„Frankenstein“ – und sein gefallener Engel

Frankenstein

Das Schauspielhaus Salzburg präsentiert eine neue Bühnenfassung von Mary Shelleys Grusel-Klassiker „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“, der 1818 erstmals anonym veröffentlicht wurde. 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler ihn unter die bedeutendsten britischen Romane. Jérôme Junod hat dieses Glanzstück der romantischen Schauerliteratur als großes Erzähltheater inszeniert. Großer Jubel bei der Premiere am 17. September 2022.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Roberta Walton leitet eine Forschungsexpedition zum Nordpol. Mitten im Eis trifft die Crew auf den völlig unterkühlten, entkräfteten Victor Frankenstein. Während seiner Genesung erzählt er Roberta seine Geschichte. In Rückblenden erleben wir seine behütete Kindheit in Bern, seine Ausflüge in die Berge mit seiner Adoptivschwester Elisabeth und einem guten Freund. Doch schon bald interessieren ihn Bücher mehr als alles andere, besonders die Werke des Alchemisten Cornelius Agrippa. ___STEADY_PAYWALL___

Mit 17 Jahren reist er nach Ingolstadt, um dort Naturwissenschaften zu studieren. Seine Professoren sind von seinem Fleiß und seiner Intelligenz begeistert, für sie ist er ein „Jahrhunderttalent“. Frankenstein hat aber nur ein Ziel, er will totem Stoff Leben einhauchen und schreckt daher vor Diebstählen in der Pathologie nicht zurück. Doch als sein Werk wirklich zum Leben erwacht, ist er entsetzt, denn seine Schöpfung ist hässlich und wirkt furchteinflößend. Er ist so enttäuscht, dass ihn ein Nervenfieber niederstreckt. Erst als er von der Ermordung seines kleinen Bruders Wilhelm erfährt, kehrt er nach Hause zurück, denn er ist überzeugt, dass seine Schöpfung der Täter ist. Tatsächlich gesteht ihm dieser bei einem Treffen, dass nur die Ablehnung der Menschen in ihm das Böse entfacht habe. Er bittet Frankenstein ein zweites Geschöpf zu erschaffen, eine Frau, die ebenso hässlich ist wie er. Dieser hat Mitleid, ist sich seiner Schuld bewusst und so willigt er ein. Doch was, wenn das zweite Wesen genauso schlecht und böse werden würde wie das erste?

Wolfgang Kandler gibt den verklemmten, von Ehrgeiz zerfressenen Wissenschaftler, der seine Umwelt kaum wahrnimmt. Seine Adoptivschwester Elisabeth (Magdalena Oettl) schreibt ihm rührende Briefe und wartet geduldig auf seine Heimkehr. Hussam Nimro verkörpert die missglückte, einsame Kreatur, die sich nach Liebe und Zuneigung sehnt. Mit kratziger Stimme, das verunstaltete Gesicht hinter einer großen Kapuze versteckt und ungelenken Bewegungen wirkt er zwar gefährlich, doch weckt er auch Mitleid. Äußerst gelungen die Szenen an der Universität Ingolstadt, wo die Professoren (Antony Connor und Olaf Salzer) den schlauen Studenten hofieren und mit Unmengen von Büchern versorgen. Paul Andre Worms steht Frankenstein als verlässlicher Freund zur Seite, hat aber auch Auftritte als Matrose und verbannter Revolutionär.

Bernhard Eder, Sänger, Gitarrist und Songwriter der Band „Wa:rum“, eröffnet den Abend mit einem Song, bevor er sich auf eine Empore zurückzieht und den Abend mit einem Klangteppich unterlegt, der Romantik, Poesie und Grusel verstärkt. Isabel Graf hat die Bühne mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Mary Shelleys Gruselgeschichte vermittelt die Handlung durch eine Mischung aus Briefroman und klassischer Ich-Erzählsituation. Jérôme Junod hat den Text leicht aktualisiert und mit den kleinen Szenen und Rückblenden ist ihm ein großer, schauriger Theaterabend gelungen.

„Frankenstein“ von Jérôme Junod nach Mary Shelley. Regie und Text: Jérôme Junod. Bühne: Isabel Graf. Kostüme: Antoaneta Stereva. Musik: Bernhard Eder. Mit: Petra Staduan, Magdalena Oettl, Antony Connor, Wofgang Kandler, Paul Andre Worms, Olaf Salzer, Hussam Nimr. Fotos: Jan Friese


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Dorfladen

Über den Autor

Elisabeth Pichler
“Theater war schon immer meine große Leidenschaft und scheinbar ist es mir auch gelungen, diese Begeisterung an meine Kinder weiterzugeben.” Elisabeth Pichler besucht für die Dorfzeitung Theateraufführungen und Konzerte und liest neue Bücher.

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