Offener Brief

KornblumeFoto: Rochus Gratzfeld

Liebe Kinder und Kindeskinder!
Vielleicht werdet ihr eines Tages eure Eltern und Großeltern fragen, wie das so war, im Jahr 2017 in Österreich. Als sie einer schwarz-blauen Regierung durch ihre Stimmen das Tor zur „Dritten Republik“ öffneten. Ob es ihnen denn wirklich so schlecht gegangen sei.

Rochus GratzfeldVon Rochus Gratzfeld, Salzburg und Sarród

Und ob die Flüchtlinge wirklich eine große Bedrohung für Stabilität und Wohlergehen Österreichs gewesen wären. Und ob es stimmt, dass jeder im Jahre 2017 seine Meinung frei äußern durfte. Dass es kritischen Journalismus und eine unzensierte Presse gab. Dass ein Gesundheits- und Pensionssystem existierte, von dem alle Menschen profitierten. Dass Menschen nicht erst mit 70 in Pension gehen mussten. Dass Kindergartenplätze kostenfrei, so wie nahezu die gesamte Bildung, waren. Dass es weitgehend Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit gab. Dass nicht täglich eine Stunde Übungen zur Ertüchtigung der Wehrfähigkeit auf dem Schulprogramm standen. Dass der Tag nicht überall mit dem Singen und Spielen der Nationalhymne begann. Dass Parteizugehörigkeit nicht Voraussetzung für berufliche Karrieren war. Dass Familienförderung nicht die Ehe und das Zeugen von mindestens zwei reinrassigen Kindern voraussetzte. Dass Frauen gleichberechtigt mit Männern waren. Dass homosexuelle Menschen zur Gesellschaft gehörten.

Ihr werdet sie vielleicht fragen, ob sie denn nicht wussten, dass sie einem Egomanen, Nazis, Neonazis und Burschenschaftlern das Parlament übergaben. Dass sie das Kapital förderten und die breite Masse der Bevölkerung schwächten. Dass sie euch die Zukunft verbauten.

Eure Eltern und Großeltern werden genauso reagieren, wie es meine Eltern und Großeltern vor langer Zeit taten. Sie werden sagen, sie hätten doch nichts gewusst. Und damit so schrecklich lügen, wie es meine Eltern und Großeltern taten. Vor langer und doch so kurzer Zeit. Sie werden lügen, denn sie haben alles gewusst. Sie wählten Blau, werden sie sagen, aber sie wählten Braun – nur die Kornblume war blau. Aber sie haben wie die berühmten „Drei Affen“ gehandelt: Nichts gesehen, nichts gehört, nichts gesagt. Denn sie waren egoistisch. Sie wollten Veränderung um der Veränderung willen. Sie waren satt, aber nicht zufrieden. Sie wollten nicht teilen, nichts abgeben. Sie vergaßen die Errungenschaften, die ihnen der Mauerfall und der Beginn eines freien Europas gegeben hatten. Sie huldigten dafür lieber wieder dem Nationalismus in all seiner Enge. Dass sie dabei noch den Untergang der Grünen – und damit „Grüner Werte“ – feierten, es zeigt, wie wenig sie sich um eure Zukunft scherten. Euren Müttern und Großmüttern wurden die Freiheiten der Emanzipation gleichgültig. Sie gaben das Recht auf, über ihren eigenen Körper zu entscheiden.

Also, liebe Kinder und Kindeskinder, es ist traurig aber wahr: Eure Eltern und Großeltern haben sich schuldig gemacht. Damals. 2017 in Österreich.

Nachwort
Niemand kann in die Zukunft schauen, auch ich nicht. So wünsche ich mir sehr, dass das Kommende meinen Brief ad absurdum führen wird. Und den Kindern und Kindeskindern wünsche ich das Beste. In der hoffentlich bleibenden „Zweiten Republik“.

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6 Kommentare zu "Offener Brief"

  1. Herr Gratzfeld,
    ich glaube, Sie malen den Teufel an die Wand. Zum ersten Mal mit den Blauen sind die Roten zusammengegangen, das wir immer wieder vergessen.
    Des Grünendebakel, viele Grüne haben ROT gewählt, ist ein echtes Problem. Offensichtlich waren sie doch nicht so gescheit, wie sie immer gemeint haben.
    LG Kathi

  2. Ich bin bei Menasse und glaube auch, dass die geforderte direkte Demokratie eine Gefahr sein kann! Um Ovid zu zitieren: „Principiis obsta“
    Die Serie “Gedanken aus Bleistift” gefällt.

    Michael Fischer
    Bad Füssing, D

  3. Rochus Gratzfeld Rochus Gratzfeld | 1. November 2017 um 15:06 |

    Laubfrosch, mein Nachwort zum Trost…

  4. Rochus Gratzfeld Rochus Gratzfeld | 1. November 2017 um 15:07 |

    Poseidon, merci!

  5. Noch sind die Koalitionsverhandlungen nicht abgeschlossen. Erst das Ergebnis wird zeigen, welche Auswirkungen Türkis-Blau haben wird. Alle aktuellen Verschlechterungen sind noch auf die bestehende Gesetzeslage zurückzuführen.
    Beunruhigend in ganz Europa ist das Lauterwerden der Rechtspopulisten und der Zulauf zu ihnen. Auch die Linken helfen dagegen nicht wirklich. Das Mittelmaß geht verloren, das ist das wirkliche Problem.

  6. Rochus Gratzfeld Rochus Gratzfeld | 4. November 2017 um 22:37 |

    Raphaela, ja, der Verlust der Mitte ist fatal und ein Zeichen gesellschaftlicher Radikalisierung. War noch nie gut. Eine “Linke” gibt es in Österreich nicht – großes LEIDER. Die SPÖ hat ihre Basis verloren und jetzt in der Opposition eine ordentliche Chance, diese zurückzugewinnen. Wenn sie sich von schwarz-braun klar distanziert. (BLAU ist ein ZYNISMUS.)

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