Gefährliche Momente (1)

Erste Autopanne - alles aussteigen | Alle Bilder: Wolfgang Bauer und Archiv Bauer

USA – Grand Canyon

Wenn ich auch in früherer Zeit aus finanziellen Gründen nur selten größere Reisen unternehmen konnte, so scheitert es heute meistens an der nötigen Gesundheit. Trotzdem gab es bei den seltenen Unternehmungen früher immer wieder Situationen, die nicht ungefährlich waren. Eines reizte mich nämlich nie, nur faul in der Sonne liegen oder nur Nächte durchfeiern. Es sollte schon immer etwas sein abseits der Touristenströme.

Im Jahr 1971 besuchte ich meinen Bruder in Los Angeles, Kalifornien. Ein Jahr vorher hatte es dort ein schweres Erdbeben gegeben, das sogar die mehrstöckigen Highways zusammenstürzen ließ. Immer wieder gab es auch stärkere Nachbeben. Ob dieses Beben im Vorjahr schon das stärkste war oder ob da noch etwas Stärkeres entlang des San Andreas Grabens folgen könnte, traute sich niemand vorherzusagen. Mein Bruder erklärte mir jedenfalls, wie man sich im Ernstfall verhalten sollte.

Grand Canyon abseits der Aussichtspunkte

Natürlich besuchten wir verschiedene Plätze, die man einfach nicht auslassen kann. So stand ein Besuch im Yosemite Nationalpark auf dem Programm, wo unter anderem die riesigen jahrtausendealten Bäume lockten. Eine weitere Tour führte uns durch die Mojave Wüste, zum Hoover Dam (Stauwerk) – auch Las Vegas wurde besucht. Höhepunkt war aber der Besuch des Grand Canyon. Wir kamen früh am Morgen am Rand dieses gewaltigen Naturwunders an.

Um ein besonderes Foto von einer tiefen Schlucht abseits der Aussichtspunkte zu bekommen, ging ich auf eine etwas abseits gelegenen Felsnase, die über die Abbruchkante hinausragte. Da kribbelte es doch etwas in den Fußsohlen.

Auf dem Foto, das mein Bruder aus der Ferne davon machte, sah ich erst, wie rissig das Gestein dort ist – hunderte Meter über dem Abgrund. Was wäre gewesen, wenn diese Nase durch mein Gewicht abgebrochen wäre, wenn es ein erneutes Nachbeben gegeben hätte, das auch hier spürbar war, wenn der Felsen rutschig gewesen wäre, oder…

Tunesische Wüste

Im Jahr 1989 machte ich mit Frau und Tochter Urlaub in Tunesien, das damals noch sehr friedlich war. Bei einer mehrtägigen Tour durch die Wüste fuhren wir, eine größere Gruppe, aus der Oase Zarzis, mit zwei Landrovern, besetzt mit jeweils zehn Leuten, mit minimalem Gepäck los.

Die erste Station war Matmata, die Stadt, in der die Bewohner in Höhlen leben. Hier wurde ein Teil des Filmes „Krieg der Sterne“ gedreht. Von hier sollte es dann weiter über einhundert Kilometer auf Sand- und Schotterpisten durch die Wüste gehen. Bald hatte unser Auto die erste Reifenpanne. Alles aussteigen! Alle hatten sich vorher schon mit der entsprechenden, einheimischen Kopfbedeckung versorgt. Während wir warteten, hatten wir Zeit, im Sand neben der Piste zwischen unseren Beinen Spuren von Skorpionen zu bewundern. Dann ging es weiter. Nach fünfzig Kilometern blieben wir bei einem „Cafe“ stehen. Ein einsamer Mann hatte dort ein Sonnendach aufgestellt und verkaufte warmes Mineralwasser und Cola, Kühlung gab es natürlich keine. Wovon der Mann lebte bleibt ein Rätsel, denn auf der ganzen Strecke begegnete uns niemand.

Sonnenschutz wie die Einheimischen

Auf der Weiterfahrt lag ein totes Pferd mitten auf der Straße. Kurz darauf die nächste Reifenpanne! Wir mußten das Reserverad des zweiten Landrovers nehmen. Jetzt wurde es eng. Bei einer erneuten Panne hätte eines der Autos zurückbleiben müssen. Satellitentelefone waren damals noch Zukunftsmusik. Unser Wasservorrat war auch nicht allzu groß. Nicht gerade zur Beruhigung tauchte bei einer wandernden Düne ein Totenschädel auf, den der Wind freigeblasen hatte.

Cola-saufendes Kamel mit Andreas Kappe

Ziemlich erleichtert kamen wir in der Oase Douz an. Wir waren in einem modernen Hotel mit Klimaanlage und zwei Pools untergebracht. Vor dem Abendessen nahmen wir noch an einem Ausflug mit Kamelen in die Wüste teil.

Wanderdünen

Am nächsten Tag ging die Reise durch den Chott el Djerid. Die 7000 km2 große Salzwüste liegt 8 Meter über dem Meeresspiegel, dort wächst kein Halm oder Strauch. Die bereits von den Römern besiedelte Oase Nefta, rundum bedrängt von Sanddünen, war unser nächstes Ziel. Am Nachmittag weiter durch den Schott el Rharsa, 7 Meter unter dem Meeresspiegel, zu der Bergoase Chebika. Kaum zu glauben, aber diese kleine Siedlung wird von einem kleinen Bächlein versorgt, das an einem Berghang entspringt.

Kamelritt

Die Fahrer drängten zur Weiterfahrt, da ein Sandsturm heraufzog. Durch Canyons kamen wir zu einer Schlucht, in der es tatsächlich mitten in der Wüste ein kleines Bächlein gab, das hier über einen zehn Meter hohen Wasserfall stürzte. Die weitere Reise ging über die Oase Tamerza mit 1200 Jahre alten Bauten bei leichtem Regen nach Gafsa ins Hotel.

Die Felsenwohnungen in Matmata

Am letzten Tag ging die Fahrt über die Oase Gabes nach Medellin mit seinen 300 Jahre alten Getreidespeichern. Auf der Rückfahrt zum Hotel kamen wir noch in eines der seltenen Gewitter und müssen zu den zehn Personen auch noch das ganze Gepäck, das sonst auf dem Dach befestigt war, ins Innere holen.  Nicht gerade komfortabel, weil ich sowieso mit dem Kopf dauernd am Dach anstieß. Die ganze Reise nicht ungefährlich, auch wegen der Grenzstreitigkeiten mit Algerien, da wir nahe an der Grenze vorbeikamen. Aber weit besser als nur Badeurlaub.

Grenze Böhmerwald – Bayern 1992

Buchwald – mit oder ohne Tretminen?

Seit vielen Jahren schon befasse ich mich mit Ahnenforschung. Es hatte einige Zeit gedauert, bis ich den Herkunftsort meiner Vorfahren im Böhmerwald fand. Es war Buchwald (heute Bucina), ein kleines Bauerndorf direkt an der bayerischen Grenze, durch das früher ein Säumerweg, der Goldene Steig, nach Böhmen führte. Buchwald war in rund 1180 Meter die höchstgelegene Gemeinde Böhmens gewesen. Man sagt, hier sei acht Monate Winter und vier Monate sei es kalt.

Buchwald. Rechts das Haus meines Urgroßvaters Ferdinand Bauer. Im Hintergrund der Nachbarort Fürstenhut

Bis zum Ende der kommunistischen Herrschaft im Jahr 1989 war dieses Gebiet entlang der Grenze Sperrgebiet. Meine spätere Frau und ich machten 1976 einen Besuch in Aussergefild (Kvilda) der früheren Nachbargemeinde von Buchwald, etwa sechs Kilometer davon entfernt. Tafeln mit der Aufschrift „Pozor“ (Gefahr) warnten die Besucher davor, auf die zur Grenze führende Wiese oder Straßenseite zu gehen. Man munkelte, dort sei alles vermint und von Zöllnern kontrolliert.

Pozor! Tafeln warnten vor dem Verlassen der Straße

So standen wir also in Aussergefild an der Brücke über den Bach, der dort die Grenze zu dem gesperrten Gebiet bildete und starrten auf den riesigen Wald, hinter dem Buchwald lag.

Im Jahr 1992 unternahmen wir den nächsten Versuch, das Land meiner Vorfahren zu besuchen. Der Kommunismus war seit drei Jahren Geschichte, jetzt sollte ein Besuch von Buchwald möglich sein. Als wir zu jener Brücke in Aussergefild kamen, wo wir damals umkehren mußten, standen wir wieder vor einem Fahrverbotsschild. Aus einer nur in Tschechisch beschriebenen Tafel konnten wir mühsam herausfinden, dass das ganze Gebiet entlang der Grenze jetzt Nationalpark war. Sollten wir wieder umsonst so weit gefahren sein?

Die Ruine des Hotels

Nachdem weit und breit niemand zu sehen war, setzten wir uns wieder ins Auto und fuhren auf der halbwegs gut erhaltenen Straße in Richtung Buchwald. Nach kaum einem Kilometer kam uns ein Jeep entgegen, dessen Insassen uns deuteten, wir sollten  stehenbleiben. Es waren zwei junge Parkwächter, die kein Wort deutsch sprachen. Sie erklärten uns wohl, dass hier Fahrverbot sei. Wir zuckten die Achseln und erklärten ihnen gestenreich in Deutsch, dass wir so weit gefahren seien und unbedingt nach Bucina müssten. Nach zehn Minuten Erklärungen beiderseits gaben die Beiden auf und deuteten uns: „Macht was ihr wollt“.

Mauerreste der früheren Häuser

Wir fuhren also weiter und kamen in das nicht mehr existente Dorf meiner Ahnen. Alle Häuser waren zerstört worden, höchstens meterhohe Mauern fand man noch, auf denen sich schon kräftige Bäume angesiedelt hatten. Nur den Rohbau eines Hotels gab es noch, das ein Tscheche dort einst bauen wollte.

Unser Parkplatz in Buchwald
100 Meter weiter: Die gesperrte Straße bei Buchwald 1951. Radierung von Alfred Kubin

Bis zur Rückkehr nach Aussergefild trafen wir keinen einzigen Menschen mehr. Später erfuhren wir, dass dort keine Minen verlegt worden waren, wohl aber hatten die Zöllner auf Leute geschossen, die illegal über die Grenze wollten.

Lange undenkbar: Die Grenze ist bei Buchwald für Wanderer 1996 offen.
Ein Fuß in Bayern, einer in Tschechien neben dem Grenzübergang 1996

Heute ist Buchwald ein Touristenziel für Wanderer und Radfahrer. Das schon fast verfallene Hotel ist 45 Jahre nach dem Beginn fertiggebaut worden und ein Stück nachgebauter Stacheldrahtzaun erinnert an den kalten Krieg.

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Dorfladen

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