Einmal Hund, immer Hund. Sonja Schiff.

FRAUmitHUND
Die Geschichten

Von Rochus Gratzfeld, Salzburg und Sarród

Einmal Hund, immer Hund. Sonja Schiff.

„Meinen ersten Hund habe ich mit 15 angeschleppt. Er hieß Pablo, war kohlrabenschwarz und der Hund des Knaben, in den ich grad verliebt war. Er suchte einen neuen Besitzer für seinen Hund. Und ich wollte diese große Aufgabe unbedingt übernehmen. Meine Mutter sah das dann leider ganz anders. Also musste ich den Hund, begleitet von tausenden Tränen, wieder zurückgeben. Aber ich schwor mir damals: Wenn ich erwachsen bin, habe ich einen Hund. An diesen Eid erinnerte ich mich im Alter von 33 Jahren. Ich hatte gerade eine Scheidung hinter mich gebracht und erfahren, dass ich nie Kinder haben werde. Es war eine Lebensphase mit viel Traurigkeit. Im Nachhinein denke ich mir damals bin ich stetig an der Grenze zur Depression dahingewandelt. Alle Energie ging in die Arbeit, danach war ich leer und verkroch mich zu Hause in meiner Höhle. Monatelang. Irgendwann in dieser Zeit kam mir der Gedanke, dass ich etwas brauchte um meinen “Kümmertrieb” auszuleben, etwas was ich umsorgen konnte. Da erinnerte ich mich an den Eid. Ein Hund!

Othello hat mir die Welt da draußen ganz neu gezeigt, er hat mich auf meinen vielen Reisen als Single begleitet und er hat mir beigebracht, dass Spaziergänge bei Sturm, Regen und Schneesturm einfach wunderbar sein können. Okay, er hat auch mein beiges, sauteures Ledersofa zerstört, und zwar noch am Tag der Lieferung. Außerdem hat er jede Rückbank meiner Autos zerfetzt und so manche Lieblingsschuhe. Er hasste es alleine gelassen zu werden! Abgrundtief und zerstörerisch.

Seit Othellos Tod im Jahr 2013 begleiten mich zwei wilde Hundemädels. Nutella und Girly, Dobermannmix und Schäfermix, beide aus dem Tierschutz. Beides keine einfachen Hunde, die eine ursprünglich ein sehr ängstlicher Hund—heute eine liebevolle und jederzeit verlässliche Wächterin, die andere ein ehemaliger Straßenhund mit viel Misstrauen und noch mehr Kampfgeist. Aber wir haben uns zusammengerauft und werden Tag für Tag zu einem besseren Team. Ich denke an die alte Dame, etwa 85 Jahre alt, der ich jeden Morgen beim ersten Gassigang begegne. Sie hat mir erst kürzlich erklärt, wie schwer es ihr aufgrund von Schmerzen fällt, morgens aufzustehen. Aber ihr kleiner Hund braucht sie und so rafft sie sich auf und bleibt dadurch mobil. Oder eine andere alte Dame, sie ist etwa 80, die gerade wieder zwei alte Hunde aus dem Tierheim geholt hat. Auch sie leicht gehbeeinträchtigt. Und trotzdem, dreimal täglich zieht sie mit den Hunden los. Ich werde daher wohl auch irgendwann so eine alte Frau sein. Werde kaum mehr laufen können, aber mich zwingen, rauszugehen, für meinen Hund oder meine Hunde. Sollte ich einmal in einem Seniorenheim wohnen müssen, dann bitte in einem, in dem auch Hunde einen fixen Platz haben! Da fällt mir ein, vielleicht sollte ich ja irgendwann so einen richtig hundefreundlichen Alterslebensplatz für mich und andere gründen?

Die Bilder sind noch bis Ende April 2017 während der Sprechstunden in der Tierarztpraxis Lamprechtshausen zu sehen.




Liebe stirbt nicht.

FRAUmitHUND
Die Geschichten

Von Rochus Gratzfeld, Salzburg und Sarród

Liebe stirbt nicht.

Ich lernte Bettina und Coco in Salzburg kennen. Irgendwie waren wir uns sehr schnell sympathisch. Daraus ist eine Freundschaft geworden. Coco lebt nicht mehr. Sie starb hochbetagt. Aber aus Bettinas Herzen ist sie nicht verschwunden.

Als ich Coco zum ersten und einzigen Mal traf, war sie bereits sehr krank. Dennoch strahlte sie einen schier unendlichen Lebensmut aus. Und es war klar: Bettina und Coco waren eine Einheit. Ein Herz und eine Seele.

Heute lebt Bettina nicht mehr in Salzburg. Cocos Tod änderte ihr Leben vollständig. Wenn ich heute von ihr höre, dann von irgendwo auf dieser Welt. Ab und an besucht sie mich. Wird dann ganz herzlich von meinen beiden Hündinnen begrüßt. Na ja. Die haben Geschmack. Wie Bettina. Schließlich bringt die Nutella und Girly immer das Feinste vom Feinen aus einer Hunde-Hof-Bäckerei mit. Echt adelig. Ja. Coco. Sie ist bei unseren Gesprächen dabei. Ich bin ja sicher, dass Coco längst eine Liebschaft mit meinem verstorbenen Othello—ein distinguierter alter Herr—jenseits des Regenbogens hat.
Sicher lächeln die beiden auf uns herunter und sagen: Liebe stirbt nicht!

Die Bilder sind noch bis Ende April 2017 während der Sprechstunden in der Tierarztpraxis Lamprechtshausen zu sehen.




FRAUmitHUND
BILDER & GESCHICHTEN

In 2014 habe ich damit begonnen, Frauen und ihren Hund, ihre Hunde, zu fotografieren. Irgendwie ist das eine besondere Beziehung, die ich versuchte, zu dokumentieren. Ich hatte eine Reihe wunderbarer Begegnungen. Oft berührende Geschichten durfte ich festhalten. 2016 habe ich das Projekt beendet. Mein Dank gilt den Modellen.

Von Rochus Gratzfeld, Salzburg und Sarród

Als Soziologe beschäftigen mich immer wieder Themen rund um das Sozialverhalten von Menschen. Darüber schreibe ich, darüber erstelle ich Fotoreportagen. Als eingefleischter „HundeMann“ hat mich die Rolle interessiert, die Hunden über die vergangenen Jahre im Zusammenleben mit Menschen zukam und gegenwärtig zukommt.

Ich unterscheide dabei folgende Phasen, die sich teilweise bis heute überschneiden:
Phase I: Hund als reines Nutztier (Schutz, Jagd, Hüten)
Noch heute ist dies in den meisten Ländern Osteuropas, in Ländern mit überwiegend ruralen Strukturen (z.B. Mongolei, Türkei) die zentrale Funktion, welche Hunde zu erfüllen haben.

Phase II: Hund als Statussymbol des Mannes
Galt insbesondere in der Zeit 1950-1980 und gewann auch bei jungen Männern mit der Verbreitung sogenannter Kampfhunde in unserem Jahrtausend wieder an Bedeutung.

Phase III: Hund als Familienmitglied
Ab den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Phase IV: Hund als Partner von Frauen, teilweise auch als „modisches Accessoire“
Kam auf um die Jahrtausendwende.

Jeder der oben angeführten Phasen können bestimmte Hunderassen zugeordnet werden.

Das Projekt FRAUmitHUND basiert auf der Phase IV. Ich habe versucht, mit Bildern und Worten dieses Phänomen zu beschreiben und zu visualisieren. Hunde als Partner, Freunde, Seelentröster, Begleiter, Sportkameraden.

Ganz besonders freut mich, dass die Bilder bis April dieses Jahres in der Tierarztpraxis Lamprechtshausen von Dr. Karl Traintinger und Magistra Heidi Hirscher dem Publikum zu den Praxiszeiten zugänglich sind. Die Geschichten liegen zur Lektüre ebenfalls dort aus.

Die Vernissage fand am 10. Februar statt. Sie wurde eröffnet vom LAbg. Hofrat Landesveterinärdirektor Dr. Josef Schöchl in Anwesenheit von Bürgermeister Ing. Johann Grießner unter grosser Beteiligung von Besucherinnen und Besuchern. Dr. Karl Traintinger stellte mich und das Projekt vor. Im Übrigen fand das Ereignis große Resonanz in der gedruckten Presse.
Gitarre und Saxophon sorgten für klangvolle Unterhaltung.

ngg_shortcode_0_placeholderZu den Geschichten hier ein Beispiel, welches wohl niemanden „kalt lassen“ kann:

DURCH DICK UND DÜNN
 „Eigentlich sollte es ein schöner Neustart werden. Nachdem ich die Starre, die der Tod meines Vaters über mich gebracht hatte, jeden Tag schmerzhafter zu spüren begann und endlich die Kraft aufwenden konnte, etwas dagegen zu unternehmen, beschloss ich in Bildungskarenz zu gehen.

Gerade als die notwendigen bürokratischen Wege erledigt waren, bekam ich das Ergebnis einer Biopsie, die ich im guten Gewissen, dass es sich lediglich um eine Absicherung einer harmlosen Kalkablagerung in meiner rechten Brust handelte, durchführen hatte lassen.

Während der Arzt mit mir am Telefon spricht und mir die nächsten Schritte erklärt, breche ich unter der Nachricht zusammen. Ich kann nur noch meine Mutter und meinen Freund anrufen und die Diagnose ins Handy schreien, hysterisch schreien, wieder ganz weit weg aus meinem Körper.

Die nächsten Tage und Wochen bin ich sehr aufgekratzt, ich geh alles ganz professionell an, schreib mir Fragen zusammen, entgleite immer mehr meinen Gefühlen und schaffe es, zu existieren, ohne zu sein. Abläufe werden Routine, ich geh zur Chemo und denk nur daran, dass das alles vorübergehen muss und ertrage.

Ich bin nicht mehr mit mir verbunden, ich erlebe alles als Beobachter, der nichts lieber würde, als davon zu laufen, um das alles nicht mehr mitansehen zu müssen. Es sind keine schönen Geschichten, die das Leben in den Chemo-Zentren schreibt. Mir wird das Brustgewebe fast vollständig entfernt und der Verlust mit Silikon wieder gut gemacht, ein Gefühl von Plastik in mir, ich denk nicht weiter darüber nach.

Im Gebäude, in dem ich im Krankenbett liege, ist auch die Geburtenstation untergebracht. In den Nächten, in denen mir das Schlafen zu schwer fällt und ich vermeintlich ziellos durch die Gänge spaziere, lande ich immer wieder vor dem Kreissaal, und freu mich, wenn eine Frau mit ihrem Neugeborenen an mir vorbeigeschoben wird. Ich stehe und lausche, um die ersten Schreie der neuen Menschen zu hören, die es gerade auf unsere Welt schaffen. Ich versuche nicht darüber nachzudenken, ob ich jemals die Liebe einer Mutter für ihr Kind empfinden werde können. Hauptsache leben, denk ich, alles andere kann man schon ertragen, denk ich. Fünf Jahre lang noch eine Antihormontherapie, die mich vorübergehend in den Wechsel bringt. Selbst ein Kind zu bekommen wird immer unwahrscheinlicher, aber um mich herum, bei meinem Freund, meinen Freunden, meiner Mutter und meiner Familie herrscht der liebevolle Konsens, dass ich mit Sicherheit, wenn alle Behandlungen abgeschlossen sind, selber Mama werde. Ich will nur einfach nicht sterben, denk ich und lächle zuversichtlich in die Runde, natürlich, es wird alles gut werden.

Man wird verrückt, wenn man so viel nachdenkt, daher ins Tun kommen. Ich wollte immer schon einen Hund und hab immer auf den richtigen Moment gewartet, wenn das Haus mit Garten in mein Leben getreten ist, wenn, wenn, wenn. Der einzige richtige Moment, der für mich noch existiert ist JETZT.

Ich will einen Welpen, ich will ein Baby. Meine Familie meint, dass der Hund mein Ersatzkind wird, ich bin mir nicht sicher, ich glaub, ich will einen Welpen, weil ich Welpen süß find, ganz profan, ohne tieferen Grund dahinter, falls es sowas überhaupt gibt.
„Das ist Lotte. Wär die was für Euch?“

Braune, zerzauste Haare stehen wild von ihrem Kopf weg, die Ohren wuscheln um ihr kleines Gesicht, sie sieht direkt in die Kamera, sie schaut mich an. Eine halbe Stunde später an diesem Samstag sitzen wir im Auto und fahren zwei Stunden, um Lotte kennen zu lernen.  Das Gartentor geht auf, ein Welpe stürzt heraus, auf uns zu und zerrt an unseren Beinen, ein anderer bleibt im Hintergrund, trottet langsam heraus und schnüffelt ein wenig an uns herum.

Heute sitze ich, knapp ein Jahr nach dem schlimmsten Moment in meinem Leben, in der Sonne vor dem Haus im Garten. Mein Hund vergräbt sich im Schnee, kommt zu mir gerannt und legt die Schnauze auf meine Knie. Sie ist mein Glückshund. Ich weiß, ich werde gesund bleiben. Ich weiß, ich werde viele meiner Träume und Leidenschaften noch ausleben. Ich schau Momo an, und weiß, dass Leben ist einfach schön.

Rochus Gratzfeld
in der Dorfzeitung >
Gedanken aus Bleistift >




Alle Jahre wieder

Völlig überraschend ist auch dieses Jahr Weihnachten über uns hereingebrochen. Es herrscht Chaos. Die Straßen sind verstopft, nicht einmal mehr Rettungskräfte kommen voran. Unser Dorfpolizist steht inmitten des Aufruhrs und rauft sich die Haare.

Von Wolfgang Ecker

Touristenbusse zwischen den Einkaufswütigen, sie versuchen zur Stille Nacht Kapelle vorzudringen, allerdings ein hoffnungsloses Unterfangen heute, es gibt keine Parkplätze mehr. Also werden die Busse im Ortszentrum abgestellt und der Reiseführer versucht seine Schützlinge entlang der Salzach zur Stille Nacht Kapelle zu bringen. Durch die Stadt geht nichts mehr, alles verstopft. Schrill ertönen seine Pfiffe, um seine Schützlinge zusammenzuhalten, wild schwenkt er sein Fähnchen, damit ihn alle sehen in dem Wirbel.

Beim Supermarkt ist der Parkplatz brechend voll, mit Mühe ergattere ich doch noch einen. Dort, wo normalerweise die Einkaufswägen stehen, herrscht gähnende Leere, es ist keiner mehr verfügbar. Also gehe ich ohne einen Wagen hinein, egal, ich hätte sowieso keinen gebraucht, die Regale sind halb leer. Hunger droht. Den Filialleiter höre ich seine Angestellten fragen:“ Haben wir noch Reserven?“ Müdes Kopfschütteln ist die Antwort, nein, keine Reserven mehr, auch noch die letzte Verkäuferin wurde in die Schlacht geworfen, es sieht nicht gut aus. Mit fahrigen Fingern und wirrem Blick angesichts der Hoffnungslosigkeit kramt der Filialleiter die Notrufnummer der Konzernzentrale heraus, aber von dort kommt längst keine Hilfe mehr, entmutigt lässt er die Arme sinken, setzt sich auf einen Stapel Getränke, nicht einmal mehr fliehen will er.

Bei der Bank stehen die Kunden bis zum Eingang. Ha, so gescheit bin ich auch, auch ich will mich noch mit ein paar Scheinen wappnen, niemand weiß, wie das noch weitergeht, da ist es immer gut noch Reserven zu haben. Zwei freundliche junge Männer vom Roten Kreuz eilen herbei mit einer Jacke in den Händen. Was die wohl wollen? Dann höre ich es: spitze Schreie und wirres Lachen dringt vom Innenraum an meine Ohren. Oh weh, der nächste Nervenzusammenbruch. „Arme Sau“, denk ich mir, wie die zwei jungen Männer die Schalterbeamtin abholen.

Allerdings kann ich auf Nervenzusammenbrüche keine Rücksicht nehmen. Unter Einsatz meiner Ellenbogen verschaffe ich mir Zutritt. Gut, wenn man durchtrainiert ist, hier zeigt sich meine langjährige Erfahrung in Einkaufstempeln: „Geld her!“, schreie ich den Schalterbeamten an, packe ihn an der Krawatte, ziehe sein Gesicht zu meinem heran: „Hör zu, du Kretin, her mit meinem Geld, bei mir ist es ein Notfall!“ Gemütlich schlendere ich noch zu einem weiteren Geschäft, um Zigaretten zu kaufen. Dort ist es ruhiger. Ich plaudere mit der Verkäuferin, die kennt mich, weiß, welch ruhiger und ausgeglichener Mensch ich bin und dass mich nichts so leicht aus der Ruhe bringen kann.

Schon gar nicht so was Lächerliches wie der letzte Tag vor Weihnachten.

Weitere Artikel in der Dorfzeitung zum Thema:
Honzi: Christbaum, wiederverwendbar
Spaziergänger: Der Weihnachtsmann hat das Christkind abgelöst
Big T. presents: Stille Nacht, heilige Nacht. Ein Autobusevent.




Sonja Schiff: Wie möchtest Du einmal sterben?

Wie möchtest Du einmal sterben? Diese Frage wurde mir erst kürzlich auf einer Tagung, im Rahmen einer Podiumsdiskussion, gestellt. Ich hatte nicht viel Zeit nachzudenken und meinte dann spontan: Alleine. Ich möchte alleine sterben. Die Reaktion war ein Raunen im Raum.

sonjaschiffVon Sonja Schiff

Wie möchtest Du einmal sterben? Was für eine Frage! Sterben möchte doch niemand. Wir wollen alle ewig leben! Oder doch nicht?

Als Altenpflegerin habe ich viele hochbetagte Menschen erlebt, die wollten sterben. Sie warteten darauf gehen zu dürfen und zwar nicht nur, weil sie alt und krank waren, manche davon waren auch nur etwas wackelig auf den Beinen. Trotzdem meinten sie, es wäre jetzt an der Zeit zu gehen. Eine alte Dame erklärte mir einmal, sie würde des Lebens langsam überdrüssig, weil sich ohnehin alles nur noch wiederholen würde. Es wäre alles gesagt und getan. Sie wäre jetzt bereit für die große Reise. Sie möchte jetzt endlich „geholt“ werden.

Wenn wir also doch irgendwann selbst sterben wollen, dann ist die Frage, wie wir einmal unser Sterben erleben wollen, gar nicht so seltsam oder überflüssig.

Ich möchte einmal alleine sterben. Ohne Begleitung. Ohne Händchenhalten. Ohne Worten wie „Du darfst jetzt loslassen“  oder einer anderen Art von  Betüdelung. Alleine. Einfach alleine. Ganz alleine, mit mir und meinem Sterben.

Wann immer ich diesen Wunsch irgendwo kundtue, ernte ich Unverständnis oder Kopfschütteln. Als wäre dieser Gedanken ungehörig. Auch meine MitdiskutantInnen bei der Tagung schauten mich irgendwie fassungslos an. Alleine? Ihre Antworten auf die Frage entsprachen da schon mehr den gesellschaftlichen Erwartungen. Sie antworteten: Umringt von der Familie. Im Kreise der Familie.
Wer bitte will schon alleine sterben? Und überhaupt, das kann man doch seiner Familie nicht antun? Selbst beim Sterben gilt es Erwartungen zu erfüllen. So viel Egoismus beim Sterben darf nicht sein. Oder doch?

Niemand von uns kann sich sein Ende wirklich aussuchen. Morgen kann mir ein Dachziegel auf den Kopf fallen und mich von einer Sekunde auf die andere aus dem Leben schmettern. In einem Monat kann mich auf der Autobahn ein Alkolenker abschießen und ich sterbe eingeklemmt in einem Autowrack. Wann, wo und wie unser Weg zu Ende gehen wird, das bleibt für uns bis zur letzten Sekunde offen, das bleibt ein letztes großes Überraschungspaket. Trotzdem mache ich mir Gedanken zu meinem Sterben. Ich will einfach gewappnet sein.

Als Krankenschwester habe ich erlebt, dass wir Menschen, so wir nicht akut und plötzlich aus dem Leben gerissen werden, unser Sterben sehr wohl bewusst gestalten können. Eine Freundin von mir lag in einem Hospizzentrum. Tagelang wechselte sich die Familie an ihrem Sterbebett ab, man wollte sie auf keinen Fall beim Sterben alleine lassen. Doch sie entschied sich dafür, ihren letzten Atemzug genau dann zu machen, als sie alleine war. Die Person, die sie gerade begleitete musste kurz auf die Toilette. In diesem Moment, in diesen fünf Minuten schloss meine Freundin für immer ihre Augen. Eine alte Dame, die ich vor vielen Jahren betreute erzählte mir oft, dass sie dem Tod einmal aufrecht, sowie lachend und singend entgegentreten möchte. Sie lebte in einem Seniorenheim. An ihrem Todestag wehrte sie sich strikt dagegen abends ins Bett gebracht zu werden. Stattdessen orderte sie einen Tee mit viel Rum, nach einer Stunde den nächsten und dann noch einen. Während des Teetrinkens saß sie aufrecht in ihrem Stuhl und summte leise vor sich hin. Je mehr Tee mit Rum sie intus hatte, desto mehr wurde das Summen zu einem Singen, desto mehr erhob sie ihre Stimme und schwoll ihr Gesang an. Bis er plötzlich abbrach.  Die alte Dame hatte geschafft, was sie sich vorgenommen hatte. Sie war singend und aufrecht sitzend gestorben.

Wenn ich es schaffen sollte diese Welt nicht plötzlich und akut zu verlassen, dann möchte ich mein Sterben bewusst erleben und möglichst so gestalten, wie es für mich passt. Ich möchte mich verabschieden von den Menschen, die mir wichtig sind. Ich möchte meine offenen Dinge erledigen, etwa noch Danke zu sagen, wem ich noch nicht gedankt habe, mich entschuldigen, dort wo es noch etwas zu entschuldigen gibt und den Menschen noch einmal sagen, wie wertvoll sie mir waren. Aber dann, wenn der letzte Augenblick gekommen ist, wenn ich mich entschieden habe zu gehen, möchte ich mit mir alleine sein.

Ich will nicht umringt sein von Menschen, möchte nicht, dass in diesem intimen Moment jemand bei mir ist, mir zusieht oder gar auf mich einredet. Ich will alleine sein, will da alleine durch, will meine Reise alleine antreten. Und ich will mich nicht davonschleichen müssen, wenn meine Lieben grad auf die Toilette hetzen. Ich will Zeit haben zu gehen. Zeit mit mir alleine.

Dann, wenn alles Leben aus mir gewichen ist, dann können meine Lieben wieder den Raum betreten. Dann können sie mir einen Dienst erweise: Bitte öffnet dann das Fenster für mich. Ganz weit. Denn meine Seele will ihre Flügel öffnen und hinausfliegen.

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Dieser Artikel wurde erstmals auf VielFalten.com veröffentlicht und uns dankenswerter Weise von Sonja Schiff zur Verfügung gestellt. Fotos: Sonja Schiff




Reinhard Lackinger: Überfremdung hüben und drüben

Kann einer, der nicht in Österreich, nicht in Europa lebt, über Überfremdung reden? Nein, das kann er nicht! Das jedenfalls dürfte die allgemeine Reaktion sein, um das Einmischen und Mitreden eines Außenstehenden zu quittieren und sofort vom Tisch zu fegen.

Reingard Lackinger

Von Reinhard Lackinger, Beislwirt in Brasilien

Wie, so frage ich mich, sähen die Meinungen eines beinahe siebzigjährigen Auslandsösterreichers aus, der seit 47 Jahren in Brasilien lebt, wollte auch er zum Thema Überfremdung den Dijonsenf seiner Giftküche dazugeben? Ich spreche von mir, aus meiner Erfahrung!

Ich würde wahrscheinlich weit ausholen und von den Volksdeutschen erzählen. Von den vielen schwarz gekleideten Figuren mit Kopftuch, ernstem Gesicht und den Kindern und Enkelkindern, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich würde meine Rede auch mit servokroatischen Flüchen würzen, die ich in jenem Getto, dem Lager II in Kapfenberg, Steiermark gelernt hatte.
Dieses allerletzte Barackenlager verschwand allmählich und die in den 40 er Jahren aus Esseg, Neusatz oder gar aus Pomarla, Bukowina stammenden Heimatvertriebenen bekamen Anfang der 60 er Jahre neue, erst damals gebaute Wohnungen zugewiesen.

Nicht alle Einheimischen und seit mindestens fünf Jahren oder gar seit einer Generation im Ort Lebenden und Wohnhaften sahen diese Großzügigkeit der Stadtgemeinde mit Wohlwollen und guten Augen. Besonders diejenigen, die weiterhin in Zinskasernen hausten, die noch vor dem ersten Weltkrieg erbaut worden waren. Zimmerküchenwohnungen mit gemeinschaftlichem Klo auf dem Gang und einem dürftigen Badezimmer – wenn überhaupt – fürs ganze Haus und alle darin wohnenden Parteien.

Ich würde vielleicht auch von der Familie und Landwirtschaft eines Freundes erzählen, die in jenen Jahren allgemeiner Not eine Flüchtlingsfamilie aus Rumänien oder Bulgarien aufnahm und bei ihr unterbrachte. Vom „Flüchtlingsfamilenvater“, der in seiner Heimat selber Bauer war und versuchte, dem inländischen Hausherren mit moderneren und energiesparenden Prozeduren zur Seite zu stehen. Der Vater meines Freundes ließ sich aber vom neuen „Knecht“ nichts sagen und verwarf stehenden Fußes jede Innovation.

Überfremdung herrschte damals auch auf zugefrorenen Weihern und Teichen, wo die Heimatvertriebenen das Eisstockschießen nach fremden, exotischen und für die Ortsansässigen völlig unverständlichen Regeln praktizierten. Ein Unterfangen, dem die „Einheimischen“ mit Misstrauen und Hohn begegneten.

Das alles ist nun schon lange her, gar nicht mehr wahr und auch nicht der Rede wert! Nicht nur das Telefonbuch Wiens ist voll mit immer weniger fremdartig klingenden Namen aus allen ehemaligen Kronländern, sondern auch die eineinhalb Seiten der Liste Kapfenbergs. Heute scheint es, es hätte früher keine Überfremdung gegeben. Vielleicht deshalb, weil gar kein Platz dafür existierte. Überfremdung und soziale Unordnung installieren sich normalerweise nur in gesellschaftlichen Leer – und Zwischenräumen. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren, hieß es damals. Dabei wäre ich mit meinem Diskurs bereits in Südamerika, in Brasilien. Zwischen Inseln mehr oder weniger prekärer Urbanisierung wuchern seit über hundert Jahren die Favalas der Armen und Miserablen.

Überfremdung fühlen heutzutage und seit der relativ zaghaften Machtübernahme der Arbeiterpartei von Luiz Inácio Lula da Silva die ewig privilegierten Einwohner Brasiliens der Oberschichte- und Mittelklasse. 500 Jahre lang orientiert sich diese schmarotzerische Brut am gähnenden Abgrund zwischen Arm und Reich. Mit der konstanten Aufwertung des dürftigen Mindestlohnes, den „Affirmative Actions“, der Afrobrasilianern und Indigenen den Zutritt zu Universitäten und in den öffentlichen Dienst erleichtert, verließen in den letzten 13 Jahren benahe 30 Millionen Brasilianer bitterste Armut und wurden zu mehr oder weniger vernünftigen Endverbrauchern.

Überfremdung spüren seither die artigen Bürger im Supermarkt oder im Lehrsaal der Universitäten, wenn sie jene bürgerlichen Installationen mit neuen Studenten und nicht selten ungut auffallenden Konsumenten teilen müssen. Oder am Flughafen, wenn sie nun in der Abflughalle zusammen und auf engstem Raume mit Passagieren aus der ehemaligen Klasse C und D auf das Einsteigen warten müssen.
Oder am Strand von Copacabana, Ipanema, Leblon, Porto da Barra oder Búzios. Wenn Horden Dunkelhäutiger aus der Peripherie oder der Favela den Platz im heißen Sand und im Meer okkupieren, den eigentlich nur diejenigen benützen dürften, die in jenem Nobelviertel wohnen und nur die Strandstraße zu überqueren brauchen, um ihr Paradies zu genießen, wofür sie teure Grundsteuer bezahlen.

Überfremdung erfahren die Bürger Brasiliens, wenn Straßen und Plätze voll mit rote Fahnen tragenden Menschen sind, die gegen den Putsch, den Staatsstreich protestieren, den korrupte Politiker, die parteiische Justiz, und die lügenhafte Presse, mit Unterstützung internationaler Verbrecher im Schnellverfahren durchboxen wollen!

Ja Gnade euch Gott ihr eingebildet mächtigen Nichtsnutze,
der einfache Brasilianer stund auf im Lande
und fünfhundertjährige Sklaverei
macht Privilegien und Dünkel zu Schande.

Salvador, 14. August 2016




Reinhard Lackinger: Olympia Made in Brazil

„Wir Italiener haben Talent, um Wein zu machen! Das Brauen des Bieres liegt uns nicht“, sagte einst der Wirt Attilio Pagani aus Casteluovo di Sarzana, Liguria zu mir, als ich nach einer langen Autoreise bei ihm den Durst mit einem schottischen Tennents löschte. Ein Gebräu, das ich vor Tagen bereits in Gibraltar getrunken hatte.

Lackinger125se_bVon Reinhard Lackinger
Salvador, 6. August 2016

Daran denke ich jetzt, da ich aus österreichischen Zeitungen  und E-Mails von Freunden vom Erfolg der Eröffnungsfeier der ersten Olympischen Spiele auf südamerikanischem Boden lese. Yes, wir Brasilianer haben Talent für ein Defilee von Sambaschulen, für Megashows und allerlei Karnavalklamauk! Bodenständiges wie Infrastruktur, Industrie und familiäre Agrikultur liegt uns nicht.

Im Export von Commodities, von rohem Eisenerz, Rindfleisch, Sojabohnen, Mais und Früchten gewinnen wir alle Goldmedaillen. Mit unscheinbarem Kleinkram wie Ethik, Disziplin und Kollektivität patzen wir uns nicht oder nur ungern an! Vielleicht hatten wir im Laufe der Jahrzehnte auch deshalb mehr Erfolg mit Breitensportdisziplinen wie Segeln, Reiten und Tennis, als in Leichtathletik oder Gewichtheben.

Olympia, Fest der Inklusion, der Vereinigung von Athleten aus allen Herren und Frauen Ländern!

Wenn ich jetzt vom Wehmutstropfen in den E-Mails meiner Freunde und dem „Ja, aber … “ ausländischer Reporter lese, schaue ich durch die bunten Rauchschwaden pyrotechnischer Euphorie und erspähe auch  die Fäden der mächtigen Drahtzieher, stets bestrebt, das dumme Volk einzulullen. Überall, nicht nur hier in Brasilien und in sogenannten Schwellenländern. Auch in Europa und in den USA.

Der Unterschied: Wir Brasilianer übertreiben gerne, scheren uns nicht um eventuelle Exzesse, machen aus allem eine mittelmäßig gelungene Karikatur. Deshalb ist für uns hier in Südamerika die Hölle in Brasilien sichtbarer als anderswo!

Ja, wir haben mehr Talent für Karneval als für Aktionen, die zur Inklusion der Armen, der Landlosen – und Obdachlosen, der Favelados führen könnten. Wir schauen sehnsuchtsvoll nach Nordamerika, nach Europa, migrieren erwartungsvoll in die USA, um Klomuscheln zu polieren und Teller zu waschen. Ein paar Dollarscheine lassen uns getrost aufatmen und sicher sein, es weiter gebracht zu haben als die Daheimgebliebenen. Wir ziehen es vor, das winzige, einzelne Schamhaar eines Löwen zu sein, als der Kopf einer Biene!

Vereint und solidarisch – mit dem Herrenhaus, dem Adel, dem Hofe des Königs – fühlen wir uns nur, wenn es gilt, die Gegner, Kritiker, Oppositionisten der Mächtigen zu bekämpfen, verlachen und abzukanzeln.

Dabei wären wir wieder beim olympischen Geist! Vier Jahre ist es jetzt her, dass Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft von London lebt, in die er 2012 vor den USA und vor Schweden geflüchtet ist. Ich wollte, es gebe eine olympische Disziplin, die das Umhängen des Glöckchens um den Nacken der Katze repräsentiert.

Ich träume vom Tag, an dem es Goldmedaillen gibt für die neuen Freiheitskämpfer wie Assange und Snowden! Bei den nächsten Olympischen Spielen vielleicht.

FORA TEMER!

Bücher von Reinhard Lackinger
Brasilien für Fortgeschrittene: Anatomie der Brasilianischen Seele >
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Karl Traintinger: Das Hitlerhaus in Braunau

Samstagmittag in der Salzburger Vorstadt in Braunau. Mehrere Arbeiter sitzen vor einem Fastfoodlokal, essen einen Dönerkebap und trinken eine Cola dazu. Einige Häuser weiter genießen einige Gäste ihren Prosecco und Kinder stehen beim ital. Eisgeschäft und freuen sich auf eine Kugel Eis. Diskutiert wird über Fußball und das Wetter.

Karl TraintingerVon Karl Traintinger

Einge leere Stadthäuser fallen im Straßenbild ins Auge, das  Hitlerhaus ist eines davon. Es ist etwas heruntergekommen, verwaschen gelb und offensichtlich leerstehend. Vor dem Haus steht ein Gedenkstein, der nicht wirklich informativ ist. Das „Adolf-Hitler-Geburtshaus“, er verbrachte hier seine ersten Lebensjahre, also die Zeit, in der er noch Windeln benötigte, sorgt immer wieder für heftige Diskussionen, die eigentlich niemand haben möchte. Hört man den Namen Braunau, wird damit für viele Menschen der Name Hitler verbunden, obwohl es nur seine Geburtsstadt ist und er damit weiter nichts zu tun hatte. Niemand macht der schönen Stadt am Inn den Ruf als Hitlerstadt streitig, wie man es sonst so häufig bei bekannten Persönlichkeiten beobachten kann. Es ist kaum zu glauben, wie viele „Stille Nacht“ Gemeinden es gibt!

Hitlerhaus, Braunau

Braunaun ist eine beschauliche Kleinstadt mit knapp 17.000 Einwohnern im oberösterreichischen Innviertel, liegt am Inn und ist die Nachbarstadt vom bayrischen Simbach. Es verfügt über ein Krankenhaus, eine aufstrebende Wirtschaft und ein buntes kulturelles Leben. Man hat, wenn man durch die Straßen geht nicht den Eindruck, dass das Gedenken an die NS-Zeit allgegenwärtig ist. Braunau ist eine nette Kleinstadt wie viele andere auch.

Hitlerhaus, Braunau

Der Innsbrucker Politikwissenschaftler Dr. Andreas Maislinger möchte das Hitlerhaus in ein „Haus der Verantwortung“ umwandeln. Das ist eine interessante Idee und müsste beispielsweise wohl ähnlich dem Kehlsteinhaus am Obersalzberg organisiert werden, damit es zu keiner Pilgerstätte für irgendwelche rostigen Gesinnungsträger von gestern oder heute wird. Der Unterschied ist aber auch der, dass am Obersalzberg NS Politik gemacht wurde und in Braunau war Adolf Hitler ein neugeborenes Kleinkind. Daher stellt sich schon die Frage der Verhältnismäßigkeit bei der historischen Bedeutung der Innstadt.

Hitlerhaus, Braunau

Ich glaube auch, dass das Hitlerhaus kein Problem der Stadt Braunau ist und wenn die Huthändlerin nebenan meint, Wohnungen wären nicht schlecht, kann ich das auch verstehen. Sollte es ein „Haus der Verantwortung“ oder etwas änliches werden, muß das in der Verantwortung der Republik Österreich geschehen. Einer möglichen Enteignung der jetzigen Besitzerin durch die Republik stehe ich äußerst kritisch gegenüber, ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich mit „öffentlichem Interesse“ zu rechtfertigen ist. Eigentumsrechte sollten auch von der Republik Österreich akzeptiert werden. Eine informative Gedenktafel könnte meines Erachtens nach ein erster Schritt in der Aufarbeitung der Geschichte sein.

In den etwa 2 Stunden, die ich in der Salzburger Vorstadt verbrachte, hat sich, soweit ich es gesehen habe, nur eine Gruppe von 3 vornehm gekleideten Indern für das Hitlerhaus interessiert und Erinnerungsfotos gemacht. Ob das die typische Frequenz für Interessenten ist, weiß ich nicht.

Infos zum Hitlerhaus in der Dorfzeitung:
Andreas Maislinger: Was würden Sie mit dem Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau am Inn machen?
Norbert Mappes-Niediek: Entnervt – Debatte um Hitlers Geburtshaus will nicht enden
Cathrin Kalweit: Sein Haus
Andreas Maislinger: Franz Jägerstätter und die Juden (in der Bibel und während des Nationalsozialismus)
Andreas Maislinger: Arbeitserziehungslager und Zigeuneranhaltelager Weyer (Innviertel)
Theater Holzhausen: Heinz R. Unger – Zwölfeläuten
Theater Holzhausen: Jägerstätter – kritisches Theater in Holzhausen
Buchtipp: Ludwig Laher – Herzfleischentartung
Fotos: Karl Traintinger dorfbild.com




Reinhard Lackinger: Gedanken zur Fußball EM

Ein Freund aus Kapfenberg schickte mir einen Text mit Gedanken zur Fußball EM, den er nach dem Spiel Österreich gegen Ungarn geschrieben hat. Dabei leerte er, wie er angab, eine Flasche steirischen Morillon. Ich habe gar nicht gewusst, dass in der Steiermark Morillon oder Chardonnay angebaut wird. Ich trinke „daheim“ und unterwegs auf Weinstraßen immer nur Welschriesling.

Reinhard LackingerVon Reinhard Lackinger

Warum sollen ausländische Reben nicht auch in unserem Inland gepflanzt und kultiviert werden? Wenn sie gut gedeihen und die Weinkenner animieren, über „Terroir“ usw. zu reden! In Uruguay, nahe der brasilianischen Grenze wachsen Tanattrauben, geben vorzügliche Tropfen, während auf der hiesigen und brasilianischen Seite bis vor kurzem nur Ochsen grasten. Seit ein paar Jahren machen dort Rinderfarmen Weingärten Platz. Heute produziert jene Region im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul besten Tanat.

Mein Freund, der mit seinen 76 Jahren noch gerne auf die Brettl steigt, fand jenes Match fade. Alle Menschen, die keine Fußballliebhaber und begeisterten Daumendrücker sind, dürften sich bei einer Übertragung jenes Britensports langweilen. Ich verlor das Interesse an der Fußballeuropameisterschaft aus einem anderen Grund. Ich sehe keinen Unterschied mehr zwischen EM, WM und Champions Leage, voll mit Legionären aus aller Welt! Bei fast allen Favoriten auf den EM-Titel laufen mehr Legionäre auf den Rasen, als im Lande geborene Kicker.

Drum drücke ich seit dem Match der Portugiesen, ausser den Österreichern auch den Isländern die Daumen. Bei den Isländern und vielleicht bei den Rumänen, den Iren, den Kroaten und anderen weniger reichen Ländern ist kein Legionär dabei. Da kicken nur „autochthone“ Sportler mit! Ja ja, es soll erlaubt sein, Fußballer mit doppelter Staatsbürgerschaft mitspielen zu lassen … so lange diese noch nicht für ihre heimatliche und ursprüngliche Nationalmannschaft agiert haben. Siehe Gebrüder Boateng.

Aber langweilig ist es! So langweilig wie beim Tischtennis, wenn österreichische Chinesen gegen tschechische Chinesen antreten.

Um etwas Gerechtigkeit ins Spiel zu bringen, könnte ich mir folgendes Handicap vorstellen. Etwas wie wir einst beim Kicken im Hallenbad oder auf der Sieberwiese eingeführt und praktiziert haben: 3 (drei ) Corner ein Elfer. DREI LEGIONÄRE, EIN PUNKT WENIGER!

Das wiederum bringt mich auf die Idee, Brasilien müsse für jeden bei der EM mitspielenden Brasilianer eine besondere Wertung kriegen, die beim Erarbeiten des FIFA-Rankings berücksichtigt wird. EIN DUTZEND BRASILIANER IN DEN KADERN AUSLÄNDISCHER NATIONALTEAMS, EINE STELLE HÖHER BEI DER RANGORDNUNG DER FIFA.

Weniger kindisch kommen mir Gedanken außerhalb der vier Linien und der Fußballtempel voll mit Schlachtenbummlern vor. Wie vertragen sich die kollektiven und mehr oder weniger fairen Ertüchtigungen auf dem Spielfeld mit dem AUSLÄNDER RAUS auf den Straßen und vor Asylantenunterkünften?

Da lob ich mir den Morillon aus der Steiermark, den Tempranillo aus Argentinien und den Tanat aus Brasilien. Dabei gibt es keinen Streit!




Kunstprojekte im Seniorenheim St. Nikolaus Oberndorf

Brigitte Edelmann

Brigitte Edelmann. Foto: KTraintinger

Karl TraintingerSeit einigen Jahren kann man immer wieder über diverse kulturelle Aktivitäten im Seniorenwohnheim St. Nikolaus in Oberndorf lesen, Grund genung einmal genauer nachzuschauen, was da mitten im Dorf so alles passiert.

Ideenlieferantin und treibende Kraft für die verschiedenen Kulturprojekte ist die Pflegehelferin Brigitte Edelmann, die privat als Sängerin in einigen Musikgruppen auftritt und im Seniorenheim Singgruppen organisiert und auch die Animation der Heimbewohner im Tageszentrum mitbetreut.

Die Idee, die dahintersteckt, ist schnell erklärt: Aktive Heimbewohner öffnen das Seniorenheim nach außen durch die Präsentation von Kunstprojekten, die zusammen mit den Heimbewohnern entwickelt und erarbeitet wurden.

2011 Schattenbilder
Es wurden die Umrisse der Schlagschatten von Bewohnern, Angestellten, Ärzten und örtlichen Persönlichkeiten nachgezeichnet und anschließend mit bunten Farben ausgemalt. So entstanden 73 Bilder, die im ganzen Haus präsentiert wurden und zu vielen, regen Diskussionen Anlass gaben.

Pressetext: Die Umrisse einzelner Personen auf Papier festzuhalten und ihnen Farbe zu schenken, das klingt nach einer netten, einfach umzusetzenden Idee. Was als ein so scheinbar unscheinbares Kunstprojekt begann, entwickelte sich zu einer Aktion, die während des Schaffens, der Präsentation und im Nachhinein allen Beteiligten neue Erfahrungen kuss_6bescherte, Augen öffnete, zum Nachdenken brachte, Reaktionen auslöste. Als Motive dienten Heimbewohner, Angehörige und Angestellte des Öffentlichen Dienstes. Das Schaffen dieser „Abbilder der Abbilder“ sollte eigentlich in erster Linie die Heimbewohner unterhalten, beschäftigen und Farbe in ihren Alltag bringen, doch schnell wurde klar, dass mehr dahinter steckte, dass diese Bilder aufforderten, sich mit seinem Schatten zu beschäftigen. Scheinbar aus der Gesellschaft verschwundene Menschen tauchen wieder ins Blickfeld, soziale Unterschiede werden durch die bloße Spiegelung der Umrisse ausgelöscht, aus den anonymen Papierabbildern werden bei einer gründlichen Betrachtung und intensivem Rätselraten plötzlich bekannte Gesichter, aus Anonymität wird Persönlichkeit, aus Schatten Farbe. Sich mit seinem Schatten auseinanderzusetzen bietet viel Spielraum für eigene Interpretationen und Gedanken. Wenn man über seinen Schatten springt.

2012 Der Kuss
Anläßlich des Klimtjahres wurde ein 4 x 1,5m großes Bild angefertigt. Die Umrisse waren vorgegeben, die Farben wurden von den Heimbewohnern unter der künstlerischen Leitung  von Michaela Fuchs und Rudolf Brudl auf das Stoffleinen aufgetragen.

2013 Klanggarten
Aus dem Erlös des „Kussbildes“ wurde eine mobile Hörstation für die Bewohner gekauft, für die es auch Klangelemente im Garten gibt.

2014 Hände
Mitglieder des Fotoklubs Oberdorf fotografierten Hände der Bewohner und präsentierten die Schwarzweißarbeiten in einer Ausstellung im Seniorenheim Oberndorf und als Wanderausstellung, unter anderem in der Tierarztpraxis Lamprechtshausen.

2015 Film
Thema: „Lebens – Zeit – Alter“. Dieses Projekt wurde wieder in Zusammenarbeit mit dem Fotoklub Oberndorf gemacht.

2016 Hochzeitsbilder
Die Bilder, beigesteuert von Bewohnern, Personal und Ärzten, wurden vergrößert und einheitlich präsentiert. Die 70 Hochzeitsbilder waren im Eingangbereich zu besichtigen.

Alle Projekte animierten sowohl Bewohner als auch Besucher, sich aktiv damit auseinanderzusetzen. Es war schön zu beobachten, welch heftige Diskussionen manches Bild auslöste. Das kulturelle Engagement aller Beteiligten brachte viel Abwechslung und Unterhaltung nach St. Nikolaus!

Fotos: Seniorenheim Oberndorf, Kulturverein(t) Oberndorf




Sonja Schiff: Mama Sonja

Ich bin kinderlos. Lange Jahre hat mir das viel Schmerz bereitet. Doch irgendwann habe ich gelernt, ohne Kinder zu sein ist nicht nur ein Mangel, sondern auch die Chance auf andere Art und Weise im Leben zu wirken. Also habe ich meinen Schwerpunkt auf meine Arbeit gelegt und mich selbständig gemacht. Seit 15 Jahren begeistere ich Menschen in Seminaren für Altenpflege und sensibilisiere sie für alte Menschen.

sonjaschiffVon Sonja Schiff

Mit über 50 beschäftigt mich trotzdem immer wieder die Frage, was von mir einmal bleiben wird. Welche Spuren werde ich hinterlassen, wenn ich einmal sterbe? Wo habe auch ich an jüngere Menschen etwas weitergegeben? Wo habe ich etwas beigetragen für die nächste Generation. Über Fragen dieser Art denke ich seit rund 4 Jahren viel nach. Ein Ergebnis dieser Auseinandersetzung, vor allem auf der kognitiven Ebene, war meine Masterthesis und mein EBook „Vom Älterwerden und generativen Verhalten kinderloser Frauen“.

Ich dachte das Thema Kinderlosigkeit gut abgeschlossen zu haben, war der Meinung, dass alle Fragen für mich geklärt sind, zumal mich ja die Tochter meines Mannes kürzlich zur „Stiefoma“ gemacht hat. Ein ganz wunderbares Erlebnis!

Doch dann traf ich Mohammed, 26 Jahre und aus Afghanistan. Wir kannten uns etwa zwei Monate als ich ihn zum Gitarrenunterricht begleitete, um sprachlich Hilfestellung zu geben. Der Gitarrenlehrer fragte mich, in welcher Beziehung wir zueinander stünden und ich bemerkte auf deutsch „Ich bin ein bisschen in einer Mutterrolle“. Einen Tag später schrieb mir Mohammed eine Facebooknachricht. Sie begann mit „Hallo Mama.“

Mein Herz machte einen Sprung. Es war eine Mischung zwischen Schmerz und Freude, die mir da in Mark und Bein fuhr. Vor Schreck schrieb ich „Sag bitte weiter Sonja zu mir. Ich bin nicht Deine Mutter, die ist in Afghanistan“. Danach saß ich heulend am PC. Ich schämte mich über das kurze Glücksgefühl, es kam mir vor als würde ich einer mir unbekannten Mutter in Afghanistan gerade ihr Kind wegnehmen.

Das Leben ist manchmal echt ein Mysterium. Da trifft dieser junge Mann, der in der Fremde gelandet ist und sich nach seiner Mutter, seinem Vater und seinen Geschwister sehnt, auf mich, eine Frau über 50, die es, trotz aller gelungenen Auseinandersetzung, immer noch vermisst keine Kinder bekommen zu haben.  Sein Leben trifft auf mein Leben. Einfach so. Unvermittelt. Dieser junge Mann stolpert in mein Leben und wächst mir mehr und mehr ans Herz.

Heute hat er mich, nach einem gemeinsamen Nachmittag, gefragt, wie er mich nennen soll. Und wieder meinte ich: „Sonja“, worauf mir mein junger Freund erklärte, das wäre aus seiner Sicht nicht respektvoll und würde doch auch unsere Beziehung nicht erklären. Also fragte ich ihn, wie er mich nennen möchte und er antwortete: „Mama. Mama Sonja.“

Also bin ich seit heute „Mama Sonja“ und dabei denke ich die ganze Zeit an die eine Aussage im Buch Der Kleine Prinz, wo der Fuchs dem kleinen Prinz erklärt „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“

Weiterführende Infos:
BLOG: Vilefalten
BLOG: Carecamp




Eine Pflegemutter von unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen erzählt

Manchmal wäre ich gerne ein Mäuschen, um die Gespräche am Stammtisch im Wirtshaus in unserer kleinen Ortschaft zu hören. Ende August 2015 haben wir 4 UmFs (Terminus Technikus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge) aufgenommen. Da wir bereits zuvor Krisenpflegeeltern waren, gab es ein abgekürztes Prozedere für die Aufnahme.

TewsAndrea02_96Von Andrea Tews

Wir leben im Bezirk Rohrbach zwischen Oberkappel und Pfarrkirchen im oberösterreichischen Mühlviertel, ein sehr zweischneidiges Schwert. Außerhalb der Ballungszentren ist es einfacher Integration zu leben, aber hier am Land gibt es einige wesentliche Erschwernisse, genaueres weiter unten. Die Vertretung der Jugendwohlfahrt hat unsere Wohnverhältnisse begutachtet und ihr o.k. gegeben, vorerst für 2 Jugendliche, dann nochmals ein Hausbesuch, um die Gegebenheiten abermals zu kontrollieren und dann den Bescheid für 4 Jugendliche auszustellen.

Für einen Freitagabend wurde per Mail die Ankunft von 2 Kindern angekündigt. Niemand kam, auch keine Telefonnummer, die uns hätte weiterhelfen können. Da wir nicht wussten, ob es Überstellungen (einer dieser grauslichen Begriffe) auch am Samstag und Sonntag gibt, haben wir erst einmal gewartet. Erst am Montag kam ein Anruf: Man hat einen Buben in Helfenberg abgegeben, nur einen Buben, der zweite ist verschschwunden. Einer der zig-tausenden, die auf der Flucht verschwinden. Vielleicht nur weg aus Traiskirchen und auf nach Deutschland, darüber mache ich mir zum Selbstschutz keine Gedanken. Ein paar Tag später kam der Zweite.

Der Plan, die Buben in den Polytschnischen Lehrgang zu geben, ist an einer Weisung des Bildungsministeriums gescheitert. Der verweigerte Schulbesuch für die nicht mehr schulpflichtigen Buben ist auch jetzt noch unser größtes Problem. Unser wichtigstes Ziel ist es, den Buben eine Tagesstruktur zu geben, Motivation aufzubauen.

Ende Oktober und Anfang November kamen noch 2 weitere Burschen zu uns. Der Jüngste ist glücklicherweise schulpflichtig. Alle Burschen gehören in Afghanistan der ethnischen Gruppe der Hazaren an. Dazu in Wikipedia: Die Hazara, ebenfalls persisch-sprachig, jedoch größtenteils schiitischen Glaubens und mongolischer Abstammung, stellen etwa 9 % der Bevölkerung dar. Aufgrund ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit wurden und werden sie in Afghanistan verfolgt und gezielt getötet.

Zwischenzeitlich ist ein Bursche Kochlehrling im Gasthof Wundsam in Neustift, bisher funktioniert es gut. Für einen Burschen hab ich bei mir eine Lehrstelle als Tierpfleger geschaffen, ein weiterer soll ab August auch Koch lernen, dann hätte ich vorerst einen Meilenstein am Weg zu ihrer Selbstständigkeit geschafft.

Das Fordernste ist unsere Bürokratie, so gibt es zum Beispiel keine Lehrlingsfreifahrt, weil die an die Kinderbeihilfe gebunden ist und unsere jugendlichen Flüchtlinge keine erhalten. Und ohne Freifahrt gibt es auch kein begünstigtes Jugendticket: So schaut’s aus! Es gelten die gleichen Voraussetzungen wie für das OÖVV Schüler-Ticket bzw. das OÖVV Lehrlings-Ticket: Besuch einer Schule mit Öffentlichkeitsrecht oder Ausübung eines anerkannten Lehrberufs: Alter < 24, Wohnort und/oder Schulort bzw. Ausbildungsplatz in Oberösterreich und Bezug der Familienbeihilfe!

Für alle, die unser Bestreben, den Buben eine neue Heimat zu geben, genauer verfolgen wollen:
Tagebuch einer Familie mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen

Die Dorfzeitung zum Thema Flucht-Flüchtlinge:
Reinhard Lackinger: Europa braucht keine Handlanger, sondern Fachkräfte! Das sagen die Politiker.
Thomas Selinger/ Karl Traintinger: Die Flüchtlingsgaffer
Salzburger Landestheater: „Nach Europa/ Über das Meer“ | Flüchtlingsschicksale
Thomas Selinger/ Karl Traintinger: Der Preis ist unsagbar hoch.
Schauspielhaus Salzburg: „Illegale Helfer“ – Ist mein Staat menschlich?
Theater im Café Shakespeare: „Wir Kinder Babylons“ – zurück ist keine Option
Thomas Selinger/ Karl Traintinger: Über eine Lösung wird nachgedacht …
Thomas Selinger/ Karl Traintinger: Es ist schauerlich …
Sonja Schiff: Haben wir jetzt wieder Krieg, Schwester?
Thomas Selinger/ Karl Traintinger: Die Asylzelte, G7 und der Fussball.
Salzburger Landestheater/ OVAL: „African Spielzeugland“ – Ein englisch-deutsches Kinderstück
Theatergruppe MARAB: Krieg. Stell dir vor, er wäre hier. – ein Schreckensszenario
Johannes Voggenhuber: Flucht ist immer ein Notfall …
Richard Kienberger: Auf der Flucht.
Richard Kienberger: Zohre escaped
Salzburger Landestheater: „Fluchtwege: Ein Stationendrama“ – ein Theater auf der Flucht
Johann Toth: Nach dem letzten Karfreitag. Donauschwaben – Von der Befreiung in die Freiheit