Extrawurst – Sarkasmus ist das Tor zur Hölle

Extrawurst

Salzburger Strassentheater - Extrawurst | Alle Fotos: Karl Traintinger, Dorfbild - Aufgenommen bei der Aufführung am 19. 7. 2022 im Minnesheimpark in Salzburg Gnigl

Georg Clementi serviert dem Straßentheater-Publikum heuer eine äußerst aktuelle Dramödie, ein komödiantisches Drama, der bekannten deutschen Comedy-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob. Bei der Premiere am 14. Juli 2022 auf der Stiegl-Festwiese sorgte die konfliktreiche Multikulti-Komödie bei strahlendem Sonnenschein für beste Unterhaltung. Ein toller Start, bei dem ich das erste Mal die malerischen Rosse zu Gesicht bekam, sehr urig.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Die Mitgliederversammlung des STTC (Straßentheater Tennis Club) wird vom Präsidenten, Herbert Rössmann, flott durchgepeitscht, es wartet ja schließlich noch ein Buffet. Sein Vize, Matthias Scholz, präsentiert voll Stolz den neuen Gasgrill XQ3010. Er hat sich wirklich viel Mühe mit den Diagrammen gegeben. Auch diese Anschaffung ist schnell genehmigt, der alte Grill ist ja schon so verrostet, dass er krebserregend sein könnte. Melanie macht jedoch darauf aufmerksam, dass Erol, der mit ihr im gemischten Doppel so erfolgreich ist, als Moslem keine Wurst von einem Grill verzehren darf, auf dem Schweinewürste liegen. Erol hat damit zwar kein Problem, doch Melanie ist hartnäckig: „Ein zweiter Grill muss her!“ Herbert hätte da am Dachboden noch einen kleinen, ganz neuen Elektrogrill, der wäre doch was für die „Türkenwurst“. So nach und nach wird auch der gutmütige Erol etwas verstimmt, denn dieser kleine Elektrogrill würde neben dem Monster XQ3010 doch etwas nach Türken-Charity schmecken. Da mischt sich auch noch Melanies Ehemann Lukas ein und fordert einen eigenen Grill für Vegetarier. Der Konflikt schraubt sich immer mehr hoch und so bekämpfen sich bald Atheisten und Gläubige, Gutmenschen und Hardliner. Bald geht es um wesentlich mehr als um einen Grill. Der Präsident hat schließlich die Nase voll, verlässt verärgert die Sitzung und fährt unter dem Gelächter des Publikums bzw. der Vereinsmitglieder mit dem Auto auf und davon. Auf diesen Moment hat Matthias nur gewartet, jetzt endlich ist er Präsident und hat das Sagen.

Alex Linse ist mit Leib und Seele Präsident des STTC, da ist es ganz natürlich, dass er kurz nach seiner spektakulären Abdankung als normales Mitglied wieder auftaucht. Er will doch sehen, ob dieser Verein ohne ihn überhaupt funktionieren kann. Geradezu euphorisch stürzt sich sein Vize (Alexander Gerlini) auf den neuen Job. Ob er sich auch durchsetzen kann, ist eine andere Sache. Die Vorpremiere am Lehrbauhof musste kurzfristig wegen der Erkrankung von Jakob Kücher, der Erol spielen sollte, abgesagt werden. Für Paul Clementi, der seit zwei Jahren in Wien Schauspiel studiert, ein Glücksfall. Er gestand mir, dass es für ihn nichts Schöneres gäbe, als kurzfristig einzuspringen und sich so die ganze mühsame Probenzeit zu ersparen. Er nutzte die abgesagte Vorpremiere zu einer Probe und packte die Premiere mit Textbuch in der Hand bravourös. Karoline Troger kann sich als Melanie so richtig in Rage reden, während ihr etwas träger Mann (Thomas Pfertner), bekennender Atheist und Vegetarier, anscheinend nichts dagegen hat, dass seine Frau ständig mit Erol im Doppel spielt.

Georg Clementi hat bei der missglückten Mitgliederversammlung des STTC das Publikum geschickt miteinbezogen. In einer kurzen Pause, in der junge Blasmusiker für Stimmung sorgen, durchstreift Melanie die Sitzreihen, um das Publikum von der Notwendigkeit eines zweiten Grills zu überzeugen. Zum Finale fordert der Vorstand zur Abstimmung auf.

„Schenken Sie uns Ihr Urteil! Und wenn Sie am Ende finden, diese Versammlung hat Ihren Alltag ein klein wenig bereichert, dann schenken Sie uns Ihren Applaus.“ (Georg Clementi)

Die 2019 im Hamburger Ohnsorg Theater uraufgeführte Dramödie „Extrawurst“ attackiert mit viel Witz den Zeitgeist und balanciert gekonnt zwischen Political Correctness und gesundem Menschenverstand. Kein Wunder, dass das Stück schnell zum Theaterhit wurde.

Sämtliche Termine: https://www.kulturvereinigung.com/de/Strassentheater/Inszenierung-2022

„Extrawurst“ – Dramödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob. Inszenierung: Georg Clementi. Ausstattung: Alex Linse, Harald Schöllbauer. Regieassistenz und Requisite: Kerstin Glachs. Musik: Ensembles aus Stadt und Land Salzburg. Mit: Alex Linse, Alexander Gerlini, Paul Clementi (Jakob Kücher), Karoline Troger, Thomas Pfertner.

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Über den Autor

Elisabeth Pichler
“Theater war schon immer meine große Leidenschaft und scheinbar ist es mir auch gelungen, diese Begeisterung an meine Kinder weiterzugeben.” Elisabeth Pichler besucht für die Dorfzeitung Theateraufführungen und Konzerte und liest neue Bücher.

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