„Die Niere“ – Ist eine Organspende ein Liebesbeweis?

Strassentheater

Seit der Premiere am 13. Juli 2023 auf der Stiegl Festwiese tourt das Salzburger Straßentheater wieder durch Stadt und Land Salzburg, mit einem Abstecher ins benachbarte Freilassing. Die turbulente und intelligente Komödie des österreichischen Autors Stefan Vögl gehört zu den meistgespielten Stücken im deutschen Sprachraum und wurde erfolgreich verfilmt. Trotz der hitzigen Diskussionen rund um ein heikles Thema ein großer Spaß und beste Unterhaltung. Viel Applaus und beste Stimmung bei der Vorpremiere im Lehrbauhof.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Schon der Auftakt verheißt nichts Gutes, denn auf der Dachterrasse, noch in roten Latzhosen vom Aufbau, wird „Love and marriage“ geträllert. Es ist der bekannte Titelsong aus der Sitcom „Eine schrecklich nette Familie“, in der es nicht gerade harmonisch zugeht. Der erfolgreiche Architekt Arnold hat heute allen Grund zu feiern, denn sein grandioser, spektakulärer Diamond Tower wurde endlich bewilligt. Doch der Befund der Vorsorgeuntersuchung seiner Gattin Kathrin trübt die Stimmung. Sie braucht dringend eine neue Niere. Als Arnold merkt, dass sie an ihn als Spender gedacht hat, reagiert er äußerst ungeschickt. Kein Wunder, dass Kathrin schon bald seine Niere gar nicht mehr will. Da kann er noch so oft behaupten: „Ich habe noch gar nicht nein gesagt!“

Eigentlich wollten sie ja mit Diana und Götz, einem befreundeten Ehepaar, den Abend genießen, doch Arnold verplappert sich und nun gibt es nur noch ein Thema: „Die Niere“. Die Stimmung wird zunehmend gereizter, als der gutmütige Götz sich spontan bereit erklärt, Kathrin seine Niere zu überlassen. Damit ist seine Gattin so gar nicht einverstanden. Sie habe da doch schließlich auch noch ein Wörtchen mitzureden und berichtet genauestens über die Worst-Case-Szenarien einer Transplantation auf. Als aber plötzlich der phallische Tower des Stararchitekten im Mittelpunkt steht, kippt die Stimmung vollends.

Georg Clementi hat Stefan Vögels Komödie für das Salzburger Straßentheater bearbeitet, führt Regie und steht als gestresster Architekt Arnold auf der Bühne. Der liebt seinen protzigen Tower eindeutig mehr als seine Gattin Kathrin (Anja Clementi). Deren „emotionales Verlangen“ nach seiner Niere überfordert ihn völlig. Er kann einfach nicht verstehen, dass sie sein Zögern so negativ auffasst und sogar an seiner Liebe zweifelt. Für ihn sind 20 Jahre Ehe Beweis genug. Sein Freund Götz (Alex Linse), eine absolute Frohnatur, versteht die ganze Aufregung nicht: „Mein Gott, seid ihr alle kompliziert!“ Die stets korrekte, doch nicht sehr diplomatische Diana (Karoline Troger) beweist schließlich, dass auch stille Wasser tief sein können.

Der Thespiskarren strahlt heuer noble Eleganz und Minimalismus aus. Kleine rote Farbtupfer, wie Hosenträger, Handtaschen, Sonnenbrillen oder Kaffeetassen, kommen in dem edlen Grau bestens zur Geltung. Ossy Pardeller sorgt für die jeweils passenden Songs, die das Spiel immer wieder auflockern.

Das pointenreiche Stück in einer flotten Inszenierung, von einem großartig aufspielendem Ensemble präsentiert, garantiert auch heuer wieder ein ganz spezielles Straßentheater-Erlebnis.

„Die Niere“ – Komödie von Stefan Vögel. Inszenierung: Georg Clementi. Musikalische Leitung: Ossy Pardeller. Ausstattung: Alex Linse, Harald Schöllbauer, Regieassistenz und Requisite: Marie Handlechner. Mit: Anja Clementi, Georg Clementi, Karoline Troger und Alex Linse. Fotos: Fotos © SKV / ebihara photography

Fotostaffel von der Aufführung in Seekirchen von Leo Fellinger

die niere
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Dorfladen

1 Kommentar zu "„Die Niere“ – Ist eine Organspende ein Liebesbeweis?"

  1. Die Niere – ein Spagat zwischen Humor und Ernsthaftigkeit

    Seekirchen. Das Salzburger Straßentheater tourt wieder durch Stadt und Land. Diesmal mit einem nicht alltäglichen Thema: Organspende. Am 3. August machte das Ensemble Halt am Stadtplatz Seekirchen, der so voll war, dass keine Maus mehr Platz gehabt hätte…

    Die Geschichte: Der erfolgreiche Architekt Arnold freut sich auf die Inbetriebnahme seines Hochhauses und will das mit den besten Freunden feiern. Just vor den Eintreffen der Gäste eröffnet ihm seine Frau Kathrin, dass ihre chronische Müdigkeit auf ein Nierenversagen zurückzuführen ist. Es wird klar, dass sie von Arnold erwartet, dass eine seiner Nieren spendet, aber er ziert sich. Das befreundete Ehepaar Götz und Diana trifft ein und der Abend entwickelt sich zu einer Spirale aus Geständnissen, absurden Verhandlungen und Affären, die das Publikum dazu bringt, sich trotz allem Humor, den das Stück bereithält, zu fragen, ob er seine oder ihre Niere für einen geliebten Menschen hergeben würde.

    Ja, diese Inszenierung wirkt auf das Publikum ein und bringt es in eine Zwickmühle. Das heißt, man möchte das Richtige für einen geliebten Menschen tun, aber in Wirklichkeit will man es nicht tun. “Die Niere” verdeutlicht auch die erwartete selbstlose Verpflichtung in der Ehe und die Gefahren des Versuchs, in einer hoch emotionalen Situation rational zu reagieren. Die Handlung fragt die Zuschauer, wie weit sie für einen geliebten Menschen gehen würden – würden sie ihre kurz-, mittel- und langfristige Gesundheit aufs Spiel setzen?

    Dem Autor des Stückes, Stefan Vögel, ist hier ein perfekter Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Komödie gelungen. Ebenso großartig die Inszenierung von Georg Clementi, der das Stück für den Bühnenwagen und das Genre Volkstheater perfekt umgesetzt hat. Dafür sorgen auch gut gesungene A-Cappella-Einlagen, die vom Publikum immer mit viel Szenenapplaus belohnt werden. Das Ensemble ist ohnehin ein mehr als gut eingespieltes. Die hohe Energie der Schauspieler:innen und ihre rasante Darbietung halten das Publikum in Atem und sorgen dafür, dass sich das Drama kontinuierlich steigert. Anja Clementi nimmt das Publikum mit auf eine Achterbahn der Gefühle. Die zurückhaltende Darstellung von Kathrin sorgt dafür, dass die wahren Absichten der Figur erst ganz zum Schluss enthüllt werden. Karoline Troger spielt die kokette Diana und lässt das Publikum mit der Frage zurück, wie jemand mit dieser Figur überhaupt befreundet bleiben konnte. Alex Linse stellt Götz als liebenswerten, witzigen Trottel dar, bei dem das Publikum am liebsten auf die Bühne springen würde, um ihn vor dem Chaos und seiner blinden Selbstlosigkeit zu retten. Und zuletzt: Georg Clementi leistet bewundernswerte Arbeit, diese perfekte Kombination aus Humor, Unbehagen und Unglauben in der Doppelrolle des Regisseurs und des Schauspielers perfekt abzuliefern. Denn trotz all der Leichtigkeit der Dialoge und bissigen Pointen, liegt doch ein ernsthaftes Thema zu Grunde. Das gilt es zu vermitteln. Gelungen. Respekt.
    (Leo Fellinger)

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