„Hundesöhne“ – nach Agota Kristof – Schauspielhaus Foyer

Elisabeth Pichler. Die Reihe „FREMD.GEHEN – eine Landsuche“ bringt ausgewählte Texte aus unseren Nachbarländern in einer szenisch-musikalischen Umsetzung dem Publikum nahe. Arturas Valudskis und Maximilian Pfnür setzen sich diesmal mit dem Roman „Das große Heft“ der ungarisch-schweizerischen Schriftstellerin Agota Kristof  auseinander.

Agota Kristof (geb. 1935) wuchs in einer ungarischen Kleinstadt auf. 1956 floh sie zusammen mit ihrem Mann und ihrer vier Monate alten Tochter in die Schweiz. Sie erlernte die französische Sprache, in der sie seit den 1970er Jahren Bücher und Hörspiele verfasst. „Das große Heft“ (Le grand cahier) erschien 1986 und wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

„Das große Heft“ ist die Chronik einer Kriegskindheit und erzählt die Geschichte von Zwillingsbrüdern, die bei ihrer Großmutter, die im Dorf „die Hexe“ genannt wird, ohne jede Liebe und Zärtlichkeit aufwachsen. Für ihre Mitmenschen sind sie nur „die Hexensöhne“ und „die Hurensöhne“. Doch nicht nur die häusliche Atmosphäre ist von Kälte und Grausamkeit geprägt, der Krieg rückt immer näher und, je mehr die Brüder mit Gewalt und Unmenschlichkeit in Berührung kommen, umso mehr stumpfen sie ab. Sie versuchen sich abzuhärten, indem sie nicht nur Tieren, sondern bald auch sich selbst Schmerz zufügen. Wie ein Mantra wiederholen sie immer wieder: „Das tut nicht weh.“ Ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Beobachtungen halten sie dabei in einem großen Heft fest.

Maximilian Pfnür verkörpert diese Zwillingsbrüder, die im Buch erst neun Jahre alt sind. Mit  einfachen, schlichten Worten, die wie ein vorgelesener Kinderaufsatz klingen, lässt er tief in die verletzten Seelen der Kinder blicken. Wenn er jedoch das Mikrofon zur Hand nimmt und die Tonlage ändert, klingen seine Schilderungen eher wie Reportagen, die aber gleichfalls unter die Haut gehen. Des Öfteren  kehrt Pfnür dem Publikum den Rücken zu und berichtet von einer Flucht über Minenfelder, deren tragischer Ausgang den Abend beendet. Mit ausdrucksstarker Mimik schafft er es, der düsteren Geschichte sogar komische Elemente zu entlocken – ein sehr intensives Spiel, eine grandiose Leistung. Arturas Valudskis, der das Stück in Szene gesetzt hat, sorgt für die musikalische Untermalung und singt mit rauer Stimme martialisch klingende Lieder, die die beklemmende Atmosphäre noch verstärken.

Agota Kristofs Antikriegsbuch zeigt auf, welch schrecklichen Auswirkungen der Krieg nicht nur auf die Soldaten, sondern auch auf die Zivilbevölkerung und vor allem auch auf Kinder hat. Ein sehr vielschichtiger Abend, der dem Publikum zu denken gibt. Ein 50-minütiges Plädoyer gegen den Krieg und die Brutalität des Lebens.

Hundesöhne“ – nach Agota Kristof / Bühnenfassung, Regie, Komposition, Gesang: Arturas Valudskis / Schauspiel: Maximilian Pfnür, Arturas Valudskis / Fotos: Tobias Kreft

Weitere Termine: 18., 21.,23. und 24. März 2011

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