Entnervt – Debatte um Hitlers Geburtshaus will nicht enden

Manchen geht es auf die Nerven, immer nach dem Hitler-Haus gefragt zu werden, und sie schicken die Touristen dann irgendwohin, zum Krankenhaus zum Beispiel. Besonders oft gefragt wird der Verkäufer im Textilgeschäft gegenüber. Er deutet dann immer auf das gelbe Gebäude. Wenn der Hafer ihn juckt, schaut er auch auf die Uhr und sagt: »Kommen Sie um halb eins wieder, da schaut er gern zum Fenster raus!«

Von Norbert Mappes-Niediek

Österreichs problematischste Immobilie

Beste Lage und dennoch steht es leer: Hitlers Geburtshaus (im Vordergrund) in Braunau am Inn, für das die Eigentümerin vom Staat Miete kassiert. Jetzt berät in dem 16 000-Einwohner-Städtchen ein Arbeitskreis darüber, wie das Haus künftig genutzt werden soll.

Wenn man hier geboren ist, hat man für das Haus in der Salzburger Vorstadt Nr. 15 meistens einen Satz auf Lager – nicht immer so einen lustigen, manchmal auch einen weisen, kecken oder auch einen banalen. Für den Umgang aber mit einem solchen Gebäude gibt es nicht einmal außerhalb von Braunau eine Regel.

Aus einem KZ macht man eine Gedenkstätte, eine Kultstätte für Neonazis würde man einfach entfernen. Was aber tun mit einem zweistöckigen Haus in bester Stadtlage, in dem zufällig der Lebensweg des größten Verbrechers der Weltgeschichte begann? Weil alle nur Sätze haben, niemand aber eine überzeugende Formel, steht das Haus schon seit über einem Jahr leer. Für seine Zukunft will niemand die Verantwortung übernehmen.

Georg Wojak, dem munteren Bezirkshauptmann von Braunau am Inn, könnte man einen Vorschlag zutrauen. Weil er aber nicht zuständig ist, lässt er sich auch nur markante Sätze einfallen. Zum Beispiel: »Wir haben uns nicht ausgesucht, dass die Dienstmagd Klara Pölzl hier am 20. April 1889 einen Sohn geboren hat.« Einmal hat Wojak auch gesagt, der Hitler habe hier »bloß die Windeln gefüllt« – was aber prompt die Grünen auf den Plan rief.

Der schon etwas zuständigere Bürgermeister von Braunau diktierte im September einem Redakteur des Wiener »Standard« den teils entnervten, teils frechen Satz, er persönlich stelle sich »schon auch die Frage, wofür ich Verantwortung übernehmen soll«. Er zum Beispiel sei 21 Jahre nach Kriegsende auf die Welt gekommen. Und, schloss er, »so geht es vielen Menschen in Braunau.« Seit die Sätze gefallen sind, ist die Stadt wieder im Gespräch.

NSDAP kaufte das Haus 1938

Braunau am Inn, 16 000 Einwohner, direkt an der Grenze zu Bayern gelegen, ist und war weder ein Schreckensort noch ein besonderes Nazi-Nest. Kriegsverbrechen wurden von hier nicht berichtet. Schon zu dessen Lebzeiten hatte die Geburtsstätte des Führers keine große Bedeutung. Als Adolf drei Jahre alt war, zogen die Eltern nach Passau. Nach dem »Anschluss« 1938 kaufte die NSDAP das Gebäude, nicht um es zum Wallfahrtsort zu machen, sondern eher um zu verhindern, dass andere das Symbol besetzten. Eine Galerie mit den Bildern regionaler Künstler wurde hier untergebracht.

Der »Führer« selbst liebte es, seine Biografie in mystisches Dunkel zu tauchen, und verband wenig mit Braunau. Als er am Nachmittag des 12. März 1938 den Soldaten seiner Wehrmacht folgte und im offenen Wagen in sein Heimatland Österreich einfuhr, wählte er zwar seinen Geburtsort Braunau als Grenzübergang. Die Kolonne blieb dort aber nicht einmal stehen. Ältere Braunauer erzählten über Jahrzehnte die folgende Geschichte:

An der Brücke über den Inn hatte sich zum Willkommensgruß auch die örtliche NS-Frauenschaftsführerin aufgestellt. Weil sie 14 Tage zuvor ihren Mann verloren hatte, trug sie schwarz und einen Schleier. Der abergläubische Hitler soll so erschrocken sein vor der unheimlichen Schicksalsgöttin, dass er wortlos und erstarrten Blicks an seinem Geburtshaus vorbei gefahren sei. Bis zu seinem Ende hat er Braunau nicht wieder gesehen.

1912, zwanzig Jahre nachdem die Hitlers dort ausgezogen waren und ihr Sohn Adolf noch völlig unbekannt, kaufte das Braunauer Gastwirtspaar Josef und Maria Pommer das Haus. Sie ahnten nicht, dass es für sie und ihre Nachkommen zur Goldader werden würde.

Als die Nazis es dann kaufen wollten, pokerten die Pommers so hoch, dass Reichsleiter Martin Bormann die Geduld verlor und brieflich drohte, man werde notfalls »andere Maßnahmen« ergreifen. Immerhin zahlte Hitlers Privatsekretär noch 150 000 Reichsmark, mindestens das Doppelte, nach anderen Angaben das Vierfache des damaligen Werts.

Nach dem Krieg kam ihre Erbin und Tochter Kreszenzia Pommer um Rückgabe des Hauses an, das als »deutsches Eigentum« jetzt der Republik zugefallen war, und zeigte als Argument den Bormann-Brief vor. Nach sechs Jahren schließlich, 1954, wurde ihr das Haus förmlich rückübertragen – für 150.000 Schilling, kaum mehr als ein Zwanzigstel des Preises, den ihre Eltern dafür bekommen hatten.

Enteignung steht nicht zur Debatte

Die Republik mietete das Haus dann aber sogleich wieder an und überließ es der Stadt zur Nutzung. »Primäres Ziel« dieser Konstruktion, so ein Sprecher des Innenministeriums, sei damals wie heute, dass das Haus nicht »zu bedenklichen Zwecken« genützt würde. Wie viel die heutige Eigentümerin, Zenzis Tochter Gerlinde, im Monat vom Staat bekommt, mag der Sprecher nicht sagen; in Braunau will man von 4700 Euro wissen. Sicher ist, dass die »Pommer Gerli«, wie man sie hier nennt, für Erhaltung und Renovierung keinen Cent bezahlt und sich um die Nutzung des Hauses nicht scheren muss.

Eine Enteignung stehe »nicht zur Diskussion«, so das Ministerium, obwohl sie auch in Österreich möglich wäre, »wenn es das allgemeine Beste erheischt«. So wie die Verantwortlichen das »allgemeine Beste« auslegen, ist die gegenwärtige, wiewohl teure Konstruktion allerdings wirklich die bessere.

Gedanken könne man sich ja viele machen, sagt der Ortshistoriker Florian Kotanko, Geschichts- und Lateinlehrer am Gymnasium: »Aber es hängt alles an Frau Pommer.« Wenn immer es um die Zukunft des Hauses geht, können Republik, Land und alle anderen auf die unscheinbare Dame in den Sechzigern verweisen, die allem zustimmen muss und ansonsten kassiert und schweigt.

Seit den 50er Jahren beherbergte das große Haus teils gleichzeitig, teils nacheinander ein Gasthaus, eine Bank, die Bücherei, eine technische Lehranstalt und einige Klassen der Hauptschule. 1977 schließlich gab die Stadt das ganze Haus der Lebenshilfe, die eine Tagesförderstätte hier einrichtete. Eine ideale Lösung:

Man musste nichts sagen, und doch verstand es jeder spontan als den stillen Triumph von Menschen, die unter Hitler ermordet worden wären. Im September vorigen Jahres allerdings zogen die Behinderten aus. »Wir hätten einen Lift gebraucht und eine Rampe, um das Haus barrierefrei zu machen«, sagt Andreas Wimmer von der Lebenshilfe. »Aber die Eigentümerin wollte das nicht.« Warum, hat Frau Pommer wieder mal nicht verraten.

Trotz der scheinbaren Beiläufigkeit im Umgang mit seinem Hitler-Haus ist Braunau ein magischer Ort geblieben. Unheimlich wird es jedes Jahr am 20. April, wenn die Polizei einrückt, die Einheimischen in den Häusern bleiben und Bürger und Polizei – vergeblich – auf die Neonazis warten.

Wer im Ausland gefragt wird, wo er herkommt, sagt meistens »aus Oberösterreich« oder »aus der Nähe von Salzburg«. Manchmal tauchen fragwürdige Figuren auf.

Ein Ostdeutscher mit dem sprechenden Namen Thoralf Meinl machte zum Entsetzen der Stadtväter hier einen »Thor-Steinar-Laden« auf, der allerlei Tand mit Wotan, Wikingern und Runen verkaufte, bis er mangels Kundschaft aufgab. Auch eine kleine, aber organisierte Neonazi-Szene gibt es in Braunau, sagt Raffael Schöberl vom »Bündnis Braunau gegen rechts«.

Dass die düstere Magie auch bei noch so lautem Schweigen nie ganz vergehen würde, begriff als Erster 1989 der damalige Bürgermeister Gerhard Skiba, ein linker Sozialdemokrat, und ließ vor dem Haus einen Gedenkstein aufstellen: »Für Frieden, Freiheit und Demokratie / Nie wieder Faschismus / Millionen Tote mahnen.« Heute gibt es hier ein Bündnis »Braunau gegen rechts« und seit 1992 die »Braunauer Zeitgeschichte-Tage«, die sich gründlich mit dem »unerwünschten Erbe« auseinandergesetzt haben.

Ideen gibt eine Menge. Der Innsbrucker Historiker Andreas Maislinger, in Österreich einer der wenigen Spezialisten in Fragen des Gedenkens, hat ein »Haus der Verantwortung« vorgeschlagen: Zivildienstleistende aus Österreich und junge Freiwillige aus EU-Ländern sollen hier zeitweise gemeinsam leben und sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen.

Der ÖVP-Bürgermeister Johannes Waidbacher hätte dagegen am liebsten Wohnungen hier, wie er dem »Standard« sagte, wohl mit dem naiven Hintergedanken, die Geschichte des Hauses werde dann irgendwann in Vergessenheit geraten. Als sein Vorschlag in der Weltpresse mit Kopfschütteln aufgenommen wurde, ist er abgetaucht.

Arbeitskreis soll Lösung finden

Der Braunauer SPÖ-Abgeordnete Harry Buchmayr kann sich ein Museum von Biografien aus der Zeit von 1920 bis 1938 vorstellen, »als in Österreich große Armut herrschte und viele darüber zu Nazis wurden«. Er hat nun durchgesetzt, dass es immerhin einen Arbeitskreis gibt: Interessierte Gemeinderäte und einige sattelfeste Historiker sollen sich gemeinsam eine Lösung ausdenken. »Wenn alle sich einig sind«, sagt Buchmayr, »wird sich wohl auch die Eigentümerin einer Lösung nicht verschließen.«

»Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute«, so beginnt Hitler sein programmatisches Opus »Mein Kampf«, »dass das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies.« Nach dem Tod wurde aus dem Glück ein Fluch, und der Arbeitskreis, der am 20. November das erste Mal tagen soll, muss ihn nun bannen.

Wie Österreich und sein abtrünniger Sohn sich zueinander verhalten, ist immer noch nicht ganz klar. In der Schule haben die Älteren noch gelernt, die Nazis seien Deutsche und Österreich das »erste Opfer Hitlers« gewesen. Von den Jüngeren haben viele von ihrem Lehrer gehört, dass die Anzahl der NSDAP-Mitglieder in Österreich nach dem Anschluss noch höher war als im Altreich. Wer die gültige Formel formuliert, ist ebenfalls noch unklar. Frau Pommer macht keine Anstalten dazu.

 

Info:

Norbert Mappes-Niediek ist seit 1992 Österreich- und Südosteuropa-Korrespondent für deutsche und niederländische Tageszeitungen. Dieser Artikel wurde erstmals am 3. November 2012 im Main-Echo publiziert und wurde uns vom Autor zur Veröffentlichung freigegeben.

Weitere Infos zu Norbert Mappes-Niediek und seiner publizierten Bücher finden Sie hier:  http://www.perlentaucher.de/autor/norbert-mappes-niediek.html

Links:
Norbert Mappes-Niediek: Entnervt – Debatte um Hitlers Geburtshaus will nicht enden
Cathrin Kahlweit: Sein Haus
Neue Mieter in Hitlers Geburtshaus, Kurier, 05.12.2011

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2 Kommentare zu "Entnervt – Debatte um Hitlers Geburtshaus will nicht enden"

  1. Zu Hitlers Geburtshaus, wenn der Käufer es zustande bringt Stalins Geburtshaus wegzureißen, dann kann er auch das Hitlerhaus erwerben.

    Gruß K Vlasak

  2. Dieses Haus könnte auch als “Denkhaus” genutzt werden, um kommenden und aktuellen braunen Tendenzen entgegen zu wirken und um aufzuklären.

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