Stadt – Von der Stelle zur Siedlung

Wien

Wien | Foto: Karl Traintinger| Dorfbild.at

Das Wort Stadt verwenden wir heute als Bezeichnung für eine größere geschlossene Siedlung. Ursprünglich bezeichnete Stadt lediglich einen Ort oder eine Stelle.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das Wort Stadt findet sich ab dem 8. Jahrhundert. Althochdeutsch stat hatte die Bedeutung „Ort, Stelle, Stätte“. Diese Bedeutung hielt sich bis ins Mittelhochdeutsche. Ab 1200 erweiterte sich die Bedeutung von stat um das Element „Siedlung, Ortschaft“. Im 16. Jahrhundert finden sich dann neben der Form Stat auch die Schreibungen Stätte und Stadt, jedoch waren die Bedeutungsunterschiede für die verschiedenen Formen zu dieser Zeit noch nicht ausgeprägt. Im Zeitverlauf entwickelte sich jedoch eine Verteilung der einzelnen Bedeutungselemente auf die verschiedenen Schreibungen, die im 18. Jahrhundert endgültig fixiert wurden. So behielten Statt und Stätte die Bedeutung „Ort, Stelle“. Die Form Stadt hingegen verlor diese Bedeutung und erhielt ausschließlich die Bedeutung „größere, geschlossene Siedlung“.

Die Form Statt ist heute aus unserem Sprachgebrauch weitgehend verschwunden und findet sich nur mehr in Zusammensetzungen, wie beispielsweise Werkstatt, Ruhestatt, Lagerstatt oder Heimstatt. Weiters hat sich noch in den Worten Statthalter, erstatten, stattfinden und anstatt das alte Statt erhalten.

Das Wort Statthalter „Stellvertreter“ begegnet ab dem 15. Jahrhundert in der Kanzleisprache und ist eine Übersetzung des lateinischen Ausdrucks locum tenēns „den Platz Haltender“. Das Wort erstatten „zurückgeben, bezahlen, ersetzen“ bedeutete ursprünglich „wieder an seine Stelle bringen“. Die Tätigkeitsbezeichnung stattfinden „geschehen, erfolgen“ hatte die ursprüngliche Bedeutung „einen guten Platz finden“. Und das Wort anstatt bedeutet eigentlich „an Stelle von“. Im 17. Jahrhundert wurde dann anstatt zu statt gekürzt. So können wir heute sagen „er/sie gab auf, anstatt zu kämpfen“, aber auch „er/sie gab auf, statt zu kämpfen“. Daneben begegnet das Wort Statt noch vereinzelt in feststehenden Redewendungen, wie zum Beispiel jemanden an Kindesstatt annehmen „jemanden anstelle eines Kindes annehmen“.

Die Bezeichnung Stadt für eine Siedlung beinhaltete im Mittelalter die Verleihung besonderer Privilegien und Rechte für die Menschen, die in der Stadt lebten, und die mit dem Begriff Stadtrecht zusammengefasst waren. Mit der Verleihung des Stadtrechts durch den Landesherrn wurden Siedlungen zur Stadt erhoben. Dadurch erhielten die Siedlungen zumeist das Recht auf Selbstverwaltung, das Recht auf eine eigene Gerichtsbarkeit und das Recht einen Markt abhalten zu dürfen. Und das Stadtrecht gewährte den Menschen, die in der Stadt lebten, Freiheit vom Frondienst, der in ländlichen Gebieten auf den Menschen lastete. Aus dieser Zeit stammt die Redewendung Stadtluft macht frei, denn alle Menschen, die vom Land in die Stadt abwanderten, konnten sich damit dem Frondienst entziehen.

Heute begegnet Stadt auch in zahlreichen Zusammensetzungen, die als Synonyme oder Beiwörter zu Städtenamen verwendet werden und sich auf bestimmte signifikante Merkmale, historische Ereignisse oder bekannte Persönlichkeiten einer Stadt beziehen.

Typische Merkmale einer Stadt finden sich beispielsweise in den Zusammensetzungen Hafenstadt, Domstadt, Garnisonstadt, Universitätsstadt, Vielvölkerstadt.

Die Bezeichnungen können auch die dominanten Aktivitäten in einer Stadt widerspiegeln, wie beispielsweise Stahlstadt, Kohlestadt, Kongressstadt, Messestadt, Pilgerstadt oder Goldgräberstadt.

An den mittelalterlichen deutschen Städtebund der Hanse, dem unter anderem die deutschen Städte Lübeck, Stralsund, Hamburg, Bremen, Greifswald, Rostock und Buxtehude angehörten, erinnert heute noch die Bezeichnung Hansestadt.

Aber auch historische Persönlichkeiten finden sich in synonymen Städtebezeichnungen wieder, wie etwa Goethestadt für Weimar, Lutherstadt für Wittenberg und Eisleben, Nibelungenstadt für Worms, Passau, Tulln und Pöchlarn, Rattenfängerstadt für Hameln und Mozartstadt für Salzburg.


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Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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