„Zweifel“ – Wer kennt schon die Wahrheit?

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John Patrick Shanleys 2005 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnetes Stück über den Umgang mit Verdacht feierte am 8. März 2019 im Kulturraum Anthering Premiere. Regisseur Gerard Es greift mit dem Drama ein heißes Eisen an, denn in der Kirche mit ihren patriarchalischen Hierarchien und ständigen Vertuschungen brodelt es zurzeit gewaltig.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Mit strenger Hand leitet Schwester Aloysius eine kirchliche Schule. Für sie sind die Fächer Kunst, Musik und Sport reine Zeitverschwendung. Die gutmütige Schwester James ist in ihren Augen ein schlichtes, einfältiges Wesen und daher rät sie ihr, ihren Charakter zu stählen und mit weniger „Zuckerguss“ zu unterrichten. Dass sie ihr damit die Freunde am Unterrichten völlig nimmt, berührt die herzlose Schwester nicht, denn für sie ist „Zufriedenheit nur ein Laster“.

Dass der junge, dynamische Vater Flynn wegen des Basketballtrainings bei den jungen Burschen sehr beliebt ist, macht ihn schon verdächtig. Als Schwester Aloysius zu Ohren kommt, dass er sich besonders um einen Außenseiter, den einzigen dunkelhäutigen Schüler, kümmert, beginnt sie sofort, an der moralischen Integrität des Priesters zu zweifeln. Dass Vater Flynn die Fingernägel gerne etwas länger trägt und „drei“ Stück Zucker in seinen Tee nimmt, scheinen ihren Verdacht zu bestätigen. Sie beginnt einen mitleidlosen Rachefeldzug und lädt schließlich die Mutter des Jungen zu einem Gespräch. Die hat jedoch kein Interesse an einem Skandal: „Halten Sie meinen Sohn da raus!“

Ulli Fißlthaler darf sich als unerbittliche Schuldirektorin keine Gefühle erlauben, sie führt ihre Schule wie ein Gefängnis. Martina Müller hingegen strahlt als Schwester James Empathie und Herzensgüte aus, was ihr natürlich von Schwester Aloysius als Einfalt angekreidet wird. Hermann Strasser überzeugt als charismatischer Prediger und engagierter Sporttrainer, so dass man sich fast schämt, ihm unmoralisches Verhalten zu unterstellen. Anna-Maria Steiner-Liebenwein hat sich als Mutter des gemobbten Knaben mit der Realität engagiert. Für sie ist klar, dass der Mann in der Kutte die Macht hat.

John Patrick Shanleys provokantes, leider hochaktuelles Stück behandelt den Umgang mit Verdacht, Schuld und Verurteilung und gibt die Frage, wie man sich verhalten soll, wenn keine eindeutigen Beweise vorliegen, an das Publikum weiter. Ein zwar ungemütlicher Stoff zum Nachdenken, doch ein überaus intensiver Theaterabend.

„Dieses Stück ist den zahlreichen Nonnenstiften gewidmet, deren Schwestern ihr Leben dem Dienst an ihren Mitmenschen in Krankenhäusern, Schulen und Altersheimen verschrieben haben. Bei allem Spott und übler Nachrede, die sie ertragen müssen – wer unter uns war je so selbstlos?“

(J. P. Shanley)

„Zweifel“ von John Patrick Shanley. Regie: Gerard Es. Regieassistenz: Gerhild Heissel, Roman Ferrari. Technik: Peter Zach, Gregor Bartosch. Bühnenbild, Kostüme: Ensemble. Mit: Ulli Fißlthaler, Hermann Strasser, Martina Müller, Anna-Maria Steiner-Liebenwein. Fotos: Theater Anthering

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