Sonja Schiff: Wie möchtest Du einmal sterben?

Wie möchtest Du einmal sterben? Diese Frage wurde mir erst kürzlich auf einer Tagung, im Rahmen einer Podiumsdiskussion, gestellt. Ich hatte nicht viel Zeit nachzudenken und meinte dann spontan: Alleine. Ich möchte alleine sterben. Die Reaktion war ein Raunen im Raum.

sonjaschiffVon Sonja Schiff

Wie möchtest Du einmal sterben? Was für eine Frage! Sterben möchte doch niemand. Wir wollen alle ewig leben! Oder doch nicht?

Als Altenpflegerin habe ich viele hochbetagte Menschen erlebt, die wollten sterben. Sie warteten darauf gehen zu dürfen und zwar nicht nur, weil sie alt und krank waren, manche davon waren auch nur etwas wackelig auf den Beinen. Trotzdem meinten sie, es wäre jetzt an der Zeit zu gehen. Eine alte Dame erklärte mir einmal, sie würde des Lebens langsam überdrüssig, weil sich ohnehin alles nur noch wiederholen würde. Es wäre alles gesagt und getan. Sie wäre jetzt bereit für die große Reise. Sie möchte jetzt endlich „geholt“ werden.

Wenn wir also doch irgendwann selbst sterben wollen, dann ist die Frage, wie wir einmal unser Sterben erleben wollen, gar nicht so seltsam oder überflüssig.

Ich möchte einmal alleine sterben. Ohne Begleitung. Ohne Händchenhalten. Ohne Worten wie „Du darfst jetzt loslassen“  oder einer anderen Art von  Betüdelung. Alleine. Einfach alleine. Ganz alleine, mit mir und meinem Sterben.

Wann immer ich diesen Wunsch irgendwo kundtue, ernte ich Unverständnis oder Kopfschütteln. Als wäre dieser Gedanken ungehörig. Auch meine MitdiskutantInnen bei der Tagung schauten mich irgendwie fassungslos an. Alleine? Ihre Antworten auf die Frage entsprachen da schon mehr den gesellschaftlichen Erwartungen. Sie antworteten: Umringt von der Familie. Im Kreise der Familie.
Wer bitte will schon alleine sterben? Und überhaupt, das kann man doch seiner Familie nicht antun? Selbst beim Sterben gilt es Erwartungen zu erfüllen. So viel Egoismus beim Sterben darf nicht sein. Oder doch?

Niemand von uns kann sich sein Ende wirklich aussuchen. Morgen kann mir ein Dachziegel auf den Kopf fallen und mich von einer Sekunde auf die andere aus dem Leben schmettern. In einem Monat kann mich auf der Autobahn ein Alkolenker abschießen und ich sterbe eingeklemmt in einem Autowrack. Wann, wo und wie unser Weg zu Ende gehen wird, das bleibt für uns bis zur letzten Sekunde offen, das bleibt ein letztes großes Überraschungspaket. Trotzdem mache ich mir Gedanken zu meinem Sterben. Ich will einfach gewappnet sein.

Als Krankenschwester habe ich erlebt, dass wir Menschen, so wir nicht akut und plötzlich aus dem Leben gerissen werden, unser Sterben sehr wohl bewusst gestalten können. Eine Freundin von mir lag in einem Hospizzentrum. Tagelang wechselte sich die Familie an ihrem Sterbebett ab, man wollte sie auf keinen Fall beim Sterben alleine lassen. Doch sie entschied sich dafür, ihren letzten Atemzug genau dann zu machen, als sie alleine war. Die Person, die sie gerade begleitete musste kurz auf die Toilette. In diesem Moment, in diesen fünf Minuten schloss meine Freundin für immer ihre Augen. Eine alte Dame, die ich vor vielen Jahren betreute erzählte mir oft, dass sie dem Tod einmal aufrecht, sowie lachend und singend entgegentreten möchte. Sie lebte in einem Seniorenheim. An ihrem Todestag wehrte sie sich strikt dagegen abends ins Bett gebracht zu werden. Stattdessen orderte sie einen Tee mit viel Rum, nach einer Stunde den nächsten und dann noch einen. Während des Teetrinkens saß sie aufrecht in ihrem Stuhl und summte leise vor sich hin. Je mehr Tee mit Rum sie intus hatte, desto mehr wurde das Summen zu einem Singen, desto mehr erhob sie ihre Stimme und schwoll ihr Gesang an. Bis er plötzlich abbrach.  Die alte Dame hatte geschafft, was sie sich vorgenommen hatte. Sie war singend und aufrecht sitzend gestorben.

Wenn ich es schaffen sollte diese Welt nicht plötzlich und akut zu verlassen, dann möchte ich mein Sterben bewusst erleben und möglichst so gestalten, wie es für mich passt. Ich möchte mich verabschieden von den Menschen, die mir wichtig sind. Ich möchte meine offenen Dinge erledigen, etwa noch Danke zu sagen, wem ich noch nicht gedankt habe, mich entschuldigen, dort wo es noch etwas zu entschuldigen gibt und den Menschen noch einmal sagen, wie wertvoll sie mir waren. Aber dann, wenn der letzte Augenblick gekommen ist, wenn ich mich entschieden habe zu gehen, möchte ich mit mir alleine sein.

Ich will nicht umringt sein von Menschen, möchte nicht, dass in diesem intimen Moment jemand bei mir ist, mir zusieht oder gar auf mich einredet. Ich will alleine sein, will da alleine durch, will meine Reise alleine antreten. Und ich will mich nicht davonschleichen müssen, wenn meine Lieben grad auf die Toilette hetzen. Ich will Zeit haben zu gehen. Zeit mit mir alleine.

Dann, wenn alles Leben aus mir gewichen ist, dann können meine Lieben wieder den Raum betreten. Dann können sie mir einen Dienst erweise: Bitte öffnet dann das Fenster für mich. Ganz weit. Denn meine Seele will ihre Flügel öffnen und hinausfliegen.

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Dieser Artikel wurde erstmals auf VielFalten.com veröffentlicht und uns dankenswerter Weise von Sonja Schiff zur Verfügung gestellt. Fotos: Sonja Schiff

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3 Kommentare zu "Sonja Schiff: Wie möchtest Du einmal sterben?"

  1. Liebe Sonja,
    herzlichen Dank für diesen beeindruckenden Artikel, der zu heftigem Nachdenken anregt!

  2. Ein spannender Denkansatz.

  3. Elisabeth Pichler Elisabeth Pichler | 13. November 2016 um 10:02 |

    Liebe Sonja,
    gehöre zu den Wenigen, die völlig Deiner Meinung sind. Auch ich will da auf alle Fälle alleine durch und mir nicht zuschauen lassen. Ich hoffe nur, dass meine Kinder das akzeptieren werden.

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