Salzburger Straßentheater: Nestroy – Der Zerissene

Foto: Neumayr/MMV 20.07.2010

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Elisabeth Pichler. In dieser satirischen „Posse mit Gesang“ geißelt Nestroy mit beißendem Spott und virtuoser Sprachkunst die menschlichen Schwächen, die über die Jahrhunderte hinweg gleich geblieben sind. „Nestroy ist deshalb so zeitlos, weil sein Pessimismus gegenüber seiner Zukunft von unserer Gegenwart bestätigt wird.“ (Klaus Gmeiner)

Herr von Lips, ein zynischer und blasierter Reicher, fühlt sich als „Zerrissener“ und weiß nichts mit sich und seinem Geld anzufangen. Ihn plagt die Langeweile, seinen Reichtum empfindet er als Verhängnis. Außerdem ist er ziemlich naiv, da er nicht bemerkt, dass seine angeblichen Freunde nur hinter seinem Geld her sind und er ihnen als Person nichts bedeutet. Um Abwechslung in seinen trüben Alltag zu bringen, kommt er auf die Idee, die erste Frau, die ihm begegnet, zu heiraten. Doch diese Madame Schleyer, die da als Erste an seine Tür klopft, ist einigen seiner Freunde durchaus bekannt und entpuppt sich als die von Schlosser Gluthammer gesuchte Mathilde. Nun kommt es zwischen Lips und Gluthammer zu einer handfesten Auseinandersetzung, sie stürzen beide vom Balkon in einen Fluss, werden abgetrieben und für tot gehalten.

Foto: Neumayr/MMV 20.07.2010

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Tatsächlich haben beide jedoch überlebt, halten aber den jeweils anderen für tot und sich somit für einen gesuchten Mörder. Da sich beide im Wirtschaftsgebäude des Pächters Krautkopf verstecken, sind Turbulenzen und Verwicklungen vorprogrammiert. Als neu eingestellter Knecht muss Lips nun erfahren, wie man wirklich über ihn denkt, denn seine einst so treuen Freunde empfinden keinerlei Trauer über seinen Tod, sie freuen sich nur über den bevorstehenden Reichtum. Zum Glück gibt es da noch sein Patenkind, die „liebe Kathi“.

Die größten Schauspieler haben sich an den köstlichen Charakteren dieses gleichermaßen komischen wie geistreichen Spiels des Zufalls versucht. Das Ensemble des Salzburger Straßentheaters braucht einen Vergleich nicht zu scheuen. Leo Braune überzeugt sowohl als gelangweilter Herr von Lips, als auch als unglücklicher, gedemütigter Knecht. Clemens Berndorff und Alexander Popovic umschwänzeln ihn erst als schleimige Freunde, bis sie ihr wahres Gesicht zeigen. Matthias Christian Rehrl ist ein kraftvoller Schlosser, dem es ganz schön zusetzt, plötzlich „ein Kriminal“ und gesuchter Mörder zu sein. Kein Wunder, dass Peter Josch als Pächter Krautkopf bei all dem Wirbel ständig von Kopfweh geplagt wird. Neben der berechnenden Angela Schneider als männerverschlingender Madame Schleyer glänzt Martina Ebm als herzensgute Patentochter Kathi.

Foto: Neumayr/MMV 20.07.2010

Foto: Neumayr/MMV 20.07.2010

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Ein Nestroy-Stück lebt auch von seinen Couplets. Walter Müller zeichnet für die aktuellen Zusatzstrophen verantwortlich, die Salzburger „Poller-Misere“ darf da natürlich nicht fehlen. Für die musikalische Umrahmung sorgen Helmuth Gubi (Klarinette), Tanja Weinberger (Fagott) und Marlies Fürst (Akkordeon). Der phantasievoll gestaltete Thespis-Karren (Bernd Dieter Müller) lässt sich mit ein paar Handgriffen umbauen. So wird aus der Dachterrasse in Windeseile eine Weide mit beeindruckendem Bergpanorama im Hintergrund und aus dem eleganten Zimmer im Schloss eine einfache, bäuerliche Stube.

Es ist immer wieder bewundernswert, wie es Klaus Gmeiner schafft, Bühnenwerke für das Salzburger Straßentheater so zu bearbeiten und zu komprimieren, dass sie nichts an Aussagekraft verlieren.  „Der Zerrissene“ kommt  heuer insgesamt 40 Mal zur Aufführung in Stadt und Land Salzburg und auch im benachbarten Bayern.  Eineinhalb Stunden pures Vergnügen. Es ist nur zu hoffen, dass der Wettergott möglichst oft ein Einsehen hat.

„Der Zerrissene“ – Posse mit Gesang von Johann Nepomuk Nestroy, Musik von Adolf Müller/Helmuth Gubi, Fassung für das Salzburger Straßentheater von Klaus Gmeiner, Inszenierung: Klaus Gmeiner, Ausstattung: Bernd Dieter Müller, mit: Leo Braune, Clemens Berndorff, Angela Schneider, Matthias Christian Rehrl, Petr Josch, Martina Ebm, Olaf Salzer, Boris Popovic, Alexander Korobko

Foto: Neumayr/MMV 20.07.2010

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