„Usher“ – ein zeitloser Alptraum

Der US-amerikanische Autor Edgar Allan Poe (1809 – 1849) hatte großen Einfluss auf den Symbolismus, die Entwicklung der phantastischen Literatur und der Kriminalliteratur. Eine Bühnenfassung seiner Kurzgeschichte „Der Untergang des Hauses Usher“ feierte am 5. Oktober 2017 im OFF Theater gruselige Premiere.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Das Publikum erfasst beim Betreten des Saales ein „frostiges Erschauern“, hervorgerufen durch eine „übersteigerte Atmosphäre des Grauens“, denn das Ensemble hat sich große Mühe gegeben und mit viel Liebe zum Detail das Interieur eines uralten Schlosses aufgebaut. Weiße Tücher ersetzen die morschen Mauern mit ihren blicklosen Fensteraugen, Unmengen von alten Büchern liegen verstreut am Boden. Selbst der Wind zaubert eine schaurige Melodie. Hier also leben die letzten Erben eines im Sterben liegenden Geschlechts, der kränkliche Roderick Usher und seine ebenfalls sieche Zwillingsschwester.

Roderick bittet einen Freund aus Kindertagen zu sich aufs Schloss. Er ersucht ihn um Beistand, leide er doch schwer unter mysteriösen Heimsuchungen und phantastisch suggestiven Wahngebilden. Er glaubt, seine Probleme seien bloß eine Nervenangelegenheit, eine krankhafte Verschärfung seiner Sinne. Der Besucher muss hilflos zusehen, wie Roderick  von Albträumen gequält rastlos herumirrt und sich sein Geist immer mehr trübt. Nachdem der Schlossherr seine Schwester in der Familiengruft beerdigen musste, kommt es in einer schauerlichen Gewitternacht zum finalen Showdown.

Max Pfnür verkörpert eindrucksvoll den von Ängsten gepeinigten Roderick, der dem Wahnsinn nahe, einem unausweichlichen Schicksal entgegenwankt. Jonas Zacharias muss als namenloser Besucher den düsteren Totentanz miterleben und beeindruckt durch die Rezitation betörend schöner, romantischer E. A. Poe-Texte. Benjamin Linse darf als junger Roderick noch mit Murmeln spielen, bevor er als Todesengel die Bewohner des Schlosses umkreist. Rodericks Zwillingsschwester Madeline taucht nur als Schatten auf, bevor sie in Tücher gehüllt in der Gruft verschwindet.

Alex Linse gelingt es mit dieser Inszenierung perfekt, das Publikum mit E. A. Poes düsteren Angstgespinsten zu umgarnen. Er lässt phantastische Bilder entstehen, die man so schnell nicht vergessen wird. Zu der überaus gelungenen Performance trägt auch Milan Stojkovic mit seinen Improvisationen am Klavier bei. Ein Gesamtkunstwerk, ein empfehlenswerter Gruselabend voll Schönheit und Schrecken.

„Usher“ nach E. A. Poe. Uraufführung. Regie: Alex Linse. Textfassung: Max Pfnür. Ausstattung: Ensemble. Maske: Andrea Linse. Kostüme: Abozar Hussaini. Mit: Max Pfnür, Jonas Zacharias und Benjamin Linse. Klavier/Komposition/Improvisation: Milan Stojkovic. Madelines Stimme: Natalie Siegl. Foto: OFF Theater

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