Cathrin Kahlweit: Sein Haus

Adolf Hitler kam aus Braunau am Inn. Die kleine Stadt in Österreich würde das gern vergessen. Erst recht jetzt, wo es neue Gerüchte gibt:
über einen Russen, der die Geburtsstätte des Diktators kaufen möchte.

VON CATHRIN KAHLWEIT

Braunau  – Vieles wäre leichter gewesen, wenn Braunau nicht Braunau hieße. Schöntal vielleicht oder Sonnenberg, irgendetwas Heiteres im Namen hätte sicher geholfen, davon ist man in der Stadt überzeugt. Aber Städte können sich nun mal nicht so leicht umbenennen, und so trägt der kleine Ort am Inn nicht nur die Farbe der Nationalsozialisten in seiner ersten Silbe und etwas Düsteres dazu, sondern auch einen zweiten Makel. Eine „Punze“ nennen sie das in Braunau: Adolf Hitler ist hier geboren. Salzburger Vorstadt Nummer 15, einen Katzensprung vom Zentrum.

Die Einheimischen kennen das zur Genüge. Und natürlich fragen die Fremden, die Touristen nach der heimlichen Sehenswürdigkeit. Manchmal lässig: „Ey, wo ist denn hier die Hütte vom Führer?“ Andere politisch: „Wo steht das Haus, in dem der größte Verbrecher der Menschheitsgeschichte zur Welt kam?“ Manchen sieht man an, dass sie gern eine Kerze anzünden würden, andere bummeln nur schnell vorbei und schauen eilig, verschämt an der gelben, leicht vergammelten Fassade hinauf. Vergitterte Fenster unten, bröckelndes Mauerwerk im ersten und zweiten Stock, hinter dem Haus ein überquellender Mülleimer und ein Parkplatz, ein unbeschriftetes Klingelschild. Neben dem Haus eine hölzerne Imbissbude. Offenbar setzt der Betreiber auf Passanten, die nicht demonstrativ stehen bleiben wollen und deshalb bei einem Glühwein und Keksen starren: auf den verblassten Schriftzug „Volksbücherei Braunau“ und das verschlungene MB im Schmiedeeisen über dem Tor. MB – für Martin Bormann, Reichsminister und Privatsekretär Hitlers. Er hatte hier während des Dritten Reichs ein Museum für regionale Künstler einrichten lassen – eine gewisse Pikanterie, wenn man bedenkt, dass der Diktator selbst es mit dem Malen nicht sehr weit gebracht hat.

Aber für Ironisches hat man in Braunau keinen Sinn. Muss man auch nicht. Dazu ist die Sache zu lästig, und auch irgendwie zu ernst. Eigentlich geht es nur um ein Haus. Aber dieses vermaledeite Gemäuer prägt das Image der Stadt. Es ist, als spuke ein Geist mit bösem Blick, und Geister sterben bekanntlich nie. Wenn namhafte Gäste in die Stadt kommen, dann „schauen sie sich manchmal suchend um, als glaubten sie, der kleine, böse Mann mit dem akkuraten Schnauzer und dem wilden Blick käme gleich um die Ecke“, sagt Andreas Maislinger. Er muss es wissen, er ist der Erfinder und der wissenschaftliche Leiter der Braunauer Zeitgeschichte-Tage, die sich auch mit der Geschichte des Orts befassen. Er hat Pläne, ja Visionen für das Hitler-Haus, er lebt quasi für die Aufarbeitung dieser Punze, aber dazu später, denn das ist Zukunftsmusik. Manchmal begleitet er Tagungsteilnehmer durch die Straßen auf dem Weg zu ihrem Vortrag. Und fast jeder von ihnen fragt nach dem Geburtshaus Hitlers. Nur die, die nicht sensationslüstern wirken wollen, die machen sich später allein auf die Suche.

Seit dem vergangenen Donnerstag allerdings fragt die ganze Welt. Um halb acht Uhr am Morgen ging das los, Bürgermeister Johannes Waidbacher war gerade in sein Büro am Stadtplatz gekommen, da hieß es: Hast du gehört?

Er hatte nicht, und doch brach sofort eine Lawine über ihn herein, Journalisten aus aller Welt riefen an, Rundfunkstationen schalteten ihn gleich live auf Sendung, und er wusste doch gar nicht so recht, was passiert war. Und weiß bis heute nicht viel mehr. Im fernen Russland, in Moskau, hatte nämlich der Duma-Abgeordnete Franz Klinzewitsch von der Partei Einiges Russland der Iswestija ein Interview gegeben, in dem er sagte, er würde das Hitler-Haus in Braunau sofort kaufen, wenn er das Geld hätte, um es dann „demonstrativ“ dem Erdboden gleichzumachen. Ein kommunistischer Abgeordneter war ihm beigesprungen und hatte gesagt, man könnte Geld sammeln für einen Kauf, er würde persönlich spenden, um dieses schreckliche Relikt des Faschismus zu eliminieren.

Nun ist Klinzewitsch nicht irgendwer. Der Offizier und Abgeordnete ist stellvertretender Vorsitzender des Verteidigungsausschusses, er spricht für Soldaten und Veteranen – auch Jahrzehnte nach dem Krieg eine einflussreiche Gruppe in Russland. Klinzewitsch ist zudem ein wortgewaltiger Reaktionär. Er fordert die Wiedereinführung der Todesstrafe für Saboteure und findet, dass Wehrdienstverweigerer nicht ohne Weiteres in den Staatsdienst aufgenommen werden dürften.

Wie kommt so einer dazu, sich Gedanken über ein leer stehendes Haus in Braunau zu machen? Das zudem gar nicht abgerissen werden kann, weil es als Teil eines historischen Ensembles unter Denkmalschutz steht. War seine Aussage ein politisches Statement, oder gibt es Sponsoren für den antifaschistischen Plan?

Es ist nicht zu erfahren. Medien aus aller Welt drucken die Geschichte nach, Braunau ist in Aufruhr, überall heißt es, russische Investoren wollten die Immobilie kaufen. Aber eine Nachfrage der SZ in der Duma sowie beim Veteranenverband verhallt unbeantwortet. Andererseits: Irgendwann hatte sie ja wieder aufflammen müssen, die Debatte über dieses Haus und über den Umgang des Orts mit seiner Geschichte. Regelmäßig müssen sich die Stadtpolitiker fragen lassen: Warum geht ihr nicht konsequenter gegen das Stigma an, dass der Diktator, der Weltverheerer, hier geboren ist, warum münzt ihr dieses schreckliche Imageproblem der Stadt nicht in aktive Aufarbeitung um? Ach, sagen dann nicht nur die Politiker, sondern fast alle Braunauer: Nur, weil Hitler hier die ersten drei Jahre seines Lebens verbracht hat, sind wir doch nicht schuld daran, dass er wurde, was er ist. Bezirkshauptmann Georg Wojak wiederholt dann gern seinen Satz: „Hitler hat hier maximal seine Windeln gefüllt und sicher nicht die Schlachtfelder mit Toten.“ Braunau sei keine Täterstadt.

Und tatsächlich: Hitler selbst hat seinen Geburtsort nie sonderlich wichtig genommen. Das hundert Kilometer entfernte Linz, in dem er zwischen seinem 16. und 18. Lebensjahr lebte, bezeichnete er als seine „Heimatstadt“. Nicht Fischlham, nicht Lambach, nicht Leonding, wo er auch zur Schule ging. Die Historikerin Brigitte Hamann, die mit ihrem Buch über „Hitlers Wien“ und die prägenden Jahre des Braunauers ihren Ruhm begründet hat, beschreibt das eindrucksvoll: Wie Hitler 1945 in Berlin zwischen Ruinen, den nahen Untergang verdrängend, vor seinen gigantomanischen Bau-Modellen für Linz sitzt und darüber deliriert, dass sein geliebtes Linz die „Patenstadt des Führers“, die „Kulturhauptstadt des Großdeutschen Reiches“, die „schönste Stadt an der Donau“ werden solle. Braunau, wo er am 20. April 1889 als Sohn des jähzornigen, trunksüchtigen Zollbeamten Alois Hitler und dessen sehr viel jüngerer Frau Klara zur Welt kommt, ist ihm nichts. Einzig eine politische Bedeutung misst er der Sache bei: Es sei eine „glückliche Bestimmung“, dass er dort geboren sei, „liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint“, schrieb er in „Mein Kampf“.

Braunau und Hitler – dass diese Verbindung in Vergessenheit geraten möge, hat man in der Stadt lange gewünscht. Vergeblich. Es ist ein bisschen so, als halte ein Kind sich die Augen zu und glaube, es werde nicht gesehen. Braunau hat sich jahrzehntelang die Augen zugehalten, und wurde doch immer mit Hitler in Verbindung gebracht. Man kann sich als Stadt eben nicht aussuchen, ob ein Massenmörder oder ein Genie dort geboren wird, so wie das nahe Salzburg, dass sich als Mozart-Stadt feiert, ja auch nicht unbedingt aktiv daran beteiligt war, dass aus dem kleinen Wolfgang Amadeus ein Musikgott wurde.

Bis heute gibt es also in Braunau, was den schrecklichsten aller Söhne der Stadt angeht, nicht viel mehr als die gelbe, vergammelnde Immobilie, die vor sehr langer Zeit ein Gasthaus war, nach dem Krieg dann eine Bank, eine Schule, eine Stadtbücherei beherbergte, zuletzt eine Behinderteneinrichtung. Aber keinen Stadtschreiber, der sich der Salzburger Vorstadt Nr. 15 angenommen hätte, kein spezielles Archiv, das Unterlagen aus jener Zeit sammeln würde, keine kommunale Gedenkstätte. Der Bürgermeister mutmaßt, dass alte Dokumente noch im Grundbuchamt liegen, vielleicht. Immerhin war die Immobilie nach dem „Anschluss“ 1938 von Privatbesitzern, der Familie Pommer, an die Partei verkauft worden, was den Eigentümern sehr viel Geld einbrachte. In den Akten der NSDAP aus jener Zeit liegt die Notiz eines SS-Brigadeführers, der Ankauf des Hauses sei an den Geldforderungen der Eigentümer gescheitert, man erwäge „die Übernahme des Geburtszimmers“ durch „energische Maßnahmen“. Man einigte sich gleichwohl auf einen hohen Preis, und nicht nur das: Anfang der 5oer-Jahre wurde das Haus an dieselbe Familie für eine eher lächerliche Summe zurückgegeben.

Heute versammeln sich dort im April, in den Tagen um Hitlers Geburtstag, immer ein paar versprengte Ewiggestrige, aber dann ist auch immer gleich die Polizei da. Die Stadt wiederum gedenkt demonstrativ jedes Jahr des Kriegsendes: nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg. Der Bezirkshauptmann hat sogar einen „Friedensbezirk Braunau“ ausgerufen, damit ein „sympathisches, wertschätzendes Image“ geschaffen werde. Man habe sich nicht ausgesucht, heißt es trotzig, wo Hitler zur Welt kommt und wolle einen „Gegenpol“ bilden. Seither gibt es in der Gegend Friedenskapellen und Friedenskreuze, Friedenspanoramen und Friedenswege. Das ist sehr schön und ein bisschen so, als wenn sich Gemeinden, in denen es maximal eine aufgelassene Kaserne gibt, zur atomwaffenfreien Zone ausrufen. Ehrenhaft, symbolisch. Aber nicht weiterführend.

Der Politikwissenschaftler Andreas Maislinger, der in der Nähe von Braunau geboren wurde und der einen Zivildienst für junge Österreicher an Holocaust-Gedenkstätten im Ausland initiiert hat, würde das Haus gern herzeigen. Nicht nur von außen, sondern auch von innen. Würde gern sagen können: Hier links ist das kleine Dokumentationszentrum über Familie Hitler in Braunau, rechts vielleicht ein Dank an die amerikanischen Befreier. Oben im ersten Stock eventuell Büros, in denen junge Menschen an Friedensprojekten arbeiten, „Volunteers“ aus aller Welt über Völkerverständigung reden. Das Hitler-Haus als „Haus der Verantwortung“ ist sein Konzept, er habe Unterstützer in aller Welt gefunden, sagt er, ein Netzwerk stehe für die Umsetzung bereit, das Konzept sei fertig in seinem Kopf. Maislinger bietet es seit zwölf Jahren an, wie ein Handlungsreisender in Sachen Geschichtspolitik. Aber er gibt die Hoffnung nicht auf, dass zum Schluss alles so kommt, wie er findet, dass es richtig ist.

Nur: Es gibt kein Nutzungskonzept. Noch nicht. Neuerdings gibt es immerhin einen Arbeitskreis der Stadt, der sich über eine künftige Nutzung Gedanken machen will; alle Parteien nehmen teil, Experten von außen sollen hinzugeholt werden. Bürgermeister Waidbacher mag noch nicht sagen, in welche Richtung das gehen könnte. Nur dass es vielleicht Wohnungen und ganz normale Mieter in der Salzburger Vorstadt 15 geben könnte, wie er das vor sechs Wochen mal laut angedacht hatte, das wagt er nicht zu wiederholen. Die Idee sei vom Tisch, sagt er. Er hatte Prügel dafür bekommen – man könne nicht ausschließen, dass dann Neonazis einziehen. Was sonst dort passieren könnte, im Hitler-Haus?

Waidbacher windet sich etwas verlegen in seinem Stuhl. Er ist noch nicht lange im Amt, war vorher Filialleiter einer Bank. Der frühere SPÖ-Bürgermeister musste wegen Spielsucht seinen Hut nehmen, er wartet auf seinen Prozess. Da brauchte man ein neues Stadtoberhaupt. Waidbacher, in der traditionell sozialdemokratischen Stadt als Konservativer ein Überraschungssieger, will jetzt nicht noch mehr falsch machen nach der Sache mit den Wohnungen, das hat ihm geschadet.

Außerdem ist die Lage kompliziert. Sehr kompliziert. Denn egal, was der Arbeitskreis der Stadt entscheidet – es kann nur ein Vorschlag sein. Entscheiden werden der Hauptmieter, das ist der Staat, und die Eigentümerin. Jede gute oder auch nur gut gemeinte Idee für eine Nutzung der problematischen Immobilie scheitert bislang an dieser sehr unübersichtlichen Gefechtslage – wenn man mal die Diktion des Armee-Freundes Franz Klinzewitsch aus Moskau benutzen wollte. Egal wie naiv sich die Stadtoberen anstellen mögen: Die ganze Angelegenheit steht und fällt mit der Eigentümerin, denn das Hitler-Haus ist nach wie vor in Privatbesitz.

Gerlinde Pommer, eine ältere Dame aus Braunau, hat das Haus 1972 an das österreichische Innenministerium vermietet; der Staat Österreich wollte verhindern, dass sich dort Nazis einnisten. Sie bekommt derzeit, dem Hörensagen nach, 4700 Euro Miete. Das ist sehr viel für Braunau. Es heißt auch, sie wolle das Haus eventuell verkaufen – für etwa 2,2 Millionen Euro. Das ist wahnsinnig viel für Braunau, wo größere, neuere Häuser, die nicht unter Denkmalschutz stehen, für 250 000 Euro angeboten werden. Das Ministerium würde, wenn es das Haus kaufen wollte, quasi einer Kriegsgewinnlerin die Taschen füllen. Es heißt auch, Frau Pommer wolle nichts investieren, was eine Umnutzung des Hauses schwermacht.

All das ist nicht zu überprüfen. Eine Anfrage der SZ wird von einem ihrer Anwälte nach Rücksprache mit der Eigentümerinabschlägig beschieden. Ja, sagt der Rechtsanwalt, er kenne Frau Pommer, gerade heute habe er mit ihr zu Mittag gegessen. „Es ist nicht so, dass ich sie nicht erreichen kann.“ Er erreicht sie wenig später und lässt ausrichten, die Dame gebe kein Interview und habe auch ihren Anwälten jede Einlassung untersagt.

Das geht offenbar auch der Stadt so. Bürgermeister Waidbacher, der sich redlich quält, sich diplomatisch richtig zu verhalten, hat die Besitzerin nur einmal kurz kennengelernt und keinen großen Erkenntnisgewinn daraus gezogen. Er wisse nicht, was Gerlinde Pommer mit dem Haus vorhabe. Ehrlich nicht. Will sie mehr Geld? Ihre Ruhe wolle sie, heißt es, aber sie tut wenig dafür. Der örtliche Nationalratsabgeordnete, Harry Buchmayr von der SPÖ, sagt, er kenne Frau Pommer auch nicht persönlich. Aber er frage sich beständig: „Was reitet diese Frau?“ Als der frühere Bürgermeister eine Mahntafel am Hitler-Haus anbringen wollte, habe sie das unterbunden, heißt es. Die Kommune musste auf öffentlichen Grund ausweichen, auf den Bürgersteig. Jetzt steht dort ein Mahnmal, ein Stein aus dem KZ Mauthausen.

Zuletzt hatte die Lebenshilfe das Haus genutzt für eine Behindertenwerkstatt. Der Stadt, dem Innenministerium, kritischen Beobachtern war das als wunderbares Symbol erschienen. Menschen mit Down-Syndrom in einem Haus, wo einer geboren wurde, der solche Menschen ermorden ließ. Aber die Lebenshilfe wollte umbauen, man brauchte barrierefreie Zugänge. Die Besitzerin habe sich verweigert, heißt es. Im Innenministerium in Wien, das ja als Hauptmieter fungiert, hält man sich bedeckt. Es gebe keine Bestätigung, dass die Eigentümerin verkaufen wolle. Es müsse eine sinnvolle Lösung geben. Man sei im Gespräch. Was man halt so sagt, wenn man nichts sagen will. Und vielleicht auch nicht weiter weiß.

Dieser Artikel von Cathrin Kahlweit wurde erstmals am 16. November 2012 in der Süddeutschen Zeitung publiziert und uns in dankenswerter Weise von der Autorin zur Publikation in der Dorfzeitung.com freigegeben. Cathrin Kahlweit schreibt für die Süddeutsche Zeitung GmbH und ist Korrespondentin für Mittelosteuropa. Foto:Alessandra Schellnegger.

Weiterführende Links:
Norbert Mappes-Niediek: Entnervt – Debatte um Hitlers Geburtshaus will nicht enden
Cathrin Kahlweit: Sein Haus
Neue Mieter in Hitlers Geburtshaus, Kurier, 05.12.2011
Verein Gedenkdienst

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3 Kommentare zu "Cathrin Kahlweit: Sein Haus"

  1. Ein höchst informativer Artikel, den hoffentlich auch alle Lamprechtshausener (das Dorf ist ja eine der ganz wenigen Gemeinden, in denen 1934 ein Putschversuch stattfand) gelesen haben! Dieser Beitrag passt sehr gut zu: Entnervt – Debatte um Hitlers Geburtshaus will nicht enden von Norbert Mappes-Niediek. Ein Dankeschön auch an die Dorfzeitung, die diese Texte publiziert!

  2. Rochus Gratzfeld Rochus Gratzfeld | 4. Dezember 2012 um 23:50 |

    danke für diesen hervorragenden beitrag!

  3. Markus Metz: Die Diskussion um Adolf Hitlers Geburtshaus aus der Sicht eines Auslands-Braunauers

    Ich bin gebürtiger Braunauer, 27 Jahre alt und habe dort 20 Jahre meines Lebens verbracht, bis ich 2006 meinen Gedenkdienst in Yad Vashem, der nationalen Holocaust Gedenkstätte Israels, angetreten habe. Damals sind Zeitungsartikel in Braunauer Lokalzeitungen mit Titeln wie „Erster Gedenkdiener aus Braunau leistet Zivildienst in Israel“ erschienen. Es war für mich sehr interessant zu beobachten, wie die Menschen in Israel und speziell in Yad Vashem darauf reagierten, wenn sie hörten, dass ich aus Braunau komme. Jene, die Braunau kannten, reagierten überrascht und interessiert! „Gibt es das Geburtshaus noch? Was ist jetzt in dem Geburtshaus?“, lauteten einige der Fragen. Schon damals hätte ich mir gewünscht, dass ich auf solche Fragen antworten kann: “Das Geburtshaus ist nun ein ‚Haus der Verantwortung‘!“ Nach einem Biochemiestudium in München bin ich seit 2010 wieder in Israel, um mein Studium fortzusetzen, und ich höre nach wie vor dieselbigen Fragen.

    Die Berichterstattung über die Nutzung des Geburtshauses ist auch nach Israel vorgedrungen. Und ich kann Braunau beruhigen: Die jüdische Bevölkerung Israels ist Österreich sehr wohlgesonnen. Man hat Österreich für die Mitschuld am Holocaust schon lange vergeben. Man macht Braunau natürlich keine Vorwürfe, man erwartet auch keine Demutsgesten. Die Israelis lächeln nur über die scheinbare Ratlosigkeit der kleinen Provinzstadt. Ein selbstbewussteres Auftreten nach außen würde da Braunau nicht schaden.

    Auch wenn die Weltöffentlichkeit die Sache gar nicht so eng sieht – zumindest die Israelis nicht – ist es mir als Braunauer ein Anliegen, diese Chance, die wir jetzt haben, nicht zu verspielen.

    „Haus der Verantwortung“ ist meines Erachtens ein ausgesprochen schöner Begriff. Dieser Name allein sagt im Prinzip schon alles. Jeder Mensch ist dazu aufgefordert, verantwortlich zu handeln. Jeder Mensch hat Verantwortung für seinen Nächsten. Und auch Braunau ist dazu aufgefordert, verantwortlich zu handeln. „Verantwortung“ bedeutet für Braunau, dass die Stadt durch den geschichtlichen Zufall die Verantwortung geerbt hat, für die Weltöffentlichkeit ein bedeutungsvolles Zeichen zu setzen. Nicht mehr und nicht weniger.

    Ich möchte nicht länger auf meine Heimatstadt angesprochen werden und antworten müssen, dass man dort nicht so recht weiß, wie man mit dem unerwünschten Erbe umgehen soll. Ich möchte antworten können: Dort steht nun das „Haus der Verantwortung“. Die positive Strahlkraft solch eines Namens darf nicht unterschätzt werden.

    Es liegt nun in Braunaus Händen, was die Menschen außerhalb Österreichs über Hitlers Geburtshaus zu hören bekommen!

    Markus Metz in der Dorfzeitung:
    Erster Braunauer Gedenkdiener beendet seinen Dienst in Yad Vashem, der nationalen Holocaust Gedenkstätte Israels.

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