Churrasco im Pantanal, Geräucherte Wurstigkeit

Brennende Bäume

Brennende Bäume | Foto: Karl Traintinger

Das „Pantanal matogrossense“ ist ein riesiges Sumpfgebiet im Südwesten Brasiliens. Dieses außerordentlich artenreiche Feuchtbiotop steht unter Naturschutz und wurde vor zwanzig Jahren durch die UNESCO zum Weltwerbe erklärt.

Von Reinhard Lackinger, Brasilien

Kleine Teile dieses Feuchtgebietes reichen bis nach Paraguay und Bolivien.

Seit Mai 2020 brennt das Pantanal!

Tausende Feuerstellen hat der Satellit geortet und gezählt. Bis September 2020 konsumierte der Feuerteufel über 70.000 Quadratkilometer brach liegendes Land alleine im Pantanal.

Ich bin als Kritiker der Monokulturen bekannt. Das heißt, man erwartet von mir zurecht, dass ich das Ausmaß der abgebrannten Gebiete und die Anzahl der verkohlten Kadaver von Krokodilen, Gürteltieren, Jaguaren, Hirschen, Wölfen, Wasserschweinen, Affen, Beutelratten, Nandus, Löffler, anderer Vögel und kleineren Tiere ein wenig übertreibe.

Jeder einigermaßen gebildete Brasilianer kennt die Ursache dieser brasilienweit am Amazonas, auf den Savannen Zentralbrasiliens und im Pantanal lohenden Flammenmeere: Es handelt sich dabei um Brandrodungen, die aus irgendeinem Grunde außer Kontrolle geraten waren.

Diese archaische Methode, die der Vorbereitung des Bodens für neue Pflanzungen dient, wird nach wie vor praktiziert. Davon verstehe ich als Stadtmensch nichts bis ganz wenig.

Ich weiß nur, dass Brandrodungen durch einen unglücklichen Zufall weit mehr Vegetation auffressen können als ursprünglich geplant war. Wenn zum Beispiel unerwartet ein starker Wind aufkommt, oder der Bauer sich bei der Arbeit schwer verletzt…

Brandrodungen in Brasilien, die sich seit der Machtübernahme durch das teuflische Ungeheuer Jair Messias Bolsonaro vervielfachen, expandieren und überhand nehmen, geschehen aber nicht aus Missgeschick, Schlampigkeit oder Unaufmerksamkeit! Von einem bedauernswerten Schnitzer, von einer Fatalität kann da nicht die Rede sein! Es handelt sich bei diesem Hantieren mit Feuer um klare Absicht, um Vorsätzlichkeit!

Schlimmer, Präsident Bolsonaro ermutigt die Großgrundbesitzer und fördert die kriminellen Brandrodungen! Er regt die Agrarier an und stimuliert sie, ihre Ländereien auszubreiten, die Monokulturen zu vergrößern.

Agrobusiness ist das große Geschäft! Deshalb wird eifrig gezündelt und die Umweltsünder bleiben seit eineinhalb Jahren straflos.

Natur-, Arten- und Umweltschützer sowie indigene Völker sollen keine Hindernisse darstellen und den Exportgeschäften mit Soja, Mais und Rindfleisch nicht im Wege stehen.

Das sind meine täglichen Klagen, die ich reichlich bebildert ins soziale Netzwerk stelle. Es reagiert aber keiner mehr darauf. Die Zahlen des Terrors die ich nenne, berühren keine Menschenseele! Möglicherweise sieht man in mir womöglich einen Aasgeier, der die Gegenwart eines sterbenden Tieres hinter rauchendem Erdreich vermuten lässt. 

Welche Beweise habe ich, um die Brandstifter und die Bundesregierung ernsthaft zu belasten? Welche Argumente wären stichhaltig genug, dass auch der Dümmste von der willentlichen, bewussten und geplanten Zerstörung Brasiliens überzeugt wird?

Geplant und gezielt! Es brennt nämlich kurioserweise nur unbebautes, ungenütztes und brach liegendes Land.

Wer kann mir erklären, dass bisher keine Ochsenweide, keine Soja- oder Maisplantage oder sonst eine Monokultur Opfer unkontrollierbarer Flammen wurden? Vielleicht steht sogar der Gott der Evangelikalen auf der Seite der großen Farmer!

Ich kann jedenfalls nicht sagen, wer die Landbesitzer sind, die an hunderten Orten, an tausenden Stellen zündeln.

Das wissen die Angestellten der offiziellen Dienststellen, die eingreifen sollten, das aber nicht tun, sondern systematisch unterlassen.

Sie schickten für tausende lodernde Quadratkilometer 132 Feuerwehrleute. Oder waren es 135? Männer, die mit an Stielen befestigten Lappen auf brennende Vegetation einschlagen. Andere wiederum versuchen mit händischen Wasserpumpen die Feuersbrunst zu bekämpfen. Ein läppisches und aussichtsloses Unterfangen…

In Österreich, sage ich zu meinen Brasilianern… In Österreich ist es anders und ich erkläre ihnen, dass, sobald eine Naturkatastrophe – eine Überschwemmung, eine Mure, eine Lawine oder ein Waldbrand – gemeldet wird, binnen zwei Stunden ganze Kompanien des Bundesheeres mobilisiert und im Einsatz sind. Sanitäter, Pioniere, Jäger…

Währenddessen sitzen 400.000 Soldaten der brasilianischen Bodentruppen untätig in ihren Kasernen. Ähnliches darf ich auch von der Luftwaffe und der Marine behaupten.

Aber als unlängst riesige Heuschreckenschwärme die Pflanzungen südbrasilianischer Latifundien bedrohten, standen sofort 300 Flugzeuge einsatzbereit zur Verfügung, um die riesigen und gefräßigen Insekten mit Pestiziden zu bekämpfen.

Was mir auch zu denken gibt ist nicht die Grabesstille der Agrobonzen, sondern die sonst so laute „Música Sertaneja“, die plötzlich verstummte Musik der Hinterwäldler. Ein Facebook-Freund hat mich darauf aufmerksam gemacht und gefragt: „Wo stecken jetzt bloß Xitãozinho & Chororó, Emir Sater, Roberta Miranda und andere Millionäre der brasilianischen Country Music?“ Keiner von ihnen war bisher weinenden Auges an die Öffentlichkeit getreten, um von der Tragödie im Pantanal und im Cerrado zu sprechen. Keiner lamentierte oder schimpfte. Weder in seinen Lives, noch sonst irgendwie über die Feuersbrunst in seiner Heimat.

Besonders traurig stimmen mich die Wurstigkeit, die Gleichgültigkeit, die fehlende Anteilnahme, das Desinteresse und die Indifferenz mancher Zeitgenossen angesichts der Bilder, die Zeugnis geben von der schrecklichen Zerstörung dieses so wunderbaren, wunderlichen, phantastischen und verrückten Landes.

Anstatt im sozialen Netzwerk mitzuhelfen, Bolsonaros Worte, Werke und Unterlassungen anzuzeigen und zu denunzieren, beglücken sie uns mit eitler Firlefanzerei, erhabener Lyrik und Fotos süßer Pets.

Morgen wird es, so Gott es will, wieder regnen im Pantanal! Binnen weniger Stunden ist das Land dann wieder grün alles blüht, und es werden Agrarmaschinen kommen, um den Boden für die neue Bewirtschaftung an der neuen Agrargrenze vorzubereiten. Die Farmer und Regierung erwarten eine Ernte, die alle bisherigen Rekorde brechen wird. Es kommen auch Rinderherden.

Die nur leicht angebratenen Churrasco-Scheiben gegrillten Tafelspitzes mit saftigem Fettrand, die der Gaúcho auf meinem Teller deponiert hat stammen vermutlich von einem glücklichen Ochsen aus dem Pantanal matogrossense.


Dorfzeitung.com
image_pdfimage_print

Dorfladen

Kommentar hinterlassen zu "Churrasco im Pantanal, Geräucherte Wurstigkeit"

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.