„Ich wachse rückwärts“ – Schauspielhaus – Foyer

Foto: Schauspielhaus

Elisabeth Pichler. Die Reihe „FREMD.GEHEN – eine Landsuche“ möchte ausgewählte Texte aus unseren Nachbarländern in einer szenisch-musikalischen Umsetzung vermitteln. Der erste Abend dieser Reihe versteht sich als Hommage an die rumänische Autorin Aglaja Veteranyi (1962-2002).

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Aglaja Veteranyi entstammte einer rumänischen Familie von Zirkusartisten, die 1967 aus Rumänien floh. Die Tochter eines Clowns und einer Artistin trat schon als Kind im Zirkus auf, nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika und Südamerika. 1977 ließ sich die Familie in der Schweiz nieder. Bedingt durch die häufigen Ortswechsel hat Aglaja Veteranyi  keine reguläre Schule besucht, sie eignete sich selbst die geschriebene und gesprochene deutsche Sprache an. Sie verfasste Romane, Gedichte und Theaterstücke. Vor allem ihre autobiografischen Texte, in denen sie ihre eigene schwere Kindheit verarbeitete, wurden ob ihrer Authentizität von der Literaturkritik hoch gelobt.

Das Stück „Ich wachse rückwärts“ greift einige Figuren, Fragen und Themen ihres ersten Romans „Warum das Kind in der Polenta kocht“ (erschienen 1999 im DVA Verlag, München)  auf und setzt sie in Szene. Wie immer, wenn Arturas Valudskis Regie führt, reicht eine kleine Bühne, denn Reduktion und Minimalismus sind angesagt. Er selbst sitzt am Flügel, singt mit rauchiger Stimme und begleitet Bernadette Heidegger, die einem Cello teilweise sehr schräge Töne entlockt, während Petra Nagenkögel mit ihren Fingernägeln auf einem alten Reisekoffer herumkratzt, bis er sich knarrend öffnet und ein paar Requisiten preisgibt.

Bernadette Heidegger und Petra Nagenkögel rezitieren die poetischen, autobiografischen Texte aus der Sicht eines Kindes. Die Stakkatosätze sind voll Poesie und Wehmut, Reales und Irreales werden miteinander verknüpft, oft mit skurrilem Humor:

„Mama glaubt an Gott, Vater glaubt weniger an Gott wegen der Konkurrenz. Mein Vater will nicht, dass Gott auch mein Vater ist.“

„Wir sind viel länger Tod als lebendig, darum brauchen wir im Tod viel mehr Glück.“

Die Episoden erzählen von den kleinen Strategien des Überlebens, von Träumen und von Fluchten in Phantasiewelten. Das Zirkusleben, die Situation in Rumänien, die Flucht und die Schwierigkeiten, sich im vermeintlichen Paradies zurechtzufinden, finden Ausdruck in einer künstlichen, doch auch sehr präzisen Sprache. Für die szenischen Einlagen reichen den beiden Damen ein paar Kleidungsstücke, um eindrucksvolle Bilder entstehen zu lassen. Während sie die Mutter im altmodischen Kleid auf dem Klavier platzieren,  schaffen sie es, den Vater als tanzenden Clown auf der Bühne erscheinen zu lassen. Trotz der melancholischen Grundstimmung sind immer eine gewisse Leichtigkeit und auch Witz zu spüren.

Ein berührender Abend, der einer leider viel zu früh verstorbenen Künstlerin gewidmet ist  (Aglaja Veteranyi hat ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt). Man darf gespannt sein, wem der nächste Abend in der Reihe „FREMD.GEHEN – eine Landsuche“ im Foyer des Schauspielhauses gewidmet sein wird.

„Ich wachse rückwärts“ – polyphone Erzählungen mit Körper, Stimme, Klang nach Texten von Aglaja Veteranyi /  Bühnenfassung, Regie, Komposition, Gesang: Arturas Valudskis / Bühnenfassung, Stimmen und Spiel: Bernadette Heidegger, Petra Nagenkögel

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