“Wer kalt ist, den friert nicht mehr …”

Frances Pappas, Elias Pappas und Leigh Melrose

Frances Pappas, Elias Pappas und Leigh Melrose

Vergangenen Freitag, 11.5. 2012, feierte die mit Spannung erwartete Neuinszenierung der Oper “Wozzeck” von Alban Berg im Salzburger Landestheater Premiere. Maßgeblichen Anteil am durchschlagenden Erfolg dieser Co-Produktion mit dem Aspekte-Festival hatte die gelungene Regie von Amélie Niermeyer, musikalisch wie darstellerisch überzeugend umgesetzt vom Ensemble und Chor des Landestheaters und dem Mozarteum Orchester unter der Leitung von Leo Hussain.

Von Siegfried Steinkogler

Wer hier ein nettes Schauspiel erwartete, bei dem man sich entspannt zurück lehnen konnte, der war freilich falsch beraten. Wozzeck gilt als die erste atonale Oper überhaupt und markiert somit einen Meilenstein in der Geschichte des Musiktheaters. (“Atonal” deshalb, weil hier die Musik vom traditionellen Dur-Moll-System losgelöst erscheint.) 1921 fertig gestellt, bedeutete sie den internationalen Durchbruch des Wiener Komponisten Alban Berg, der heute allerorts als Wegbereiter für die zeitgenössische Musik nach 1945 gilt. Als literarische Vorlage diente ihm das Dramenfragment “Woyzeck” von Georg Büchner (1813 – 1837) eine lose Szenenfolge – unvollendet geblieben. Berg bearbeitete den Stoff für seine Oper selbst, indem er 15 Szenen aus dem Original heraus filterte und diese in drei Akte zu je fünf Szenen unterteilte. Neben Bergs neuartiger Anlage der Komposition muss auch Büchners Stoff selbst als schroffe Innovation empfunden worden sein. Ein Stoff übrigens, der bis heute nichts an Spannung und Brisanz eingebüßt hat – angelegt als Sozialstudie im Arme-Leute-Milieu.

“Wir arme Leut´! Da setz einmal einer seinesgleichen auf die moralische Art in die Welt! Unsereiner hat auch sein Fleisch und Blut!”

Wozzeck und Marie haben einen unehelichen Sohn. Für eine glückliche Beziehung und eine gesicherte Existenz fehlt das nötigste Geld. Deshalb gibt sich Wozzeck für medizinische Versuche her, die ihm arg zusetzen, und die zusehends Wahnvorstellungen in ihm auslösen. Dieser Umstand wird auch Wozzecks Beziehung mit Marie zum Verhängnis, die sich in der Folge mit einem Tambourmajor einlässt. Nun nimmt das Schicksal seinen Lauf: Wozzeck, dem von mehreren Seiten schwer zugesetzt wird, plagen Eifersucht und Rachegedanken. Bei einem nächtlichen Spaziergang zu einem nahe gelegenen Teich beginnt Marie zu frösteln. Mit den Worten: “Wer kalt ist, den friert nicht mehr!”, ermordet Wozzeck seine ehemalige Geliebte. Beim Versuch die Tatwaffe im Teich verschwinden zu lassen, findet Wozzeck selbst den Tod.

Die aus dieser Handlung resultierende Problematik, ein subtiles Seelendrama darstellen zu müssen, wurde zum Prüfstein für jedes Ensemble-Mitglied. In dieser Hinsicht ergeht ein großes Kompliment an Leigh Melrose, der als optimaler Wozzeck immer wieder tief in die seelischen Abgründe blicken ließ. Eine sängerische Glanzleistung bot Frances Pappas als Marie. Sie kam am besten mit der vom Komponisten geforderten Technik des notierten Sprechgesangs zuwege. Elias Pappas hatte als Maries Knabe eine Schlüsselposition inne, die er beherzt meisterte und sich damit prompt in die Herzen der Zuschauer spielte. Auch alle übrigen Rollen konnten überzeugen, namentlich Dietmar Kerschbaum als Hauptmann, Graeme Danby als größenwahnsinniger Doktor, Franz Supper als selbstverliebter Tambourmajor und Emily Righter als gestrenge Margret. Joel Sorensen bot mit stoischem Gemüt eine herausragende darstellerische Leistung als Wozzecks Freund Andres.

Die schwierige Aufgabe, in diesem Arme-Leute-Drama echt wirkende Kostüme – armselig und geschmackvoll zugleich – zu schaffen, meisterte Kirsten Dephoff in bravouröser Weise. Das galt ganz besonders auch für die farbenfrohe Ausstattung des Chors.

Auch das Bühnenbild von Stefanie Seitz bot so manche positive Überraschung. Ausgehend von einem Frisiersalon, der links und rechts von zwei Waschbeckenreihen flankiert wurde, änderte sich die Kulisse je nach Bedarf für alle weiteren Szenen. Auf ein zweites Bühnenbild als Kontrast wurde dabei verzichtet, was die prinzipielle Eliminierung der Naturszenen zur Folge hatte. Auch der Teich in der Schlussszene fiel diesem Umstand zum Opfer. Romantische Geister konnten auch die bühnenmäßige Umsetzung von Klischees vermissen, wie beispielsweise den “roten Mond” – als Ausdruck von Wozzecks Wahnideen und zugleich Vorbote der bevorstehenden Katastrophe.

Keineswegs verzichtet wurde hingegen auf die glänzenden Chor-Effekte Alban Bergs – teilweise im Pianissimo – glänzend dargeboten vom Chor des Salzburger Landestheaters unter der Einstudierung von Stefan Müller und Wolfgang Götz.

Wesentlichen Anteil am Gelingen dieser erfreulich erfrischenden Opernaufführung, hatte nicht zuletzt das Mozarteumorchester Salzburg, stets stilsicher agierend – diesmal in Kammerorchesterbesetzung gemäß der Fassung für kleines Orchester von John Rea aus dem Jahre 1995. Dass diese Reduktion der Orchesterbesetzung den Kunstgenuss des Publikums jedoch in keiner Weise schmälerte, war in hohem Ausmass dem Dirigenten Leo Hussain zu verdanken, dessen kompetente Einstudierung der Musik in allen Phasen anhaftete.

“Wozzeck” – Oper von Alban Berg / Premiere am 11. 5. 2012 im Salzburger Landestheater / Musikalische Leitung: Leo Hussain / Inszenierung: Amélie Niermeyer / Bühnenbild: Stefanie Seitz / Kostüme: Kirsten Dephoff / Choreinstudierung: Stefan Müller / Dramaturgie: Tobias Hell, Andreas Gergen / Besetzung: Leigh Melrose, Franz Supper, Joel Sorensen, Dietmar Kerschbaum, Graeme Danby, Hubert Wild, Vesselin Hristov, Philipp Schausberger, Frances Pappas, Emily Righter, Elias Pappas, Rosalie Trattner / Fotos: Christina Canaval

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Dorfladen

1 Kommentar zu "“Wer kalt ist, den friert nicht mehr …”"

  1. Hanns Mayr | 13. Mai 2012 um 20:55 |

    Es sollte auch einmal gesagt werden, dass mir die vielen Fotos in der Dorfzeitung sehr gefallen! Die Musik von Alban Berg ist mir persönlich zu heftig, der Wozzeck dazu erleichtert die Sache auch nicht wirklich, obwohl nach der Kritik von Siegfried Steinkogler könnte man fast neugierig werden!

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