Vieh – Nutztier, Zahlungsmittel und Schimpfwort

Weiderinder

Nutzvieh - Weiderrinder | Foto: Karl Traintinger| Dorfbild.com

Mit dem Wort Vieh wurden ursprünglich Kleinvieh und Schafe bezeichnet und erst im weiteren Zeitverlauf auch größere Nutztiere. Das Vieh war jedoch nicht nur ein Nutztier, sondern auch ein wichtiges Tausch- und Zahlungsmittel.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

In den ältesten Belegen aus dem 8. Jahrhundert wird das Wort Vieh überwiegend als kollektive Bezeichnung für zahme Nutztiere verwendet, die dem Menschen Nahrung und Material für Kleidung lieferten. Neben diesem kollektiven Gebrauch von Vieh konnte das Wort aber auch als Bezeichnung für ein einzelnes Tier verwendet werden. Schon früh wurde Vieh nicht mehr nur für Kleinvieh und Schafe verwendet, sondern auch für andere Nutztiere. Durch diese Ausweitung wurde das Wort Vieh zu allgemein und zu unspezifisch. Deshalb entstanden zur sprachlichen Unterscheidung der verschiedenen Tiere genauere Bezeichnungen, wie zum Beispiel Federvieh, Rindvieh oder Kuhvieh, Schafvieh, Rossvieh, Geißvieh, Schweinvieh oder Borstenvieh.

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Auch die unterschiedliche Nutzung der Tiere fand ihren sprachlichen Niederschlag. Das Mastvieh ist das Vieh, das gemästet wird, das Schlachtvieh ist das Vieh, das geschlachtet wird im Gegensatz zum Lebvieh, das aufgezogen wird, um es leben zu lassen.

Und auch in Bezug auf die Größe der Tiere wird sprachlich zwischen Großvieh und Kleinvieh unterschieden. Der Ausdruck Kleinvieh findet sich auch im allgemeinen Sprachgebrauch in der Redensart auch Kleinvieh macht Mist mit der Bedeutung „auch kleinere Erträge sind von Nutzen, weil sie sich zu größeren summieren“.

Das Nutzvieh diente jedoch nicht nur zur Produktion von Nahrungsmitteln und Materialien, wie Wolle oder Leder, sondern war auch ein wichtiges Tausch- und Zahlungsmittel. So waren jene, die einen großen Viehbestand besaßen, die Reichen und Vermögenden. Das lateinische Wort pecunia „Vermögen“ leitet sich daher von lateinisch pecus „Vieh, Kleinvieh“ ab. Als das Zahlungsmittel Vieh durch Geld und Münzen abgelöst wurde, erhielt pecunia die Bedeutung „Geld“. Das wohl bekannteste Zitat mit dem Wort pecunia ist ein Ausspruch des römischen Kaisers Vespasian (9-79 n. Chr.), der zur Erhöhung der Staatseinnahmen eine Latrinensteuer einführte. Als er von seinem Sohn dafür kritisiert wurde, antwortete er ihm pecunia non olet „Geld stinkt nicht“. Das Wort pecunia hat sich bis heute in unserem Wort pekuniär „das Geld betreffend; finanziell“ erhalten. Aber nicht nur die Römer zahlten einst mit Vieh. Auch im Englischen ist bis heute ein Nachklang dieser alten Zahlart in dem Wort fee „Gebühr, Honorar“ erhalten, das auf das altenglische Wort feoh „Vieh“ zurückgeht.

Da das Vieh lange mit Dummheit, Unvernunft und Rohheit gleichgesetzt wurde, entwickelte sich das Wort Vieh mit der Zeit auch zu einem Schimpfwort für Menschen mit der Bedeutung „roher, brutaler Mensch“. Aber auch in Zusammensetzungen finden sich Schimpfwörter, wie zum Beispiel Rindvieh „dummer Mensch“ oder Rabenvieh „schlechter Mensch, böse Frau“. Dieser abwertende Gebrauch von Vieh wirkte sich auch auf die Bezeichnung der Ärzte aus, die kranke Tiere behandeln. War ursprünglich die Bezeichnung Vieharzt üblich, wurde diese ab dem 18. Jahrhundert nach und nach durch Tierarzt ersetzt.

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Dorfladen

Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

4 Kommentare zu "Vieh – Nutztier, Zahlungsmittel und Schimpfwort"

  1. Wie kommt es dann zur “blöden Kuh?”

  2. Wolfgang Ecker Wolfgang Ecker | 6. April 2020 um 18:17 |

    Ich lese diese etymologischen Erläuterungen immer sehr gerne!

  3. Michaela Essler Michaela Essler | 8. April 2020 um 13:43 |

    Lieber Wolfgang Ecker, vielen lieben Dank – das freut mich sehr!

  4. Michaela Essler Michaela Essler | 8. April 2020 um 14:17 |

    Lieber Janus
    Bei abwertenden Vergleichen mit Rindern zeigt sich eine geschlechtsspezifische Verteilung zwischen den Worten Kuh und Ochse. Frauen werden als Kuh beschimpft, Männer als Ochse oder Hornochse. Beide Schimpfwörter können beliebig mit Adjektiven verstärkt werden. So zum Beispiel blöde Kuh, dumme Kuh, fette Kuh usw. oder blöder Ochse, hirnloser Hornochse, dämlicher Hornochse, usw.

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