„Vögel“ – die Suche nach der Identität

Vögel

Nach Wien und Graz sind Wajdi Mouawads „Vögel“ nun auch im Schauspielhaus Salzburg gelandet. Irmgard Lübke inszeniert das gefeierte Stück des im Libanon geborenen frankokanadischen Autors als großes Familiendrama vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts. Die Premiere fand am 14. Februar 2020 statt und fordert zu einer Hinterfragung der eigenen Identität auf.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

In einer Universitätsbibliothek in New York trifft der junge Genetikstudent Eitan Zimmermann aus Berlin auf die arabischstämmige US-Amerikanerin Wahida. Die „makellose Harmonie des Zufalls“ führt zur Magie einer großen Liebe. Anlässlich des Pessachfestes will der junge Mann Wahida seiner Familie vorstellen. Doch so weit kommt es nicht, denn sein fundamentalistischer Vater David stellt sich vehement gegen die Beziehung seines Sohnes mit einer Muslima. Auch die Anwesenheit eines Rabbiners kann die Eskalation nicht verhindern. Wütend sammelt Eitan Messer ein, um die DNA seiner Familie zu überprüfen. Als er feststellen muss, dass da einiges nicht in Ordnung ist, macht er sich mit seiner Freundin auf den Weg nach Jerusalem, um bei seiner Oma Leah nachzuforschen. Diese weigert sich aber, auf die Fragen ihres Enkels zu antworten.

___STEADY_PAYWALL___

Als Eitan nach einem Bombenanschlag schwer verletzt in einem israelischen Krankenhaus landet, reisen seine besorgten Eltern mit dem Opa nach Jerusalem. Die Stimmung zwischen David und seiner Mutter Leah ist mehr als angespannt, hat sie ihn doch seit ihrer Scheidung von 30 Jahren nicht mehr gesehen. Nur die Großelten kennen den wahren Grund für die Trennung, doch wollen sie ihn lange nicht verraten.

Jung, verliebt und unbeschwert genießen Eitan (Jakob Kücher) und Wahida (Kristina Kahlert) ihre große Liebe, denn für sie spielt es keine Rolle, dass sie aus unterschiedlichen Welten stammen. Dass Eitans Vater David so extrem reagiert, hätten sie sich nicht vorstellen können. Die Reise in den Nahen Osten wird für alle Beteiligten schicksalhaft. Oma Leah (Susanne Wende) ist so gar nicht begeistert, ihren Enkelsohn zu sehen. Als auch noch der Rest der Familie, ihr Sohn David (Theo Helm) mit seiner Frau (Katharina von Harsdorf) und ihr Ex-Gatte (Antony Connor), auftaucht, wird es richtig ungemütlich. Unmenschlich die brutale Leibesvisitation durch eine israelische Soldatin (Sophia Fischbacher), die Wahida vermutlich das Leben rettet, geht doch gleichzeitig in ihrem Bus eine Bombe hoch.

Das minimalistische Bühnenbild (graue Wände, die sich nach hinten öffnen lassen) ermöglicht schnelle Ortswechsel, denn die Familiensaga wird als Zeitreise mit Rückblenden erzählt. Das von Irmgard Lübke stilsicher in Szene gesetzte Erfolgsstück wirft viele Fragen auf, ohne sie zu beantworten. Welchen Stellenwert besitzen nationale, kulturelle und religiöse Identitäten und ist es möglich, sich von ihnen zu lösen? Eine Antwort auf diese komplexe Problematik wird nicht leicht zu finden sein. Viel Applaus für ein fast dreistündiges, packendes Familien- und Gesellschafts-Drama.

„Vögel“ – von Wajdi Mouawad. Regie: Irmgard Lübke. Ausstattung: Andrea Kuprian. Musik: Fabio Buccafusco. Mit: Kristina Kahlert, Jakob Kücher, Theo Helm, Katharina von Harsdorf, Antony Connor, Susanne Wende, Sophia Fischbacher, Marcus Marotte, Olaf Salzer. Fotos: Jan Friese

image_pdfimage_print

Dorfladen

Über den Autor

Elisabeth Pichler
Geb. 1946 in Salzburg,1964 Matura im Realgymnasium. Abiturientenlehrgang HAK. 2000 Ausbildung zur ehrenamtlichen Bibliothekarin und seither in der öffentlichen Bibliothek Hallwang tätig. “Theater war schon immer meine große Leidenschaft und scheinbar ist es mir auch gelungen, diese Begeisterung an meine Kinder weiterzugeben.” Elisabeth Pichler besucht für die Dorfzeitung Theateraufführungen und Konzerte und liest neue Bücher.

Kommentar hinterlassen zu "„Vögel“ – die Suche nach der Identität"

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.