Dorothee Schmitz-Köster: Raubkind

Dortothee Schmitz-Köster | Foto: Herder Verlag ©Vankann Tristan

Dortothee Schmitz-Köster | Foto: Herder Verlag ©Vankann Tristan

Autorin: Dorothee Schmitz-Köster
Titel: Raubkind – von der SS nach Deutschland verschleppt
ISBN: 978-3-451-81391-7 (E-Book)
ISBN: 978-3-451-38380-9 (Buch)
Verlag: Herder GmbH
Erschienen: 2018

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Klappentext:

Klaus B. ist Mitte Siebzig, als sein ordentliches Leben aus den Fugen gerät. Er erfährt, dass er als Kind Opfer eines Verbrechens wurde. Er selbst kann sich an nichts erinnern.

Mit Hilfe einer Journalistin findet Klaus B. heraus, dass er in Polen zur Welt gekommen ist. Dass er 1943 seiner Familie geraubt wurde, vermutlich von der SS. Dass sein Name und seine Herkunft mit Hilfe des “Lebensborn” gefälscht wurden, der ihn dann bei linientreuen deutschen Pflegeeltern unterbrachte.

Klaus B. und die Journalistin lernen: Dieses Schicksal teilten Zehntausende Kinder aus Polen und anderen osteuropäischen Staaten. Sie wurden von nationalsozialistischen “Rassenspezialisten” ausgewählt, ihren Familien entrissen und zur “Germanisierung” nach Deutschland verschleppt. Bis heute wissen viele “Raubkinder” nichts von ihrer Herkunft. Klaus B. macht sich auf die Suche nach seinen Wurzeln und findet eine Familie, die ihn seit sieben Jahrzehnten vermisst.

Alles beginnt mit dem Anruf einer Journalistin, die Klaus B. telefonisch darauf anspricht, dass er 1944 als Pflegekind zu seiner Familie gekommen sei, aus dem Lebensborn-Heim in Bad Polzin. Ob er sich an dieses Heim erinnern könne? Ob er wisse, warum er dort gewesen sei? Darüber würde sie gerne mit ihm reden. Sie beschäftige sich nämlich mit dem Lebensborn, auch mit dem Heim in Bad Polzin. Er selbst hat erst mit neunzehn Jahren erfahren, dass die Familie ihn aus einem Lebensborn-Heim geholt hatte. Das war alles. Kein Wort darüber, warum er in diesem Heim war und was Lebensborn bedeutet.

Klaus B. ist hin- und hergerissen zwischen Neugier und gleichzeitig dem Wunsch, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Obwohl er sich in den letzten Jahren immer wieder gefragt hat, ob die Informationen wirklich stimmen, die ihm die Stiefeltern mit auf den Weg gegeben haben. Warum hat er zum Beispiel keine Geburtsurkunde? Als junger Bursche hatte er nur einen Flüchtlingsausweis, das war alles. Und irgendwann war der Ausweis fort, verlegt, verloren, auf alle Fälle konnte er ihn nicht mehr finden. Es kann sein, dass die Urkunde wirklich auf der Flucht verloren gegangen ist, wie seine Stiefmutter gesagt hat. Seine Stiefgeschwister Inge, Uschi, Volker und Gero haben allerdings Geburtsurkunden…

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht und der Besetzung Polens zerschlugen die neuen Machthaber den polnischen Staat mitsamt seinen Strukturen. Politiker und Militärs, Juristen, Kleriker und Wissenschaftler – pauschal als Gegner klassifiziert – wurden fortgejagt, verfolgt, ermordet. Im Oktober 1939 teilten die deutschen Besatzer das Land in zwei Teile und Hitler kündigte einen “harten Volkstumskampf” an, um “das alte und neue Reichsgebiet zu säubern von Juden, Polacken und Gesindel.” In diesem Kontext von Diskriminierung, Entrechtung und Enteignung, von Gewalt, Terror und Mord auf der einen und “sauberer” Bürokratie auf der anderen Seite stand die Verschleppung der polnischen Kinder. Auch dabei ging es um “Rassenpolitik” – aber mit den Mädchen und Jungen, die in die Hände der Nationalsozialisten gerieten, hatte man etwas anderes vor. Heinrich Himmler propagierte das Vorhaben, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Man werde Kinder “guten Blutes” im Osten aus ihrer Umgebung herausholen, notfalls “rauben und stehlen” und nach Deutschland bringen. Nach Prüfung aller vorhandenen Quellen geht die Historikerin Isabel Heinemann von 20 000 verschleppten Mädchen und Jungen aus. Bis heute ist dies die belastbarste Zahl. Damit bleibt Polen trotz allem dasjenige Land, das die meisten Kinder an das NS-Germanisierungsprogramm verloren hat. Bekannt sind Kinderraub und Kinderverschleppung nach Deutschland aber auch aus Slowenien und der Tschechoslowakei. Um die Anerkennung als Opfer der Nationalsozialisten und für eine Entschädigung für das erlittene Unrecht kämpften in den letzten Jahren immer wieder sogenannte Raubkinder vor Gericht – bisher erfolglos.

Anni Lemberger

Rezension von Anni Lemberger

Obwohl ich schon sehr viel über die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten gelesen habe, bin ich jedes Mal wieder erschüttert, über die ideologische Sprache, die Denkweise über das „reine, gute Blut“ und die Abgrenzung zum „minderen Menschenmaterial“, besonders aber über den Anspruch, zu glauben, sich über die anderen erheben zu dürfen und Richter anderer Ethinien zu sein. Und diesem Wahn fielen Tausende Kinder zum Opfer, die den Familien geraubt wurden, um dann in Lebensbornheimen germanisch erzogen zu werden. Waren die Kinder gut germanisierbar, wurden sie von regimetreuen Familien aufgenommen, waren sie nicht germanisierbar, wurden sie zu ihren Familien zurückgebracht oder in Einzelfällen auch ermordet. Der Sinn hinter den Entführungen war vermutlich die „Durchmischung“ des deutschen Genpools mit germanisierten, aber eigentlich fremd-ethnischen Kindern. Wichtig waren die blonden Haare und die blauen Augen, die als Zeichen des edlen Deutschen, des Arier galten.

Besonders tragisch, war die Sprachlosigkeit der geraubten Kinder – im wahrsten Sinne des Wortes. Polnisch zu sprechen war mit schwerer Strafe verbunden – und Deutsch konnten sie nicht. Also waren sie zum Schweigen verurteilt, bis sie die neue Sprache beherrschten und die Vergangenheit „ausradiert“ war.

Das Buch ist sehr spannend geschrieben, der Inhalt ist als Erzählung gehalten, es ist gut lesbar und vor allem sehr informativ.

Vor allem lege ich dieses Buch jungen Menschen besonders ans Herz um das Privileg von Rechtstaatlichkeit und freier Meinungsäußerung schätzen zu lernen.

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Dorfladen

Über den Autor

Anna Lemberger
Geboren in Zederhaus/L ungau/ Salzburg. Seit dem Ende ihrer aktiven Berufslaufbahn als Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester 2017 (nach 42 Berufsjahren) liest sie vorwiegend Bücher Österreichischer Autorinnen und Autoren und schreibt Rezensionen dazu. Anni Lemberger betreibt außerdem eine FB Seite, auf der sich LeserInnen und AutorInnen virtuell treffen und austauschen können.

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