Franz Jägerstätter und die Juden (in der Bibel und während des Nationalsozialismus)

Trotz seiner für einen einfachen Bauern unglaublichen politischen Informiertheit und Sensibilität hat sich Franz Jägerstätter in seinen umfangreichen Notizen nie über die Verfolgung der Juden Gedanken gemacht. Der aus der Nähe von St. Radegund stammende Politikwissenschafter und Gründer des österreichischen Gedenkdienstes Andreas Maislinger hat diese in der Jägerstätter-Forschung bis heute nicht behandelte Frage bereits 1993 in einem Kommentar in der Braunauer Rundschau gestellt. Im zum Standardwerk gewordenen Buch Franz Jägerstätter „…besser die Hände als der Wille gefesselt…“ von Erna Putz kommen die Juden nur einmal, der Holocaust überhaupt nicht vor. Auf Seite 87 zitiert Erna Putz aus den politischen und religiösen Reflexionen Jägerstätters der Jahre 1941 bis 1943:

“Fragen wir uns einmal, sind denn Österreich und Bayern schuldlos, dass wir statt einer christlichen Regierung jetzt eine nationalsozialistische haben? Ist denn bei uns der Nationalsozialismus ganz einfach vom Himmel gefallen? Ich glaube, darüber brauchen wir nicht viel Worte zu verlieren, denn wer im März 1938 nicht geschlafen hat, der weiß ohnedies gut genug, wie es damals ausgeschaut hat. Ich glaub, es ist nicht viel anders zugegangen als am Gründonnerstag vor mehr als 1900 Jahren, wo man dem jüdischen Volke freie Wahl gegeben hat zwischen Christus, dem unschuldigen Heiland, und dem Verbrecher Barabas, auch damals hatten die Pharisäer Geld ausgeteilt unter das Volk, um fest zu schreien, um diejenigen, die noch zu Christus gehalten, irrezuführen und einzuschüchtern. Was hat man nicht auch bei uns im März 1938 gegen den noch christlich gesinnten Kanzler und gegen die Geistlichkeit für Schauermärchen erzählt und erdichtet.”

Der oberösterreichische Bauer hatte einen scharfen Blick für den Nationalsozialismus, und vor dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 hatte er genau verfolgt, was im benachbarten Bayern vor sich gegangen ist. Jägerstätter hat die politische Entwicklung nicht verschlafen, an seiner traditionellen katholischen Einstellung zum jüdischen Volk scheint dies jedoch nichts geändert zu haben. Es ist schwer verständlich, dass der so überaus kluge Mann nicht vor seinem Vergleich der Pharisäer mit den Nationalsozialisten erschrocken ist. Noch verwunderlicher ist jedoch, dass die Jägerstätter-Biografin diese Stelle unkommentiert wieder gegeben hat und bis heute dieser Frage nicht nachgegangen werden darf.

Zuletzt hat auch Felix Mitterer als Autor des neuen Jägerstätter-Stückes jede Beschäftigung mit dieser Frage strikt abgelehnt.

Österreichischer Auslandsdienst / Austrian Service Abroad
Gedenkdienst – Sozialdienst – Friedensdienst

Prof. Dr. Andreas Maislinger
Gründer und Vorsitzender

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