„Mein Leben im Busch von Sarajevo“ – das Heimweh bleibt

Monika Klengel (c) Wolfgang Lienbacher44

Im Rahmen des Open Mind Festivals 2014 gastierte das Grazer „Theater im Bahnhof“ in der ARGEkultur. Passend zum Thema des Festivals „Erfolgreich erfolglos“, die Kunst des Scheiterns, erzählen drei Frauen, die es beruflich oder privat nach Bosnien verschlagen hat, offen über die positiven und negativen Seiten des Lebens in der Fremde.

elipi_aVon Elisabeth Pichler.

Auf der „Come Together Cocktail Party of the Expats“ versuchen sich drei Damen zu amüsieren: Brigitte, die erfolgreiche Bankdirektorin, ihre Mitarbeiterin Wilma und eine junge Frau, die Interessenten und Sponsoren für ihr ehrgeiziges Projekt sucht. Brigitte fühlt sich als Dinosaurier, niemand hat es hier so lange ausgehalten wie sie. 15 Jahre genießt sie jetzt schon die Vorzüge eines nach außen hin sorgenfreien Lebens am Balkan. Hier ist vieles möglich: ein großes Haus, ein teures Auto mit Chauffeur, Gärtner und Hausmädchen. Beziehungstechnisch ist nicht alles in Ordnung, sie fühlt sich oft einsam und unglücklich und überlegt schon, ob sie sich nicht auch noch einen Callboy leisten sollte. Der freizügigen, lebenslustigen Wilma geht es nicht viel besser. Gemeinsam strampeln sich die beiden einmal die Woche in einem Fitnesscenter ab und bemitleiden sich gegenseitig.

Für die junge Diplomatentochter, die zum Kummer ihrer Eltern mit einem bosnischen Musiker verheiratet ist, sieht es auch nicht rosig aus, hat sich doch ihr Gatte, seit sie in Sarajevo leben, zu seinem Nachteil verändert. Arrogant klingen die Damen, wenn sie von der unwahrscheinlichen Schönheit verfallener, dreckiger Hütten schwärmen und sämtliche kulturellen Klischees bedienen. Es war dringend notwendig, nach dem Krieg Hilfe anzubieten und die Bank aufzukaufen. Österreich ist für sie noch immer der Kopf und das da unten, von dem man nicht so gerne spricht, ist eben der Balkan. Man zeigt sich gerne großzügig, die Kosten für den Musiker (Rusmir Piknjač an der Ziehharmonika) übernimmt auch an diesem Abend selbstverständlich die Bank.

Monika Klengel, Erika Hofer und Pia Hierzegger verkörpern die drei starken, selbstbewussten Frauen, die versuchen, sich ihren Aufenthalt in Sarajevo schönzureden. Beruflich erfolgreich, gewähren sie uns schonungslos Einblicke in ihr chaotisches Gefühlsleben und ziehen arrogant und rücksichtlos über ihr Gastgeberland her. Das Bühnenbild ersetzen großformatige Fotografien, die sehr geschickt eingesetzt werden, um südliche Atmosphäre zu schaffen und intime Szenen zu untermalen.

Das Stück basiert unter anderem auf Interviews mit Österreichern und anderen Ausgewanderten, die zu Arbeitszwecken nach Sarajevo kamen. Ed. Hauswirth hat dieses makabre, sozialkritische Drama über die schwierige „austro-bosnische Beziehung“ in Szene gesetzt. 90 intensive Minuten, viel Stoff zum Nachdenken.

„Mein Leben im Busch von Sarajevo“ Theater im Bahnhof (Graz) eine Koproduktion mit der ARGEkultur. Österreichische Erstaufführung. Regie: Ed. Hauswirth. Dramaturgie: Cornelia Anhaus. Produktionsleitung: Christina Romirer. Fotografie: Jasmin Šaković, bulb Art studio. Mit: Pia Hierzegger, Eva Hofer, Monika Klengel, Rusmir Piknjač & Überraschungsgast. Fotos: Wolfgang Lienbacher/ ARGEkultur

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