Stall – Vom Standort zur Amtswürde

Hühnerstall

Hühnerstall | Foto: Karl Traintinger, Dorfbild.at

Das Wort Stall ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und leitet sich von germanisch *stalla- „Stand, Standort, Platz“ ab, das auf indogermanisch *stel- „hinstellen“ oder *steh2 „wohin treten, sich hinstellen“ zurückgeht.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das althochdeutsche Wort stal bezeichnete einen Ort, an dem jemand oder etwas steht. Althochdeutsch stal findet sich in Bezeichnungen für Unterstände der Tiere, wie ferhirstal „Ferkelstall, Schweinestall“, rindirstal „Rinderstall“ oder skāfstal „Schafstall“. In Zusammensetzungen, die einen bestimmten Ort bezeichnen, wie liutstal (liut „Leute“) „(militärische) Stellung, Aufenthaltsort von bewaffnetem Volk“ oder ougstal „Augenhöhle“. Und in Bezeichnungen für stehende Gegenstände, wie kerzistal „Leuchter, Kerzenhalter“, turistal „Türpfosten“ oder rīstastal „Flachsbüschel“.

In mittelhochdeutscher Zeit findet sich das Wort ebenfalls in Bezeichnung für Unterstände von Tieren. Daneben konnte das Wort auch allgemein einen Stehplatz, einen Sitzplatz oder einen Wohnort bezeichnen. Weiters findet sich stal in Bezeichnungen für Gestelle oder Stützen, wie bettestal „Pfosten des Bettgestells“. Gegen Ende des Mittelalters begann die Einengung der Bedeutung von Stall auf „Raum oder Gebäude, in dem das Vieh untergebracht ist“. Für das Bedeutungselement „Ort, Platz“ trat das Wort Stelle ein.

Im Mittelalter wurde das Wort Stall ins Italienische übernommen. Im Italienischen wurde aus mitttelhochdeutsch stal stalla mit der Bedeutung „Stall“ und stallo mit der Bedeutung „Sitz, Stuhl“. Ende des 11. Jahrhunderts wanderte stallo ins Mittellateinische und wurde dort mit der lateinischen Endung -us und im 12. Jahrhundert mit der lateinischen Endung -um versehen. So entstanden die beiden mittellateinischen Wörter stallus und stallum mit der allgemeinen Bedeutung „Stuhl“ und mit der speziellen Bedeutung „Chorstühle in Kirchen“.

Stühle waren in früheren Zeiten ein Zeichen der Amtswürde. Noch heute verwenden wir die Ausdrücke Lehrstuhl als Bezeichnung für die Stelle eines Professors an der Universität oder Bischofsstuhl für das Amt des Bischofs. Im Mittellateinischen wurde von stallus „Stuhl“ eine Tätigkeitsbezeichnung installare mit der Bedeutung „in ein Kirchenamt einsetzen“ gebildet – eigentlich „in/auf einen Stuhl setzen“. Mit der Bedeutung „jemanden in ein kirchliches Amt einsetzen“ gelangte installare um 1500 ins Deutsche und erhielt dort die Form installieren. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts verlor sich die Eingrenzung auf ein Kirchenamt und installieren wurde allgemein für die Einsetzung in ein Amt verwendet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verallgemeinerte sich die Bedeutung zu „einsetzen, unterbringen, einrichten“. Im 20. Jahrhundert erhielt das Wort seine heutige Bedeutung „eine technische Anlage, eine sanitäre Anlage einbauen“.

In Zusammensetzungen findet sich das Wort Stall heute in übertragenen Bedeutungen und zwar als Bezeichnung für große Unordnung, für Gehhilfen und im Rennsport.

Das Wort Augiasstall bezeichnet einen Raum, der besonders verschmutzt ist, eine große Unordnung oder verrottete Zustände. Das Wort bezieht sich auf den Rinderstall des griechischen Königs Augias, der 30 Jahre lang nicht ausgemistet worden war, und von Herkules an einem einzigen Tag gereinigt werden musste. Mit einer ähnlichen Bedeutung verwenden wir auch das Wort Saustall. Das Wort bezeichnet zunächst den Stall der Säue. Jedoch kann es auch als Bezeichnung für ein sehr unordentliches, verschmutztes Zimmer verwendet werden, für große Unordnung oder unhaltbare Zustände. Und als Steigerung von Saustall steht uns noch das Wort Riesensaustall zur Verfügung.

Das Wort Laufstall bezeichnet einen größeren Stall, in dem Nutztiere sich frei bewegen können, wird aber auch als Bezeichnung für ein viereckiges Gestell verwendet, in dem Kleinkinder ihre ersten Gehversuche machen.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begegnet das Wort Rennstall als Gesamtbezeichnung für die Rennpferde eines Eigentümers, deren Ställe, Trainer und Jockeys. Mit dem Aufkommen von Radrennen und Autorennen wurde das Wort im Radsport und Motorsport als Bezeichnung für die Gruppe der Fahrer, Mechaniker und Fahrzeuge übernommen. Obwohl hier eher ein Wort *Fahrstall zu erwarten gewesen wäre, da bekanntlich Räder und Autos fahren und nicht rennen.

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Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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