„enfant“ – Kinder an die Macht

enfant1©Szene Salzburg_ Kirchner

Mit einem aufwühlenden Tanzstück für 9 Tänzer, 3 Maschinen und 17 Kinder des französischen Choreografen Boris Charmatz wurde am Mittwoch, dem 3. Juli 2013, die Sommerszene eröffnet. Ein intensiver Abend, ein surrealer Albtraum mit einem versöhnlichen Ende. Die Kinder schaffen es, ihre anfängliche Hilflosigkeit in Autonomie zu verwandeln.

Von Elisabeth Pichler.

Zu Beginn der Performance ist nur das metallische Brummen der Maschinen zu vernehmen. Ein tanzender Kran fischt leblose Körper vom Boden und zieht sie an einem Haken in die Höhe. Während einige Tänzer mit einer rotierenden Rampe zu kämpfen haben, lassen sich andere wiederum von einem bebenden Boden durchrütteln. Sie alle sind den Maschinen hilflos ausgeliefert. Nach und nach werden leblos wirkende Kinder hereingetragen, die von den Erwachsenen wie Marionetten benutzt und gnadenlos manipuliert werden. Die Szenen sind schockierend und deprimierend, denn die Kinder werden physisch und psychisch missbraucht. Eine lautstarke, hektische Geräuschkulisse, eine Mischung aus durchdringendem Wehklagen und Michael-Jackson- Songs, untermalt gnadenlos das bedrohliche Szenario. Das Auftauchen eines Dudelsackpfeifers führt fast unmerklich zu einer Veränderung der Situation. Die Kinder beginnen, die Macht an sich zu reißen. Im Finale hüpfen, rennen und toben sie über die Bühne. Die Erwachsenen versuchen mitzuhalten, doch sinken sie schließlich völlig erschöpft zu Boden.

enfant2©Szene Salzburg_ Kirchner.

Mit dieser Performance – einer österreichischen Erstaufführung – feiert die neue Intendantin der Szene Salzburg, Angela Glechner, ihren gelungenen Einstand. Das Stück hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck, bietet vielfältige Interpretationsmöglichkeiten – ob nun politischer, sozialkritischer oder philosophischer Natur. Die komplexe Choreografie zieht das Publikum mit ihrem Wechsel zwischen der Manipulation von leblosen Körpern und dem Ausbruch von entfesselter Energie in ihren Bann, auch wenn die scheinbar brutale Behandlung der Kinder die weiblichen Zuseher etwas irritiert.

enfant3©Szene Salzburg_ Kirchner.

Boris Charmatz, Jahrgang 1973, zählt zu den innovativsten und produktivsten Choreographen. Nach seiner Ausbildung an der Ballettschule der Pariser Oper sorgte er schon mit seinen ersten Kreationen international für Furore.Seither treibt er die Tanzszene unablässig voran, sucht immer wieder die Nähe zur bildenden Kunst und Philosophie, konzipiert radikale Formate, die den Blick des Zuschauers neu fordern, und kreiert physisch intensive Tanzstücke, die zu den wichtigsten Arbeiten der Gegenwart zählen. (Szene Salzburg)

„enfant“ – Boris Charmatz/Musée de la danse. Österreichische Erstaufführung / Fotos: ©Szene Salzburg/ Kirchner

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