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Elisabeth Pichler. Die 15-jährige Luiza kommt aus dem Urlaub zurück und packt gerade ihren Koffer aus, als ihr bester Freund Jonas auftaucht. Er war mit seinem Vater in der Türkei auf Urlaub und komischerweise fand er das gar nicht langweilig.

Die türkischen Ohrringe, die er ihr mitgebracht hat, werden bald achtlos zur Seite gelegt, denn seine zweite Überraschung gefällt Luiza gar nicht: Er behauptet,  irgendwie mit Aynur „zusammen zu sein“, einem Mädchen aus ihrer Parallelklasse, das er zufällig im Urlaub getroffen habe. Luiza ist überzeugt: „Das kann nicht gut gehen“, denn Aynur ist als „Eisblock“ bekannt, ist eingebildet, redet nicht mit Jungs und steckt immer nur mit ihren muslimischen Freundinnen zusammen. Was will denn eine Türkin von einem Deutschen? Jonas sieht das ganz anders, für ihn hat Aynur die schönsten Augen der Welt, sie liebt die gleiche Musik wie er und er kann sich stundenlang mit ihr unterhalten.

Die sichtlich eifersüchtige Luiza konfrontiert ihn nun mit allen möglichen Schwierigkeiten, die zu erwarten sind: Was werden Aynurs muslimische Eltern zu einem Verhältnis ihrer Tochter mit einem “Ungläubigen” sagen? Wie werden sich die Mitschüler das Maul zerreißen? Was wird Kerim, Aynurs Zwillingsbruder, Jonas antun für die Schande, die er über die Familie bringt?

Spielerisch exerzieren Luiza und Jonas alle möglichen Situationen durch. Sie schlüpfen in die Rollen sämtlicher beteiligter Personen, dabei färben die eigenen Projektionen und Sichtweisen natürlich auch auf die vorgestellten Personen ab. Lustvoll mimen sie die coolen Gesten der Jugendlichen und werfen sich hemmungslos die Vorurteile um die Ohren, die wir alle kennen: Dass es irgendwo immer eine Hochzeit gibt, eine Beschneidung, einen Ehrenmord, dass die Südländer alle so liebe Großeltern haben, arm aber verständnisvoll. Sie testen und verwerfen ihre Reaktionen und stolpern dabei über ihre eigenen Klischees und Vorurteile.

Bei dem Versuch das türkische Mädchen einzuordnen, landen die beiden immer wieder nur bei sich selbst. Luiza (Anna Unterberger) ist ihrem gleichaltrigen Freund Jonas (Sebastian Fischer) sichtlich überlegen, ihre Phantasie ist grenzenlos, gutmütig spielt er mit, wird sich seiner Liebe immer unsicherer und merkt kaum, wie er manipuliert wird. Wird Luiza am Ende wirklich triumphieren?

Die Bühne ist ein riesiger, offener Reisekoffer, das Futonbett kann sogar als „Fliegender Teppich“ genutzt werden. Ansonsten reichen Hut, Kopftuch, Haube, Brille und ein paar Tücher aus, um aus den beiden Jugendlichen türkische Omas und Opas, spießige Väter, geschwätzige Mitschüler oder radikale Prolos zu machen.

Seit die junge Schweizer Autorin Tina Müller 2006 „Türkisch Gold“ geschrieben hat, wird diese raffiniert gebaute Geschichte auf deutschsprachigen Bühnen viel gespielt. Ein kluges und doch auch unbequemes Stück darüber, wie Vorurteile entstehen und bedient werden. Die flotte Inszenierung dürfte bei Jugendlichen ab 12 Jahren sicherlich gut ankommen und hoffentlich zum Nachdenken anregen.

„Türkisch Gold“ von Tina Müller, für Jugendliche ab 12  Jahren / Inszenierung: Marco Dott / Ausstattung: Manuela Weilguni / Mit: Anna Unterberger und Sebastian Fischer