„Tschick“ – ein spannender Roadtrip zweier Außenseiter

Tschik

Die Theatergruppe Oberndorf bringt eine Bühnenfassung von Wolfgang Herrndorfs Abenteuer- und Bildungsroman „Tschick“, der heutzutage gerne als Schullektüre verwendet wird, im Freiraum in Oberndorf zur Aufführung. Josef Lipp hat die berührende, vielschichtige Coming-of-Age-Geschichte einfühlsam in Szene gesetzt. Viel Applaus am 17. September 2023 für einen großartigen Theaterabend mit zwei wirklich sensationellen Jungschauspielern, Leo Schlager und Yannik Raffelsberger.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Bei Maik läuft es zu Hause gar nicht rund, denn seine Mutter hat ein schweres Alkoholproblem und sein Vater neigt zu Gewalttätigkeiten. Nach einem ehrlichen, für den Lehrer aber „schamlosen“ Aufsatz über seine desolaten Familienverhältnisse, ist Maik für seine Mitschüler nur mehr der „Psycho“. Kein Wunder also, dass ihn die Klassenschönheit Tatjana nicht zu ihrer Geburtstagsparty einlädt. Dem neuen, sehr wortkargen Mitschüler Tschick, einem russischen Spätauswanderer, geht es ebenso. Als Tschick zu Beginn der Ferien mit einem klapprigen, gestohlenen Lada bei Maik auftaucht, lässt sich dieser zu einer Fahrt in die Walachei zu Tschicks Großvater überreden.

Auf ihrer Reise durch Ostdeutschland treffen sie auf ein konsumkritisches, doch sehr gastfreundliches Ehepaar, das ihnen den Weg zum Supermarkt nicht zeigen will, denn sie kaufen nur bei „Fröhlich“. Als ihnen der Sprit ausgeht und sie auf einer Müllkippe nach einem Schlauch suchen, hilft ihnen die junge Isa weiter. Völlig verdreckt, doch putzmunter und rotzfrech, schließt sie sich kurzfristig dem Duo an, bis sie sich in einem Bus Richtung Prag verabschiedet, um nach ihrer Halbschwester zu suchen.

Nach einem kuriosen Treffen mit einem kommunistischen, schießwütigen Kriegsveteranen, der von seinen traumatischen Erlebnissen erzählt, beendet ein Unfall die abenteuerliche Reise. Nun hat Tschick einen Gipsfuß und mit Maik am Steuer kommen sie natürlich nicht mehr sehr weit. Das Stück endet zurück in Berlin vor Gericht. Tschick nimmt die Schuld voll und ganz auf sich und kommt in ein Heim. Maik muss Sozialdienst leisten, doch ein Brief von Isa schenkt ihm neue Hoffnung.

Der 15-jährige Leo Schlager führt uns als Maik locker und eloquent durch die Geschichte. Die Streitigkeiten seiner Eltern erträgt er stoisch. „Das Beste ist, die Klappe halten!“ Auf der Reise wird auch Tschick (Yannik Raffelsberger mit erstaunlich authentischem russischen Akzent) immer redseliger und gibt einiges von sich preis. Julia Baumann als freche Isa von der Müllkippe wickelt die jungen Burschen gekonnt um den Finger. Waltraud Gregor und H. C. Kröss schlüpfen mit wechselnden Perücken in die unterschiedlichsten Rollen, sie verkörpern all die schrägen Typen, denen die jungen Ausreißer auf ihrer Fahrt begegnen, Maiks Eltern und einen Geschichtslehrer.

Ein intensiver Theaterabend, der von Ausbruch, intensivem Leben, seltsamen Begegnungen, von jugendlichem Leichtsinn und vom Schmerz und der Schönheit des Erwachsenwerdens erzählt. Empfehlenswert für Jugendliche und Erwachsene. Weitere Vorstellungen bis 29. September 2023.

„Tschick“ – von Wolfgang Herrndorf. Als Theaterstück auf der Bühne im Freiraum Oberndorf. Theatergruppe Oberndorf. Regie: Josef Lipp. Technik: Martin Fischer und Dejan Frauscher. Mit: Leo Schlager, Yannik Raffelsberger, Waltraud Gregor. H. C. Kröss, Julia Baumann. Fotos: Theatergruppe Oberndorf

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