Vogel – Bezeichnung für Tier und Mensch

Einsamer Jäger

Einsamer Jäger | Fotot: Karl Traintinger, Dorfbild.at

Im Allgemeinen bezeichnen wir mit dem Wort Vogel zweibeinige gefiederte fliegende Tiere. Das Wort wird aber auch als Bezeichnung für Menschen verwendet – zumeist mit einer abwertenden Bedeutung.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das Wort Vogel ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und geht zurück auf germanisch *fugla- „Vogel“. Althochdeutsch fogal, fugal bezeichnete nicht nur Vögel, sondern vereinzelt auch Insekten. Vögel wurden als Nutztiere gehalten und dienten darüber hinaus auch für die Zukunftsschau. Aus den Vogelstimmen und dem Vogelflug wurde der Wille der Götter und Zeichen für zukünftige Ereignisse herausgelesen. Im antiken Rom hatten die Vogeldeuter Beamtenstatus und wurden Augur genannt. Im Althochdeutschen finden sich dafür die Bezeichnungen fogalscouwo „Vogelschauer“ und fogalwîso „Vogeldeuter“. Auch fogalâri „Vogler“ wurde vereinzelt als Bezeichnung für Vogeldeuter verwendet. Primär bezeichnete das Wort aber den Vogelfänger.

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Vogelfang und Vogeljagd sind schon früh belegt. Für den Vogelfang bestrichen die fogalâri Äste oder Ruten mit Leim, der althochdeutsch fogallim „Vogelleim“ genannt wurde. Ab dem 15. Jahrhundert begegnet dann der Ausdruck Leimrute. Die Leimruten wurden ausgelegt oder auf Bäumen aufgehängt. Setzten sich die Vögel darauf, konnten sie nicht mehr wegfliegen und waren für die Vogelfänger eine leichte Beute. Auf die Leimruten geht auch die Redewendung zurück jemandem auf den Leim gehen für „auf jemanden reinfallen, sich von jemandem hereinlegen lassen“.

Beliebt war auch die Vogeljagd. Das Wort Vogeljagd hatte zwei Bedeutungen. Es konnte die Jagd auf Vögel bezeichnen oder die Jagd mit Vögeln, wie beispielsweise die Falkenjagd. Für die Vogeljagd wurden eigene Hunde abgerichtet, für die im Mittelhochdeutschen das Wort vogelhunt belegt ist.

Auch das Wort Geflügel geht auf Vogel zurück. Althochdeutsch gifugili „Gesamtheit der Vögel“ begegnet ab dem 9. Jahrhundert und ist eine Kollektivbildung zu fugal „Vogel“. Kollektivbildungen sind Sammelbezeichnungen für eine Gruppe von Elementen mit gleichen oder ähnlichen Merkmalen oder Eigenschaften, wie beispielsweise Gestüt zu Stute, Gebüsch zu Busch oder Gebirge zu Berg. Im späteren Mittelhochdeutschen wurde die Form von gevügel an Flügel angeglichen – dem typischen Merkmal der Vögel. Daraus entstand gevlügel und später unsere heutiges Wort Geflügel als Kollektivbezeichnung für Vögel. Die Verwendung des Wortes für die Gesamtheit der Vögel findet sich heute nur noch selten. Zumeist werden mit Geflügel Vögel bezeichnet, die als Nutztiere gehalten werden, wie etwa Hühner, Gänse, Puten oder Enten.

Wie bei vielen anderen Tierbezeichnungen wurde und wird auch Vogel als Bezeichnung für Menschen verwendet – häufig in Verbindung mit einem abwertenden Beiwort, wie beispielsweise ein schräger Vogel oder ein seltsamer Vogel. Und auch das Wort Galgenvogel ist eine abwertende Bezeichnung. Das Wort begegnet ab dem 16. Jahrhundert und bezeichnete ursprünglich einen verworfenen Menschen oder Verbrecher, der reif für den Galgen war. Im Zeitverlauf schwächte sich die Bedeutung ab und wurde zu „Herumtreiber, Nichtsnutz“ verallgemeinert.

Neben diesen Verwendungen begegnet Vogel auch in den Redewendungen den Vogel abschießen oder einen Vogel haben.

Bei Wettschießen mit der Armbrust oder der Büchse wurde auf einer hohen Stange eine Vogelfigur angebracht. Sieger des Wettschießens war derjenige, der den besten Schuss platzierte oder den letzten Rest der Figur herunterschoss. Daraus entwickelte sich für die Redewendung den Vogel abschießen die Bedeutung „für Begeisterung sorgen“ oder „die Darbietung anderer übertreffen“.

Die Redewendung einen Vogel haben „nicht bei Verstand sein, merkwürdige Ideen haben“ geht auf den alten Volksglauben zurück, Geisteskrankheiten entstünden durch böse Geister oder kleine Tiere, die sich im Kopf einnisten würden. Als Varianten zu dieser Redewendung finden sich auch die Ausdrücke jemand hat eine Meise, jemandem haut es den Vogel raus oder bei Dir piepst wohl?.

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Dorfladen

Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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