„Zweifel – eine Parabel“
Schauspielhaus Salzburg

Das Stück spielt im Jahre 1964 an einer katholischen Schule in New York. Schwester Aloysius, die prinzipientreue Direktorin, wacht mit Argusaugen über die ihr anvertrauen Jungen. Zu Beginn stellt sie die junge, engagierte Lehrerin Schwester James zur Rede, deren Unterrichtsmethoden ihr gar nicht zusagen. Kunst- und Musikunterricht hält sie für pure Zeitverschwendung. Sie wirft der verunsicherten Schwester Einfalt („Einfalt ist Trägheit“) und Zufriedenheit („Zufriedenheit ist ein Laster“) vor und rät zu mehr Strenge und  Wachsamkeit. Der junge und allseits beliebte Vater Flynn ist ihr nicht nur wegen seiner fortschrittlichen Ansichten ein Dorn im Auge, auch dass er sich so rührend um seinen neuen Messdiener, den ersten schwarzen Schüler, kümmert, weckt ihr Misstrauen. Als ihr Schwester James in aller Unschuld meldet, dass sich dieser in letzter Zeit etwas merkwürdig verhalten habe, sieht sie ihren Verdacht bestätigt und eine Hetzjagd beginnt.

Daniela Enzi spielt die strenge und gefürchtete Schwester Oberin eindringlich und glaubwürdig. Sie ist zwar absolut kein Sympathieträger, kennt man ihre altmodischen Ansichten nur zu gut aus vergangenen Schulzeiten. Autorität war damals wichtig und durfte auch nicht in Frage gestellt werden. Doch neben ihrer fundamentalistischen Strenge darf sie ab und zu auch Herz zeigen, wenn sie sich etwa um ihre alte, fast erblindete Mitschwester sorgt. Der engagierten, etwas naiven, jungen Schwester James (Constanze Passin) wird ihre Begeisterungsfähigkeit jedoch schnell ausgetrieben und somit die Freude an ihrem Beruf genommen. Vater Flynn (Antony Connor) macht sich ständig verdächtig, doch sind es eher Kleinigkeiten, die eigenartig anmuten: seine Predigt über Glaubenskrisen und Zweifel, seine Vorliebe für etwas längere Fingernägel, ja sogar die drei Stück Zucker, die er in seinen Tee nimmt, wirken in dieser asketischen Umgebung fast obszön. Seinen lautstark und hochemotional vorgetragenen Unschuldsbeteuerungen möchte man fast Glauben schenken. Oder ist es doch besser zu zweifeln? Grandios auch Bernadette Heidegger als Mutter des Jungen, die mit der Sache absolut nichts zu tun haben will, hat sie doch zu Hause Probleme genug.

Die Bühne (Tobias Kreft) wird von einer verformten Kirchenwand umschlossen, die zugreift, umschließt und jederzeit niederstürzen könnte, ein Sinnbild für die Enge der katholischen Kirche. Die Ordenskostüme sind abstrakt, doch versucht Schwester Aloysius ihrer inneren und äußeren Kälte mit einem dicken, wärmenden Schal entgegenzuwirken.

„Zweifel“ ist ein intelligentes Kammerspiel, ein böses und provokantes Psychodrama, welches Fragen aufwirft über den Umgang mit Verdacht, Schuld und Verurteilung. Ein brisantes, hochaktuelles Thema, eine ungemein dichte Inszenierung (Robert Pienz), ein Abend der Zweifel aufkommen lässt und noch lange nachwirkt.

„Zweifel – eine Parabel“ – John Patrick Shanley, Österreichische Erstaufführung/ Deutsch von Daniel Call / Regie: Robert Pienz / Ausstattung: Tobias Kreft / Dramaturgie: Birgit Lindermayr / Mit: Daniela Enzi, Constanze Passin, Antony Connor, Bernadette Heidegger / Alle Fotos: Eva-Maria Griese


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