Reinhard Lackinger – Evolution heute

oder: Der postmoderne Mensch schafft sich ab.

Wohin entwickelt sich der Mensch? Das frage ich mich täglich beim Lesen der Onlineausgaben Österreichischer Zeitschriften. Was macht noch Sinn, was nicht?

In den 50er Jahren versuchte ein Geschichtslehrer uns Hauptschülern zu erklären, dass der Mensch der Steinzeit ein gröberes und stärkeres Gebiss mit vorspringendem Kiefer hatte, um an der rohen Kost aus Wurzeln und am mangelhaft gebratenen Fleisch zu kauen. Seine Stirn hingegen war klein, rutschte gleich über den Augenbrauen weit in den Hintergrund. Denken sei damals ohnehin kein Thema gewesen, meinte der Herr Oberlehrer, der mitunter Morgenstern und Bihänder ins Klassenzimmer brachte, um seinen Unterricht mit schwingendem Mordgerät aus dem Mittelalter zu untermauern. Die Menschen damals und vor einem Jahrtausend seien von kleinerer Statur gewesen, sagte er. Das könnte man leicht aus den Rüstungen im Grazer Zeughaus ersehen.

Beim letzten Ritterfest der Burg Oberkapfenberg war eine kleine stämmige Blondine in so eine Rüstung geschlüpft. Zwischen Akteuren bummelten Schaulustige, die die unzähligen Dinge bewunderten, die da entweder ausgestellt, oder ostensiv verwendet wurden. Möglicherweise fragte sich jedermann und jedefrau, wozu all dieses “Gelumpe”, wozu dieser Plunder einmal getaugt haben mochte. Wozu Harnisch und Kettenhemd? Wozu Gespickter Hase, wozu Daumenschraube und Eiserne Jungfrau? Wozu auch Pechnase und Zugbrücke?

Alois Brandstetter, erfolgreicher Buchautor, Altgermanist und Historiker, führt die Besucher seines Anwesens gerne in die Scheune, die er in ein Museum verwandelt hat. Seine Sammlung enthält Geräte, mit denen Mägde, Knechte und Keuschler vergangener Jahrhunderte landwirtschaftliche Produkte manipulierten. Dicke Bretter und eiserne Beschläge bezeugten, dass einst die Tara noch Gewicht hatte und das Netto nicht selten übertraf. Ganz im Gegensatz zu den modernen Bierkisten aus Kunststoff und Bierfässern aus Leichtmetall.

Ich denke gerne an meine Kindheit der frühen 50er Jahre, an eine Zeit, als alle Bemühungen noch Hand und Fuß hatten. Wenigstens für mich. Körperlicher Einsatz und Muskelkraft war zusammen mit Geschicklichkeit unerlässlich. Die Gliedmaßen waren Teil der Arbeitsgeräte.

Das hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte radikal geändert. Wo früher Tafelklassler ihre Ranzen öffneten, klappt eine neue Generation von Knirpsen das Notebook auf. Kaum versteht so ein Dreikäsehoch ein “a” von einem “b” zu unterscheiden, ist er auch schon kein Anfänger mehr, sondern ein “user”. Numerisch gesteuerte Werkzeugmaschinen schickten manuelle Fertigkeit in die Frührente. Das Leben innerhalb und außerhalb der Arbeitswelt wurde derart rationalisiert, dass sich jeder Schlafwandler zurechtfindet und bewusst konsumiert. Egal ob das Geld einem Stunden -, oder Monatslohn entspricht, oder von einer staatlichen Transferleistung stammt.

Bildungsnahe Menschen bewegen sich optimal in einer makellos urbanisierten Umwelt, fühlen sich umsorgt und auf kompetente Weise durch einen lückenlosen Tagesablauf geführt. Einige wenige Querköpfe hegen aber einen leichten Verdacht, diese übertriebene Bemutterung könne notwendige und lebenswichtige Instinkte ausschalten. Zwischen der einen oder anderen Station einer Gletscherbahn sollen sie unglücklicherweise recht behalten.

Recht scheint auch Aldous Huxley gehabt zu haben, als er “Schöne Neue Welt” schrieb. Ich sehe das ganz deutlich hier in der Dritten Welt. Konsumnahe Menschen tummeln sich im sauberen und klimatisierten Ambiente von Shopping Malls, Ankunfts – und “Departure” Hallen unserer Airports, in Luxushotels und geschlossenen, ummauerten und ostensiv bewachten Siedlungen. Passport für diese Umwelt: das Befolgen eines nicht immer verständlichen Protokolls. Es soll schließlich auch der dümmste und zerstreuteste Bürger die Gewissheit haben, dass sein Plätzchen an der Sonne von keinem frechen favelado bedroht wird. Entsprechende Kleidung und Haartracht sind wie ein Visum, wie ein Mitgliedsausweis.

Außerhalb dieser Inseln der Glückseligkeit wuchert die Metastasen der Armut, der mangelhaften Sanierung. Die Stadtverwaltung scheint der Lawine aus Abfall, Abwasser, Kot, sonstiger Unordnung und Lärm nicht mehr gewachsen zu sein. Die Bewohner der Elendsviertel sehnen sich nach Luxus, sind aber gezwungen, über stinkende Rinnsale zu springen, sich vor Projektilen rivalisierender Drogendealerbanden zu schützen. Dazu brauchen sie nach wie vor Beine und Arme, während den bildungs – und konsumnahen Bürgern ein Hintern und ein Finger genügt, um vor dem LCD-Televisor sitzend die Fernbedienung zu bedienen.

Den ganzen Körper, von Kopf bis Fuß brauchen nur noch die uns unterhaltenden Heldinnen und Helden. Die Gladiatoren und Gaukler von früher, sind wurden zu Sportprofis und Superstars promoviert. Wir bewundern die Fingerfertigkeit der Geiger, die Gelenkigkeit der Akrobaten. Wir brauchen sie genauso wie die Politiker, die sich wie Halbgötter feiern lassen, auch wenn ihre Aussagen weder Hand noch Fuß haben und heute so lebensfern sind, wie wir selbst.

Elektronische Gehirne, voll programmierte Umwelt, künstliche Intelligenz… Big Brother denkt und handelt für uns. Sicherheit steht vor Spontaneität, politische Korrektheit vor Witz! Auch wenn der Mensch sich immer mehr und mehr abschafft und lebensfern wirkt, so wird er vorläufig immer noch mit sämtlichen Gliedmaßen geboren… ob er diese benötigt oder nicht! Aber was rede ich dummes Zeug. Der Mensch wird von Generation zu Generation größer! Er misst um etwa 28,5 Zentimeter mehr als sein mittelalterlicher Vorfahr. Auch der Magen hat sich ausgedehnt. Das Pro-Kopf-Verlangen nach Speisen steigt unentwegt. Trotz Verringerung der Beweglichkeit. Wozu das alles? Wozu immer mehr Konsum, wenn der Mensch keinen Ausweg findet… für sich und den von ihm produzierten Müll, Kot und Urin. Wozu all dieser Aufwand? Wozu?

– Schüler -, sagt der Herr Oberlehrer, stellt den Bihänder in die Ecke des Klassenzimmers.
– Schüler, sagts net immer “zawos”! Man sagt “wozu”! “Zawos” homma denn einen Deutschunterricht?

Salvador, 9.Jänner 2011

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