Haller: Die dunkle Seite der Leidenschaft

Prof. Dr. Reinhard Haller

Prof. Dr. Reinhard Haller | Foto: G&U © Petra Rainer

Autor: Reinhard Haller
Titel: Die dunkle Seite der Leidenschaft – Wie Hassentsteht und was er mit uns macht
ISBN: 978-3-8338-8457-3
Verlag: Gräfe und Unzer Verlag GmbH.
Erschienen: 2022

Klappentext:

Der Gerichtspsychiater über eines der brennendsten Themen unserer Zeit

Der Hass, oft auch als Gegenpol der Liebe bezeichnet, ist die destruktivste und bedrohlichste aller Emotionen des Menschen – und gehört doch zur unserer psychischen Grundausstattung. Er kann sich äußern in verbalen Attacken, persönlichen oder gesellschaftlichen Konflikten, am intensivsten in Verbrechen und Krieg. Heute erreicht dieses Gefühl durch Hass im Netz, Radikalisierung der Sprache, Extremismus und Fanatismus neue Dimensionen.

In diesem Buch ergründet er, wie Hass entsteht, wie er sich äußern und wie er überwunden werden kann.

Anni Lemberger

Rezension von Anni Lemberger

„Weil ich den Hass hasse, musste dieses Buch geschrieben werden“ – so beginnt Haller das Vorwort zu seinem Buch.

Zu Beginn seines ersten Kapitels zitiert Reinhard Haller Nelson Mandela bei seiner Entlassung – nach Jahrzehnten im Gefängnis des Apartheidregimes: „Als ich aus der Zelle durch die Tür in Richtung Freiheit ging, wusste ich, dass ich meine Verbitterung und meinen Hass zurücklassen musste, oder ich würde mein Leben lang gefangen bleiben“.

Ich habe zu diesem Buch gegriffen, weil ich auf den zunehmenden Hass, sowohl in den sozialen Medien, als auch im realen Leben eine Antwort gesucht habe.

Haller, der Gerichtspsychiater und -gutachter ist und mit einer Vielzahl von Straftätern zu tun hat, wird häufig mit Hass als Motiv für schwere Straftaten konfrontiert. 

Er bezeichnet den Hass als destruktivste menschliche Emotion und sucht einen Sinn in der menschlichen Evolution für diese zerstörerische Eruption zu finden.

Dabei unterscheidet der Autor zwischen erworbenen und angeborenen Hass. Er fragt sich, ob es eine „Hasspersönlichkeit“ gibt? Dabei betrachtet er verschiedene abweichende Persönlichkeitsmerkmale und findet im pathologischen Narzissmus alle Anzeichen einer „Hasspersönlichkeit“. Hass ist geprägt von einer destruktiven Aggression, einer Ausschaltung der Empathie, Übertönung differenzierter Gefühle und Gedanken, Leitung durch böse Ideen, Grausamkeit und Besonderheiten im zeitlichen Ablauf.

Hass wächst im Verborgenen und tritt rational an den Tag, im Gegensatz zu Wut und Zorn, die eruptiv auftreten. Während nach einer Wutattacke bzw. einem Zornausbruch meist wieder Ruhe einkehrt, gärt der Hass weiter und ein Hassdurchbruch bringt keine entlastende Wirkung.

Hass hat viele Gesichter: Er kann Generationen überdauern (Blutrache), ist meist die Ursache für Krieg und Terror und kann sich auch in wahnhaftem Denken ausdrücken.

Die große Gefahr sieht Haller „in der Psychologie der Massen“. Denn Gruppen lassen sich leicht beeinflussen und in eine bestimmte Richtung instrumentalisieren (Corona hat es gezeigt und der neu aufkeimende Antisemitismus durch den Israel Krieg verdeutlicht es erneut).

Der Gerichtsmediziner erklärt auch die Phänomene, die zum Holocaust geführt haben: Fest verankert in der Bevölkerung war bereits der Neid und die Missgunst gegenüber einigen Mitgliedern der  jüdischen Bevölkerung, die aufgrund kaufmännischer Geschicklichkeit und anderer positiver Fähigkeiten gut situiert waren. Außerdem war auch noch die Verurteilung durch die Kirche, die die Juden jahrhundertelang „als Christusmörder“ verunglimpft hatte, in der Bevölkerung präsent. Hier sind entsprechende Hassworte und eine verhetzende Hasspropaganda auf fruchtbaren Boden gefallen. Die Entmenschlichung (Untermenschen, Ratten, Bazillen, …) der jüdischen Bevölkerung durch die Nazis hat zu einem Fallen der Hemmschwelle und zu einer Seelenblindheit bzw. einem Abschalten der Empathie in einem Großteil der Bevölkerung geführt.

Beispielhaft fällt mir da die Aussage der Lebensgefährtin von Amon ein, die, als sie gefragt wurde, ob ihr die Menschen im KZ (die sie ja täglich vor Augen hatte) nicht leid getan hätten, und sie sinngemäß sagte, „nein, das waren ja nur verdreckte und schmutzige Juden“. Dieses völlige Ausblenden des Mitgefühls am Leid anderer Menschen ist eines der gravierendsten Hassmerkmale.

Haller fragt auch nach der Hassliebe. Wenn Liebe der Gegenspieler von Hass ist, kann Hass ohne vorherige Liebe entstehen? Und können Liebe und Hass gleichzeitig nebeneinander bestehen?

Anhand verschiedener Beispiele löst der Autor die Fragen auf. Am Schluss gibt Haller aber auch Ratschläge, wie dem Hass entgegen getreten werden sollte.

Er führt dabei die Empathie als wesentliches Element gegen die Grausamkeit an, aber auch Humor und das „frühzeitige“ Ansprechen von Unbehagen ist wichtig, bevor sich unangenehme Gefühle langsam in Hass verwandeln können. Dabei wandelt er ein bekanntes Sprichwort um: „Reden ist Gold und Schweigen nur Silber“, wenn es gegen das Entstehen von Hassgefühlen geht. 

Haller hat sehr gut recherchiert und beruft sich bei allen seinen Aussagen auf die wissenschaftliche Forschung (die als Literaturhinweis am Ende des Buches zu finden ist) oder auf seine Erfahrung als langjähriger Psychiater und Gerichtsgutachter.

So wie in der Wissenschaft üblich, gibt es „pro und kontra“ Meinungen zu bestimmten Hypothesen, die Haller nebeneinander stehen lässt. Das Buch ist für interessierte Laien gut aufbereitet und gut zu verstehen und es erfordert keine entsprechenden fachlichen Vorkenntnisse. Aber es erfordert eine gute Konzentration beim Lesen, um den Inhalt  nachvollziehen zu können.

Meine Erwartungen wurden auf jedem Fall erfüllt, meine Fragen beantwortet und so kann ich das Buch auf jeden Fall weiterempfehlen, als Präventivwerk gegen Hass im virtuellen genauso, wie im realen Leben.


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