„Störe meine Krise nicht“

Alfred Aigelsreiter, Peter Siderits, Robert Herret und Paul Peschka. Foto: Wilhelm Böhm

Alfred Aigelsreiter, Peter Siderits, Robert Herret und Paul Peschka. Foto: Wilhelm Böhm

Die „Brennesseln“ mit ihrem neuen Politkabarett im Kleinen Theater

Elisabeth Pichler. Sie behaupten zwar, das politische Kabarett sei tot, doch gekonnt treten die „Brennesseln“ den Gegenbeweis an: Bissig, sarkastisch und gewürzt mit beißendem Zynismus fallen sie über die Missstände nicht nur in unserem schönen Österreich her, nein, die Krise hat unseren Erdball fest im Griff.

Seit 29 Jahren zählen sie zu den Fixsternen am österreichischen Kleinkunsthimmel: die „Brennesseln“. Die Satirikergruppe bringt jedes Jahr ein neues Programm heraus und das sehr erfolgreich. Gründungsmitglied Alfred Aigelsreiter schrieb fast alle Texte im Alleingang. Für die Musik sorgt Ex-„Misthaufen“-Mitglied Peter Siderits. Robert Herret und Paul Peschka komplettieren das Querulanten-Quartett. Sie verstehen sich als politische, jedoch nicht parteipolitische Kabarettgruppe. Also brauchen sie auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen und so schlagen sie um sich: nach rechts, nach links, nach oben und nach unten.

Besonders abgesehen haben es die „Brennesseln“ auf die Manager, den „Sperrmüll der Erfolgsgeneration“. Da bietet ein abgewirtschafteter Börsianer todsichere Börsentipps um 1 € an, gleich neben dem Obdachlosen, der eine Straßen-Zeitung verkauft, und dem Bettler, der versucht, mit kranker Gattin und vielen Kindern Mitleid zu erregen. Wenn Manager fallen, fallen sie doch nicht immer nach oben, die Kleineren erwischt es voll, denn „es schaut nicht gut aus, wir sitzen alle im selben Boot“. Unsere Regierung, „ein grandios inszeniertes Nichts“, kommt auch nicht gut weg. Der Vorschlag, jeder Politiker möge sich zu seinem eigenen Sprecher auch noch einen eigenen Denker engagieren, klingt durchaus plausibel. Begeistert waren die Herren jedoch von der – leider einzigen – wirklich guten Idee, Postler zu Polizisten zu machen, also SOKO Post, statt SOKO Ost.

Auch die Seitenblicke bieten durchaus spannende Themen: Warum muss eigentlich jeder Moderator ein eigenes Kochbuch präsentieren? Wer hat Interesse an den Mausis und Bambis des Herrn Lugner? Warum gibt es kaum eine Party ohne KHG („Keiner Hat’s Gesehen“) mit seiner Fiona, der „Glasscherbn-Tussi“?

Neben der „Internationalen“, die als Konsumenten- Hymne ertönt: „Völker leert die Regale, unserer Wirtschaft geht’s schlecht, stürmt jede Filiale und bleibt des Mammons Knecht“, gibt es auch nachdenkliche Momente, wie etwa die „Entschuldigung an die Nachgeborenen“, denn das Brennessel-Motto lautet: „Unterhaltung mit Haltung“ und das Publikum weiß das zu schätzen.

Ein überaus vergnüglicher Abend, an dem – obwohl es eigentlich nichts zu lachen gibt – mit Witz, eingehenden Songs, Sarkasmus und Ironie gegen den Unrat der Zeit angespielt wird. Der Wortwitz ist gewaltig, aber auch gewaltig schnell, und so haben die „Brennesseln“ einem oft an sie herangetragenen und lang gehegten Wunsch ihrer zahlreichen Freunde und Fans Rechnung getragen und DVDs ihrer vergangenen Programme hergestellt: satirische Kleinode zum Wiedersehen und Wiederlachen.

Kleines Theater Salzburg. „Störe meine Krise nicht“ – 29. Programm der „Brennesseln“ / Alfred Aigelsreiter (Text), Peter Siderits (Musik), Robert Herret und Paul Peschka. Die Gruppe besteht seit 1981 und betreibt in Wien ein eigenes Theater.

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