„Die Räuber“ – rocken in den böhmischen Wäldern

Sarah Henker hat Friedrich Schillers 1782 uraufgeführtes Freiheitsdrama, das die radikalen und leidenschaftlichen Züge des Sturm und Drang widerspiegelt, auf zwei pausenlose Stunden gekürzt und heutige Bezüge hergestellt. Die Vorwürfe und Anklagen, die das Publikum zu hören bekommt, klingen erschreckend aktuell. Die Premiere fand am 2. Oktober 2020 im Salzburger Landestheater statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Franz von Moor fühlt sich hässlich, hölzern und als Zweitgeborener vom Schicksal benachteiligt. Er ist eifersüchtig auf seinen Bruder, den hübschen, feurigen Karl, Papas Liebling. Während dieser in Leipzig studiert, nutzt Franz die Gelegenheit, um seinen Bruder mittels eines fingierten Briefes beim Vater anzuschwärzen. Der alte Graf ist zwar erzürnt, doch bittet er: „Bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung.“ Genau das aber bezweckt der fiese Franz. Als Karl sich von seinem Vater zu Unrecht verstoßen glaubt, wird er zum Hauptmann einer Räuberbande, die in den böhmischen Wäldern Jagd auf die Reichen macht. Bald fühlt er sich wie ein zweiter Robin Hood, will eine Umverteilung der Güter, korrupte Finanzräte entmachten und heuchlerische Pfaffen bestehlen. Er schafft es aber nicht, seine Kumpane, die sich am Morden, Brandschatzen und Plündern berauschen, in Schach zu halten. Als einer seiner Gefährten wegen der Untaten im Cäcilienkloster gehängt werden soll, setzt er, um ihn zu retten, eine ganze Stadt in Brand, sodass Unschuldige, Kinder und Greise ums Leben kommen. Nun hat er genug vom Räuberdasein. Er schwört seiner Bande zwar Treue, doch begibt er sich zum väterlichen Schloss, um seinen Vater und seine Verlobte Amalia noch einmal zu sehen.

Gregor Schulz schafft es, Franz, die Kanaille, als schleimigen Heuchler und gefährlichen Psychopathen darzustellen. Seine monologischen Selbstbefragungen gehen unter die Haut. ___STEADY_PAYWALL___

Grandios, wie er es versteht, seinen Vater zu manipulieren. Diesen verkörpert Matthias Hermann nicht als senilen Greis, sondern als umtriebigen Geschäftsmann im grauen Business-Anzug. Skye McDonald gibt den wilden, leidenschaftlichen, charismatischen Karl, der sein Studium anfangs etwas schleifen lässt und dafür vom Vater hart bestraft wird. Der Rest des Ensembles wechselt ständig die Rollen, ist mal mit der Räuberbande unterwegs und dann wieder im Schloss zu Hause. Tina Eberhardt prahlt als gewissenloser Moritz Spiegelberg gerne mit Gräueltaten, als Daniel mimt sie einen treu ergebenen Diener. Aaron Röll entkommt als Roller nur knapp dem Tod, als Hermann versucht er, sich mit Franz, dem neuen Grafen von Moor, gutzustellen. Auch Matthias Hermann wechselt vom Schloss bzw. später vom Hungerturm zur Räuberbande und mischt als Schufterle und Ratzmann mit.

Die zündenden Rocksongs begleitet Peter Baxrainer aus der Proszeniumsloge mit der Gitarre. Eva Musil (Bühne und Kostüme) hat acht Wohnräume auf Vitrinengröße geschrumpft und lässt diese Kästen über die Bühne tanzen. Das vermag, Intimität zu schaffen, symbolisiert (richtig gruppiert oder gedreht) aber auch die Weite des Schlosses bzw. die dunklen Wälder.

Sarah Henker gelingt mit ihrer Inszenierung eine moderne, verdichtete Fassung von Schillers Freiheitsdrama, in dem es um diverse Versuche der Rechtfertigung von Gewalt geht. Die emotionale Sprache, die zwischen Pathos und Vulgarität schwankt, erzeugt in Verbindung mit den rockigen Songs eine ganz besondere Intensität. Das Publikum konnte sich der Dynamik des Stückes nicht entziehen und feierte das junge Ensemble mit kräftigem Applaus.

„Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Inszenierung: Sarah Henker. Bühne und Kostüme: Eva Musil. Mit: Matthias Hermann, Skye MacDonald, Gregor Schulz, Nikola Jaritz-Rudle, Tina Eberhardt, Aaron Röll, Peter Baxrainer. Fotos: SLT/ © Anna-Maria Löffelberger

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Dorfladen

Über den Autor

Elisabeth Pichler
Geb. 1946 in Salzburg,1964 Matura im Realgymnasium. Abiturientenlehrgang HAK. 2000 Ausbildung zur ehrenamtlichen Bibliothekarin und seither in der öffentlichen Bibliothek Hallwang tätig. “Theater war schon immer meine große Leidenschaft und scheinbar ist es mir auch gelungen, diese Begeisterung an meine Kinder weiterzugeben.” Elisabeth Pichler besucht für die Dorfzeitung Theateraufführungen und Konzerte und liest neue Bücher.

1 Kommentar zu "„Die Räuber“ – rocken in den böhmischen Wäldern"

  1. Gestern standen “Die Räuber” im Rahmen meines Abos am Programm. Mir hat das Stück sehr gut gefallen, die flotte Inszenierung ließ die 2 Stunden schnell vergehen. Die Ensembleleistung war ausgezeichnet. Genossen habe ich auch den Schlussapplaus, es war schön mittendrinn zu sein.

    Die Coronamaßnahmen waren erträglich und gut organisiert. Gefehlt hat mir das Achterl “Nachbesprechungswein” beim Wirt´n, da ja die Gastronie coronabedingt um 22 Uhr zusperren muß. Aber das wird auch wieder anders. Es war auf jeden Fall ein schöner Start in den Kulturherbst!

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