“Die Passion des Jonathan Wade” – Musikalische Geschichtsstunde im Landestheater

Ingrid Kreiter. Das wirklich Spannende an der “Passion des Jonathan Wade” ist, dass fast niemand (wenigstens im guten alten Europa) die Oper kennt. Diese Unkenntnis ermöglicht es auch, völlig unvoreingenommen zu zu hören, zu schauen und zu genießen. Am Sonntag feierte die moderne Oper von Carlisle Floyd im Salzburger Landestheater ihre Europapremiere.

Kurz umrissen: South Carolina nach Ende des Bürgerkrieges. Der rechtschaffene Colonel Jonathan Wade (sehr überzeugend verkörpert von Hubert Wild) zieht mit seinen Soldaten von der Nordstaaten-Armee in die Stadt Columbia ein. Er stehe für Frieden und Wiederaufbau, betont er und ergattert sich mit dieser Aussage eine Einladung ins Haus des städtischen Richters Gibbes Townsend (Marcell Bakonyi). Dessen Tochter Celia (Julianne Borg), die ihre Mutter und ihren Geliebten im Krieg verloren hat, ist da weniger leicht zu erobern. Doch auch sie kann Wades nicht lange widerstehen und es kommt, wie es kommen muss: Die zwei verlieben sich.

Doch die Kluft zwischen Besatzern und Unterworfenen wird immer tiefer, bis es auf einer Party des Richters schließlich zum Eklat kommt. Grund für die Auseinandersetzungen sind die neuen Rechte der Schwarzen. “Es ist nicht leicht, etwas aufzugeben, an das man von jeher gewöhnt ist,” bringt es der Bösewicht Lucas Wardlaw (gespielt von Eric Fennell, der sich wegen einer Mandelentzündung leider nicht gegen den Klang des Orchesters behaupten kann) auf den Punkt. Genau deshalb wolle er seinen “Nigger” auch zurück.

Weil Richter Townsend den Treueeid verweigert, wird er des Amtes enthoben. Dass ein schwarzer Richter seine Nachfolge antreten soll, kann Townsend nicht akzeptieren – er stellt Celia vor die Wahl. Diese entscheidet sich für ihren Geliebten Jonathan Wade. Die wunderschöne Hochzeitsszene ist vor allem Jeniece Golbournes Verdienst, die mit ihrer vollen Altstimme als schwarze Haushälterin Nicey Bridges Gänsehaut zaubert. Doch es kommt, wie es kommen muss: Das frischvermählte Paar kann nicht glücklich werden, solange die Gräben zwischen Nord- und Südstaaten so tief sind.

Eine Flucht – und damit die Desertion aus der Armee – scheinen die letzte Möglichkeit zu sein, die junge Liebe zu retten. Als sie das Haus verlassen, wird Jonathan erschossen und stirbt in Celias Armen. Während die Südstaatler den korrupten und machtgierigen Nordstaaten-Soldaten die Schuld an Wades Tod geben, schuldigen die Soldaten die örtlichen konservativen Kräfte des Mordes an. Schuld seien alle, schreit Celia schließlich – und alle seien sie Mörder.

Eine unglückliche Liebesgeschichte, Auseinandersetzungen und Mord – das ist der Stoff, aus dem viele Opern gemacht sind. Doch “Die Passion des Jonathan Wade” ist anders. 1962 wird sie in New York uraufgeführt, nur wenige Wochen nach schweren Rassenunruhen in Mississippi. Höchst aktuell ist die Handlung von Jonathan Wade in den 60er Jahren: Martin Luther King hält seine berühmte Rede in Washington, Schwarze werden von weißen Mobs gelyncht und erst 1967 wird vom Obersten Gerichtshof das in 16 Bundesstaaten der USA noch immer bestehende Verbot von Eheschließungen zwischen Farbigen und Weißen für verfassungswidrig erklärt.
Heute noch ist der Stoff höchst aktuell – auch in Österreich, wo Muslime, Schwarze oder kroatische Einwanderer der 2. Generation als Wahlkampfthemen missbraucht werden.

Die Inszenierung der “Passion des Jonathan Wade” ist eine lobens- und sehenswert. Schön, dass im kulturell oftmals verstaubten Salzburg Operngenuss auf höchstem Niveau dargeboten wird – und das abseits von Zauberflöten, Entführungen und Hochzeiten.

DIE PASSION DES JONATHAN WADE / Musikdrama in drei Akten von Carlisle Floyd / Premiere: 16. Mai 2010 im Salzburger Landestheater / Musikalische Leitung: Adrian Kelly / Inszenierung: Arila Siegert / Bühnenbild: Hans Dieter Schaal / Kostüme: Marie-Luise Strandt / Mozarteumorchester Salzburg / Kostüme: Marie-Luise Strandt / Choreinstudierung: Karl Kamper, Thomas Huber / Dramaturgie: Bernd Feuchtner / Mit: (Young Girl) Beth Jones, (Richter Townsend) Marcell Bakonyi, (Joby) Philipp Schausberger, (Leutnant Patrick) Juan Carlos Navarro, (Oberst Jonathan Wade) Hubert Wild, (Vier schwarze Jungs – Valentin Seissler, Marton Hajdu, Jakob Karas, Raphael Pouget) Philipp Schausberger, Alexander Hüttner, Pablo Diaz Aller, Immanouil Marinakis, (Verwundeter Soldat der Konföderierten) Rudolf Pscheidl, (Nicey Bridges) Jeniece Golbourne, (Celia Townsend) Julianne Borg, (J. Tertius Riddle) Simon Schnorr, (Lucas Wardlaw) Eric Fennell, (Enoch Pratt) John Zuckerman, (Sprecher der Unions Liga) Franz Supper, (Pfarrer) William Shaw Hackett, (Sergeant Branch) Ekrem Cellikol, (Jonathans toter Bruder) Marco Stabel / Chor, Extrachor und Statisterie des Salzburger Landestheater, Mozarteumorchester Salzburg / Alle Fotos: Christian Schneider


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