell aufgearbeitet und organisatorisch umgesetzt zu werden. In Zusammenarbeit mit der Regionalentwicklung, Gemeinden, Schulen und Firmen entstehen so tragfähige Netzwerke, in denen die Künstler ihren fixen Stellenwert haben und nicht ständig hinterfragt werden. Zusätzlich braucht es Plattformen für das künstlerische Angebot, da auch ein Markt bedient werden muss/soll.

  1. Es ist heute vielfach unbestritten, dass das Kulturgeschehen ein wichtiger Faktor im Erscheinungsbild einer Stadt oder einer Region ist und wirtschaftlichen Nutzen bringt.
  2. Kulturpolitik entsteht in ständiger Auseinandersetzung mit den Lebensbedürfnissen der Menschen mit den Kunstschaffenden, die wiederum ihre Sichtweisen und Ansprüche einbringen. Kunstverantwortliche in Politik und Verwaltung sind in erster Linie organisatorisch tätig, fassen Beschlüsse zu den vorliegenden Anträgen und verteilen die vorhandenen Mittel des Budgets über alle Kulturbereiche.  In enger Zusammen­arbeit und durch persönliche Kontakte sollte es möglich sein, tragfähige Strategien für die Zukunft zu entwickeln, die den Interessen beider Gruppen gerechter werden.
  3. Es ist für mich interessant, wie viele künstlerische Aktivitäten es auch in Betrieben, Firmen, Schulen und von Privaten in Gleisdorf schon gibt und wie es gelingen kann, diese vermehrt vor den Vorhang zu bekommen um sie noch stärker sichtbar zu machen! Aus meiner eigenen Erfahrung schätze ich den Zugang über themenzentrierte Arbeiten, die einen intensiven Bezug zu unserer Region und Identität herstellen können.
  4. Die Kunst ist in Gleisdorf besonders lebhaft und vielfältig strukturiert. Einerseits gibt es eine Vielzahl von Kunstschaffenden verschiedener Genres, andererseits auch vielfältige Förderer und Sponsoren, die  in einem „artpool“ zusammengefasst werden könnten. Eine nachhaltig bessere  Zusammenarbeit und Strukturierung in der Kulturszene wäre möglich, und ein Masterplan für die Zukunft zu erstellen. Dazu ist es notwendig, das innere Funktionieren der Institutionen und Firmen zu verstehen, um die richtigen Ansprechpartner zu finden, die für Kunst und Marketing zuständig und motivier­­bar sind. Die Kommunikation muss laufend gepflogen und aufrechterhalten werden, nun auch bevorzugt mit den Umlandgemeinden, die sich im Rahmen der Gemeindestrukturreform mit Gleisdorf fusionieren werden.
  5. Ein Kunstmarkt muss erst geschaffen werden. Da mE. der Käufer-Markt stagniert und dem zunehmenden Angebot nachhinkt, entsteht die Krise der Kunst bzw. der professionellen Kunstschaffenden durch einen zunehmenden, inflationären Druck durch ein immer breiter werdendes, qualitativ unterschiedliches Angebot. Der interessierte Betrachter kann oft den Sinn oder den Wert eines Werkes nicht erkennen, wenn dies nicht vermittelt wird oder er sich nicht angesprochen fühlt.
  6. Auf kommunaler Ebene könnte man, ähnlich dem „Energiekataster“ als IST-Zustands-Er­heb­ung einen „Kunstkataster“ für Gleisdorf anlegen und zum weiteren Ausbau als Kunststadt im Leitbild nutzen. EIN Ziel darin könnte mittelfristig sein, dass zB. zumindest in jeder/m zweiten Wohnung/Haus Gleisdorfs ein zeitgenössisches Werk eines regionalen Künstlers hängt/steht!

Aus den heutigen „Notlagen“, ein passendes Geschenk für einen spezifischen Anlass zu finden, kann man bei Kauf eines Werkes auch eine Tugend für die Kunstschaffenden machen.

Entgegen den derzeitigen Verwendungszwecken als Eventplatz sollte ein Kunsthaus tatsächlich ein Haus sein, wo Künstler verschiedener Branchen täglich zusammenarbeiten und sich ständig austauschen könnten.

Ähnlich den Sportveranstaltungen oder dem Bauernmarkt könnte so auch ein vielfältiges Angebot einer breiten Kunstszene in Gleisdorf entstehen, die den einen oder anderen vorbeifahrenden Touristen veranlassen sollte, von der Autobahn kurz abzufahren. In Zeiten des Wandels ist es Aufgabe der Beteiligten und der Verantwortlichen, Visionen (2050?) zu entwickeln, Ideen zu sammeln, professionell aufzuarbeiten und tragfähige Lösungen für die Zukunft zu finden.

„Der Zeit ihre Kunst – der Kunst ihre Freiheit – …und ihren Nutzen!“

Dr. Karl Bauer, Mitglied des Kulturausschusses der Stadt Gleisdorf

Info:
VETART 2012 in der Steiermark ein voller Erfolg
Karl Bauer: Kunst und Landwirtschaft

log #411: weg mit der kunst!


Rind auf der Weide

Kunst und Landwirtschaft

Die Kunst der Landwirtschaft, der Landwirtschaft die Kunst – beide kommen in Kontakt!

Gegenwartskunst und agrarische Welt stehen derzeit nur in einer losen, oft aufgrund von gegenseitiger Unkenntnis basierenden Beziehung. Die Zusammenhänge waren und sind bis heute nicht wirklich aufgearbeitet worden, obwohl diese gerade in unserer Region eine bestimmende Funktion ausüben und blieben deshalb auf Einzelaktionen beschränkt. Gerade der Dialog eröffnet ein weites Feld an möglichen Verständnis und Zusatznutzen auf beiden Seiten.

Karl Bauer

Von Karl Bauer

Künstler der Region finden zunehmend Interesse an der Identität der Region und der sie bestimmenden Menschen und Faktoren bzw. spüren soziokulturelle Zusammenhänge auf, die sie auch zum kreativen Inhalt ihres Schaffens machen.

Die agrarische Welt ist gerade bei uns ein weitentwickelter Wirtschaftsfaktor, der die Region maßgeblich prägt und sowohl die Landwirtschaft wie auch deren Verarbeitungs-,  Produktions- und Handelsbetriebe umfasst, die die Region über ihre Grenzen hinaus bekanntmachen.

Im laufenden Dialog werden die Standpunkte ausgetauscht und die handelnden Menschen vernetzt, um die jeweils anderen Herangehensweisen kennenzulernen und in die eigenen Überlegungen miteinzubeziehen. Beide verbinden seit je her Herkunft, Arbeitsweisen und Traditionen, die sich über Generationen entwickelt haben und die Basis für den heute beginnenden Dialog darstellt. Dabei ist es erfreulich zu sehen, wie beide Seiten frei von Ideologie und Vorurteilen aufeinander zugehen, konstruktive Gespräche in gegenseitiger Neugierde und Wertschätzung führen und win-win-Situationen suchen.

Motive wie Apfel, Kürbis, Mais, Tiere bzw. Verarbeitungsprodukte wie feinstes Leder, Fruchtver- und -zubereitungen oder Direktvermarktungsspezialitäten sowie technische Entwicklungen und Innovationen in der Region sind die Inhalte befruchtender Diskussionen und dienen der Findung neuer Zugänge und Sichtweisen auf das jeweilige Arbeitsumfeld. Diese Prozesse vertiefen und steigern das Selbstbewußtsein und die Identität der Menschen in der Region, die vermehrt daran teilnehmen und dadurch auch selbst zu schöpferischen Handeln bzw. Reflexionen angeregt werden. Dadurch entsteht vermehrt kulturelle Verantwortung in der agrarischen Welt und eine zeitgenössische Sensitivität den Kunstschaffenden und ihrer Kunst gegenüber.

Kunstschaffende bekommen so einen Einblick in das moderne agrarische Leben und die Situation der Realwirtschaft vor Ort, die sie mit ihren Ausdrucksformen beschreiben und einen kulturellen Mehrwert schaffen, der auch die Methoden und Techniken in der modernen agrarischen Welt hinterfragt und einschließt. Agrarische Motive und Statements moderner künstlerischer Darstellung sind bei uns eher unterrepräsentiert, solange die Zugänge nicht geebnet werden.

Für den – von beiden Seiten außenstehenden – Konsumenten ergibt sich ein tiefer Einblick in die wesentlichen Prozesse seiner Bedürfnisse, ein besseres Verständnis des gegenseitigen Zusammenlebens und ein nachhaltiger Eindruck auf die Entwicklungen in seinem Umfeld, die er aufmerksamer wahrnimmt. Dann ist er auch bereit, in diese Bereiche zu investieren und zum Erhalt der wirtschaftlichen Basis sowohl in der agrarischen Welt als auch der Kunstszene vermehrt beizutragen.

Dr. Karl Bauer
Tierarzt und Mitglied im Kulturausschuss des Gemeinderates von Gleisdorf/ Steiermark
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